少年维特的烦恼 德文版 Die Leiden des jungen Werther
歌德 Johann Wolfgang von Goethe
Am 20. Dezember Page 2

 

Ullin trat auf mit der Harfe und gab uns Alpins Gesang--AlpinsStimme war freundlich, Rynos Seele ein Feuerstrahl. Aber schon ruhtensie im engen Hause, und ihre Stimme war verhallet in Selma. Einstkehrte Ullin zurück von der Jagd, ehe die Helden noch fielen. Erhörte ihren Wettegesang auf dem Hügel. Ihr Lied war sanft, abertraurig. Sie klagten Morars Fall, des ersten der Helden. Seine Seelewar wie Fingals Seele, sein Schwert wie das Schwert Oskars--aber erfiel, und sein Vater jammerte, und seiner Schwester Augen waren vollTränen, Minonas Augen waren voll Tränen, der Schwester des herrlichenMorars. Sie trat zurück vor Ullins Gesang, wie der Mond in Westen,der den Sturmregen voraussieht und sein schönes Haupt in eine Wolkeverbirgt.--Ich schlug die Harfe mit Ullin zum Gesange des Jammers.

Ryno

Vorbei sind Wind und Regen, der Mittag ist so heiter, die Wolkenteilen sich. Fliehend bescheint den Hügel die unbeständige Sonne.Rötlich fließt der Strom des Bergs im Tale hin. Süß ist dein Murmeln,Strom; doch süßer die Stimme, die ich höre. Es ist Alpins Stimme, erbejammert den Toten. Sein Haupt ist vor Alter gebeugt und rot seintränendes Auge. Alpin, trefflicher Sänger, warum allein auf demschweigenden Hügel? Warum jammerst du wie ein Windstoß im Walde, wieeine Welle am fernen Gestade?

Alpin

Meine Tränen, Ryno, sind für den Toten, meine Stimme für dieBewohner des Grabs. Schlank bist du auf dem Hügel, schön unter denSöhnen der Heide. Aber du wirst fallen wie Morar, und auf deinemGrabe wird der Trauernde sitzen. Die Hügel werden dich vergessen,dein Bogen in der Halle liegen ungespannt.

Du warst schnell, o Morar, wie ein Reh auf dem Hügel, schrecklichwie die Nachtfeuer am Himmel. Dein Grimm war ein Sturm, dein Schwertin der Schlacht wie Wetterleuchten über der Heide. Deine Stimmeglich dem Waldstrome nach dem Regen, dem Donner auf fernen Hügeln.Manche fielen von deinem Arm, die Flamme deines Grimmes verzehrte sie.Aber wenn du wiederkehrtest vom Kriege, wie friedlich war deineStirne! Dein Angesicht war gleich der Sonne nach dem Gewitter,gleich dem Monde in der schweigenden Nacht, ruhig deine Brust wie derSee, wenn sich des Windes Brausen gelegt hat.

Eng ist nun deine Wohnung, finster deine Stätte! Mit drei Schrittenmess' ich dein Grab, o du, der du ehe so groß warst! Vier Steine mitmoosigen Häupten sind dein einziges Gedächtnis; ein entblätterterBaum, langes Gras, das im Winde wispelt, deutet dem Auge des Jägersdas Grab des mächtigen Morars. Keine Mutter hast du, dich zu beweinen,kein Mädchen mit Tränen der Liebe. Tot ist, die dich gebar,gefallen die Tochter von Morglan.

Wer auf seinem Stabe ist das? Wer ist es, dessen Haupt weiß ist vorAlter, dessen Augen rot sind von Tränen? Es ist dein Vater, o Morar,der Vater keines Sohnes außer dir. Er hörte von deinem Ruf in derSchlacht, er hörte von zerstobenen Feinden; er hörte Morars Ruhm!Ach! Nichts von seiner Wunde? Weine, Vater Morars, weine! Aber deinSohn hört dich nicht. Tief ist der Schlaf der Toten, niedrig ihrKissen von Staube. Nimmer achtet er auf die Stimme, nie erwacht erauf deinen Ruf. O wann wird es Morgen im Grabe, zu bieten demSchlummerer: Erwache!

Lebe wohl, edelster der Menschen, du Eroberer im Felde! Aber nimmerwird dich das Feld sehen, nimmer der düstere Wald leuchten vom Glanzedeines Stahls. Du hinterließest keinen Sohn, aber der Gesang solldeinen Namen erhalten, künftige Zeiten sollen von dir hören, hörenvon dem gefallenen Morar.

Laut war die Trauer der Helden, am lautesten Armins berstenderSeufzer. Ihn erinnerte es an den Tod seines Sohnes, er fiel in denTagen der Jugend. Carmor saß nah bei dem Helden, der Fürst deshallenden Galmal. "Warum schluchzet der Seufzer Armins?" sprach er,"was ist hier zu weinen? Klingt nicht ein Lied und ein Gesang, dieSeele zu schmelzen und zu ergetzen? Sie sind wie sanfter Nebel, dersteigend vom See aufs Tal sprüht, und die blühenden Blumen füllet dasNaß; aber die Sonne kommt wieder in ihrer Kraft, und der Nebel istgegangen. Warum bist du so jammervoll, Armin, Herrscher desseeumflossenen Gorma?"

"Jammervoll! Wohl das bin ich, und nicht gering die Ursache meinesWehs.--Carmor, du verlorst keinen Sohn, verlorst keine blühendeTochter; Colgar, der Tapfere, lebt, und Annira, die schönste derMädchen. Die Zweige deines Hauses blühen, o Carmor; aber Armin istder Letzte seines Stammes. Finster ist dein Bett, o Daura! Dumpf istdein Schlaf in dem Grabe--wann erwachst du mit deinen Gesängen, mitdeiner melodischen Stimme? Auf, ihr Winde des Herbstes! Auf, stürmtüber die finstere Heide! Waldströme, braust! Heult, Ströme, imGipfel der Eichen! Wandle durch gebrochene Wolken, o Mond, zeigewechselnd dein bleiches Gesicht! Erinnre mich der schrecklichenNacht, da meine Kinder umkamen, da Arindal, der Mächtige, fiel, Daura,die Liebe, verging.

"Daura, meine Tochter, du warst schön, schön wie der Mond auf denHügeln von Fura, weiß wie der gefallene Schnee, süß wie die atmendeLuft! Arindal, dein Bogen war stark, dein Speer schnell auf demFelde, dein Blick wie Nebel auf der Welle, dein Schild eine Feuerwolkeim Sturme!

"Armar, berühmt im Kriege, kam und warb um Dauras Liebe; siewiderstand nicht lange. Schön waren die Hoffnungen ihrer Freunde."

Erath, der Sohn Odgals, grollte, denn sein Bruder lag erschlagenvon Armar. Er kam, in einen Schiffer verkleidet. Schön war seinNachen auf der Welle, weiß seine Locken vor Alter, ruhig sein ernstesGesicht. "Schönste Mädchen," sagte er, "liebliche Tochter vonArmin, dort am Felsen, nicht fern in der See, wo die rote Frucht vomBaume herblinkt, dort wartet Armar auf Daura: ich komme, seine Liebezu führen über die rollende See.

Sie folgt' ihm und rief nach Armar; nichts antwortete als dieStimme des Felsens. "Armar! Mein Lieber! Mein Lieber! Warumängstest du mich so? Höre, Sohn Arnarths! Höre! Daura ist's, diedich ruft!

Erath, der Verräter, floh lachend zum Lande. Sie erhob ihre Stimme,rief nach ihrem Vater und Bruder: "Arindal! Armin! Ist keiner,seine Daura zu retten?"

Dieser Arm hat sie umfaßt, diese Lippenhaben auf ihren Lippen gezittert, dieser Mund hat an dem ihrigengestammelt. Sie ist mein!

Ihre Stimme kam über die See. Arindal, mein Sohn, stieg vom Hügelherab, rauh in der Beute der Jagd, seine Pfeile rasselten an seinerSeite, seinen Bogen trug er in der Hand, fünf schwarzgraue Doggenwaren um ihn. Er sah den kühnen Erath am Ufer, faßt' und band ihn andie Eiche, fest umflocht er seine Hüften, der Gefesselte füllte mitÄchzen die Winde.

Arindal betritt die Wellen in seinem Boote, Daura herüber zubringen. Armar kam in seinem Grimme, drückt' ab den grau befiedertenPfeil, er klang, er sank in dein Herz, "o Arindal, mein Sohn! StattEraths, des Verräters, kamst du um, das Boot erreichte den Felsen, ersank dran nieder und starb. Zu deinen Füßen floß deines Bruders Blut,welch war dein Jammer, o Daura! Die Wellen zerschmettern das Boot.Armar stürzt sch in die See, seine Daura zu retten oder zu sterben.Schnell stürmte ein Stoß vom Hügel in die Wellen, er sank und hobsich nicht wieder.

Allein auf den seebespülten Felsen hört' ich die Klagen meinerTochter. Viel und laut war ihr Schreien, doch konnt' sie ihr Vaternicht retten. Die ganze Nacht stand ich am Ufer, ich sah sie imschwachen Strahle des Mondes, die ganze Nacht hört' ich ihr Schreien,laut war der Wind, und der Regen schlug scharf nach der Seite desBerges. Ihre Stimme ward schwach, ehe der Morgen erschien, sie starbweg wie die Abendluft zwischen dem Grase der Felsen. Beladen mitJammer starb sie und ließ Armin allein! Dahin ist meine Stärke imKriege, gefallen mein Stolz unter den Mädchen.

Wenn die Stürme des Berges kommen, wenn der Nord die Wellenhochhebt, sitz' ich am schallenden Ufer, schaue nach dem schrecklichenFelsen. Oft im sinkenden Monde seh' ich die Geister meiner Kinder,halb dämmernd wandeln sie zusammen in traurigen Eintracht."

Ein Strom von Tränen, der aus Lottens Augen brach und ihremgepreßten Herzen Luft machte, hemmte Werthers Gesang. Er warf dasPapier hin, faßte ihre Hand und weinte die bittersten Tränen. Lotteruhte auf der andern und verbarg ihre Augen ins Schnupftuch. DieBewegung beider war fürchterlich. Sie fühlten ihr eigenes Elend indem Schicksale der Edlen, fühlten es zusammen, und ihre Tränenvereinigten sich. Die Lippen und Augen Werthers glühten an LottensArme; ein Schauer überfiel sie; sie wollte sich entfernen, undSchmerz und Anteil lagen betäubend wie Blei auf ihr. Sie atmete,sich zu erholen, und bat ihn schluchzend fortzufahren, bat mit derganzen Stimme des Himmels! Werther zitterte, sein Herz wollte bersten,er hob das Blatt auf und las halb gebrochen:

"Warum weckst du mich, Frühlingsluft? Du buhlst und sprichst: ichbetaue mit Tropfen des Himmels! Aber die Zeit meines Welkens ist nahe,nahe der Sturm, der meine Blätter herabstört! Morgen wird derWanderer kommen, kommen der mich sah in meiner Schönheit, ringsumwird sein Auge im Felde mich suchen und wird mich nicht finden.--"

berühmt im Kriege, kam und warb um Dauras Liebe; siewiderstand.

Die ganze Gewalt dieser Worte fiel über den Unglücklichen.

Er warf sich vor Lotten nieder in der vollen Verzweifelung, faßteihre Hände, drückte sie in seine Augen, wider seine Stirn, und ihrschien eine Ahnung seines schrecklichen Vorhabens durch die Seele zufliegen. Ihre Sinne verwirrten sich, sie drückte seine Hände,drückte sie wider ihre Brust, neigte sich mit einer wehmütigenBewegung zu ihm, und ihre glühenden Wangen berührten sich. Die Weltverging ihnen. Er schlang seine Arme um sie her, preßte sie an seineBrust und deckte ihre zitternden, stammelnden Lippen mit wütendenKüssen.--"Werther!" rief sie mit erstickter Stimme, sich abwendend,"Werther!" und drückte mit schwacher Hand seine Brust von derihrigen; "Werther!" rief sie mit dem gefaßten Tone des edelstenGefühles.--Er widerstand nicht, ließ sie sich aus seinen Armen undwarf sich unsinnig vor sie hin.--Sie riß sich auf, und inängstlicher Verwirrung, bebend zwischen Liebe und Zorn, sagte sie:"Das ist das letzte Mal! Werther! Sie sehn mich nicht wieder." Undmit dem vollsten Blick der Liebe auf den Elenden eilte sie insNebenzimmer und schloß hinter sich zu.--Werther streckte ihr dieArme nach, getraute sich nicht, sie zu halten. Er lag an der Erde,den Kopf auf dem Kanapee, und in dieser Stellung blieb er über einehalbe Stunde, bis ihn ein Geräusch zu sich selbst rief. Es war dasMädchen, das den Tisch decken wollte. Er ging im Zimmer auf und ab,und da er sich wieder allein sah, ging er zur Türe des Kabinetts undrief mit leiser Stimme: "Lotte! Lotte! Nur noch ein Wort! EinLebewohl!"--Sie schwieg.--Er harrte und bat und harrte; dann riß ersich weg und rief: "lebe wohl, Lotte! Auf ewig lebe wohl!"

Er kam ans Stadttor. Die Wächter, die ihn schon gewohnt waren,ließen ihn stillschweigend hinaus. Es stiebte zwischen Regen undSchnee, und erst gegen eilfe klopfte er wieder. Sein Diener bemerkte,als Werther nach Hause kam, daß seinem Herrn der Hut fehlte. Ergetraute sich nicht, etwas zu sagen, entkleidete ihn, alles war naß.Man hat nachher den Hut auf einem Felsen, der an dem Abhange desHügels ins Tal sieht, gefunden, und es ist unbegreiflich, wie er ihnin einer finstern, feuchten Nacht, ohne zu stürzen, erstiegen hat.

Er legte sich zu Bette und schlief lange. Der Bediente fand ihnschreibend, als er ihm den andern Morgen auf sein Rufen den Kaffeebrachte. Er schrieb folgendes am Briefe an Lotten:

"Zum letztenmale denn, zum letztenmale schlage ich diese Augen auf.Sie sollen, ach, die Sonne nicht mehr sehn, ein trüber, neblichterTag hält sie bedeckt. So traure denn, Natur! Dein Sohn, dein Freund,dein Geliebter naht sich seinem Ende. Lotte, das ist ein Gefühlohnegleichen, und doch kommt es dem dämmernden Traum am nächsten, zusich zu sagen: das ist der letzte Morgen. Der letzte! Lotte, ichhabe keinen Sinn für das Wort: der letzte! Stehe ich nicht da inmeiner ganzen Kraft, und morgen liege ich ausgestreckt und schlaff amBoden. Sterben! Was heißt das? Siehe, wir träumen, wenn wir vomTode reden. Ich habe manchen sterben sehen; aber so eingeschränkt istdie Menschheit, daß sie für ihres Daseins Anfang und Ende keinen Sinnhat. Jetzt noch mein, dein! Dein, o Geliebte! Und einenAugenblick--getrennt, geschieden--vielleicht auf ewig?--Nein, Lotte,nein--wie kann ich vergehen? Wie kannst du vergehen? Wir sind ja!--vergehen!--Was heißt das? Das ist wieder ein Wort, ein leererSchall, ohne Gefühl für mein Herz.--Tot, Lotte! Eingescharrt derkalten Erde, so eng! So finster!--Ich hatte eine Freundin, die meinalles war meiner hülflosen Jugend; sie starb, und ich folgte ihrerLeiche und stand an dem Grabe, wie sie den Sarg hinunterließen unddie Seile schnurrend unter ihm weg und wieder herauf schnellten, danndie erste Schaufel hinunterschollerte, und die ängstliche Lade einendumpfen Ton wiedergab, und dumpfer und immer dumpfer, und endlichbedeckt war!--Ich stürzte neben das Grab hin--ergriffen, erschüttert,geängstigt, zerrissen mein Innerstes, aber ich wußte nicht, wie mirgeschah--wie mir geschehen wird--Sterben! Grab! Ich verstehe dieWorte nicht!

O vergib mir! Vergib mir! Gestern! Es hätte der letzte Augenblickmeines Lebens sein sollen. O du Engel! Zum ersten Male, zum erstenMale ganz ohne Zweifel durch mein innig Innerstes durchglühte michdas Wonnegefühl: sie liebt mich! Sie liebt mich! Es brennt noch aufmeinen Lippen das heilige Feuer, das von den deinigen strömte, neue,warme Wonne ist in meinem Herzen. Vergib mir! Vergib mir!

Ach, ich wußte, daß du mich liebtest, wußte es an den erstenseelenvollen Blicken, an dem ersten Händedruck, und doch, wenn ichwieder weg war, wenn ich Alberten an deiner Seite sah, verzagte ichwieder in fieberhaften Zweifeln.

Erinnerst du dich der Blumen, die du mir schicktest, als du injener fatalen Gesellschaft mir kein Wort sagen, keine Hand reichenkonntest? O, ich habe die halbe Nacht davor gekniet, und sieversiegelten mir deine Liebe. Aber ach! Diese Eindrücke gingenvorüber, wie das Gefühl der Gnade seines Gottes allmählich wieder ausder Seele des Gläubigen weicht, die ihm mit ganzer Himmelsfülle inheiligen, sichtbaren Zeichen gereicht ward.

Alles das ist vergänglich, aber keine Ewigkeit soll das glühendeLeben auslöschen, das ich gestern auf deinen Lippen genoß, das ich inmir fühle! Sie liebt mich! Dieser Arm hat sie umfaßt, diese Lippenhaben auf ihren Lippen gezittert, dieser Mund hat an dem ihrigengestammelt. Sie ist mein! Du bist mein! Ja, Lotte, auf ewig.

Und was ist das, daß Albert dein Mann ist? Mann! Das wäre denn fürdiese Welt--und für diese Welt Sünde, daß ich dich liebe, daß ichdich aus seinen Armen in die meinigen reißen möchte? Sünde? Gut,und ich strafe mich dafür; ich habe sie in ihrer ganzen Himmelswonnegeschmeckt, diese Sünde, habe Lebensbalsam und Kraft in mein Herzgesaugt. Du bist von diesem Augenblicke mein! Mein, o Lotte! Ichgehe voran! Gehe zu meinem Vater, zu deinem Vater. Dem will ich'sklagen, und er wird mich trösten, bis du kommst, und ich fliege direntgegen und fasse dich und bleibe bei dir vor dem Angesichte desUnendlichen in ewigen Umarmungen.

Ich träume nicht, ich wähne nicht! Nahe am Grabe wird mir es heller.Wir werden sein! Wir werden uns wieder sehen! Deine Mutter sehen!Ich werde sie sehen, werde sie finden, ach, und vor ihr mein ganzesHerz ausschütten! Deine Mutter, dein Ebenbild."

Gegen eilfe fragte Werther seinen Bedienten, ob wohl Albertzurückgekommen sei? Der Bediente sagte: ja, er habe dessen Pferddahinführen sehen. Darauf gibt ihm der Herr ein offenes Zettelchendes Inhalts: "Wollten Sie mir wohl zu einer vorhabenden Reise IhrePistolen leihen? Leben Sie recht wohl!"

Die liebe Frau hatte die letzte Nacht wenig geschlafen; was siegefürchtet hatte, war entschieden, auf eine Weise entschieden, diesie weder ahnen noch fürchten konnte. Ihr sonst so rein und leichtfließendes Blut war in einer fieberhaften Empörung, tausenderleiMepfindungen zerrütteten das schöne Herz. War es das Feuer vonWerthers Umarmungen, das sie in ihrem Busen fühlte? War es Unwilleüber seine Verwegenheit? War es eine unmutige Vergleichung ihresgegenwärtigen Zustandes mit jenen Tagen ganz unbefangener, freierUnschuld und sorglosen Zutrauens an sich selbst? Wie sollte sieihrem Manne entgegengehen, wie ihm eine Szene bekennen, die sie sogut gestehen durfte, und die sie sich doch zu gestehen nichtgetraute? Sie hatten so lange gegen einander geschwiegen, und solltesie die erste sein, die das Stillschweigen bräche und eben zurunrechten Zeit ihrem Gatten eine so unerwartete Entdeckung machte?Schon fürchtete sie, die bloße Nachricht von Werthers Besuch werdeihm einen unangenehmen Eindruck machen, und nun gar diese unerwarteteKatastrophe! Konnte sie wohl hoffen, daß ihr Mann sie ganz im rechtenLichte sehen, ganz ohne Vorurteil aufnehmen würde? Und konnte siewünschen, daß er in ihrer Seele lesen möchte? Und doch wieder, konntesie sich verstellen gegen den Mann, vor dem sie immer wie einkristallhelles Glas offen und frei gestanden und dem sie keine ihrerEmpfindungen jemals verheimlicht noch verheimlichen können? Eins unddas andre machte ihr Sorgen und setzte sie in Verlegenheit; und immerkehrten ihre Gedanken wieder zu Werthern, der für sie verloren war,den sie nicht lassen konnte, den sie--leider!--sich selbstüberlassen mußte, und dem, wenn er sie verloren hatte, nichts mehrübrig blieb.

Wie schwer lag jetzt, was sie sich in dem Augenblick nicht deutlichmachen konnte, die Stockung auf ihr, die sich unter ihnen festgesetzthatte! So verständige, so gute Menschen fingen wegen gewisserheimlicher Verschiedenheiten unter einander zu schweigen an, jedesdachte seinem Recht und dem Unrechte des andern nach, und dieVerhältnisse verwickelten und verhetzten sich dergestalt, daß esunmöglich ward, den Knoten eben in dem kritischen Momente, von demalles abhing, zu lösen. Hätte eine glückliche Vertraulichkeit siefrüher wieder einander näher gebracht, wäre Liebe und Nachsichtwechselsweise unter ihnen lebendig worden und hätte ihre Herzenaufgeschlossen, vielleicht wäre unser Freund noch zu retten gewesen.

Noch ein sonderbarer Umstand kam dazu. Werther hatte, wie wir ausseinen Briefen wissen, nie ein Geheimnis daraus gemacht, daß er sichdiese Welt zu verlassen sehnte. Albert hatte ihn oft bestritten, auchwar zwischen Lotten und ihrem Mann manchmal die Rede davon gewesen.Dieser, wie er einen entschiedenen Widerwillen gegen die Tat empfand,hatte auch gar oft mit einer Art von Empfindlichkeit, die sonst ganzaußer seinem Charakter lag, zu erkennen gegeben, daß er an dem Ernsteines solchen Vorsatzes sehr zu zweifeln Ursach' finde, er hatte sichsogar darüber einigen Scherz erlaubt und seinen Unglauben Lottenmitgeteilt. Dies beruhigte sie zwar von einer Seite, wenn ihreGedanken ihr das traurige Bild vorführten, von der andern aber fühltesie sich auch dadurch gehindert, ihrem Manne die Besorgnissemitzuteilen, die sie in dem Augenblicke quälten.

Albert kam zurück, und Lotte ging ihm mit einer verlegenenHastigkeit entgegen, er war nicht heiter, sein Geschäft war nichtvollbracht, er hatte an dem benachbarten Amtmanne einen unbiegsamen,kleinsinnigen Menschen gefunden. Der Üble Weg auch hatte ihnverdrießlich gemacht.

Er fragte, ob nichts vorgefallen sei, und sie antwortete mitÜbereilung: Werther sei gestern abends dagewesen. Er fragte, obBriefe gekommen, und er erhielt zur Antwort, daß ein Brief und Paketeauf seiner Stube lägen. Er ging hinüber, und Lotte blieb allein. DieGegenwart des Mannes, den sie liebte und ehrte, hatte einen neuenEindruck in ihr Herz gemacht. Das Andenken seines Edelmuts, seinerLiebe und Güte hatte ihr Gemüt mehr beruhigt, sie fühlte einenheimlichen Zug, ihm zu folgen, sie nahm ihre Arbeit und ging auf seinZimmer, wie sie mehr zu tun pflegte. Sie fand ihn beschäftigt, diePakete zu erbrechen und zu lesen. Einige schienen nicht dasAngenehmste zu enthalten. Sie tat einige Fragen an ihn, die er kurzbeantwortete, und sich an den Pult stellte, zu schreiben.

Sie waren auf diese Weise eine Stunde nebeneinander gewesen, und esward immer dunkler in Lottens Gemüt. Sie fühlte, wie schwer es ihrwerden würde, ihrem Mann, auch wenn er bei dem besten Humor wäre, daszu entdecken, was ihr auf dem Herzen lag; sie verfiel in eine Wehmut,die ihr um desto ängstlicher ward, als sie solche zu verbergen undihre Tränen zu verschlucken suchte.

Die Erscheinung von Werthers Knaben setzte sie in die größteVerlegenheit; er überreichte Alberten das Zettelchen, der sichgelassen nach seiner Frau wendete und sagte: "gib ihm die Pistolen."--"Ich lasse ihm glückliche Reise wünschen." sagte er zum Jungen.--Das fiel auf sie wie ein Donnerschlag, sie schwankte aufzustehen,sie wußte nicht, wie ihr geschah. Langsam ging sie nach der Wand,zitternd nahm sie das Gewehr herunter, putzte den Staub ab undzauderte, und hätte noch lange gezögert, wenn nicht Albert durcheinen fragenden Blick sie gedrängt hätte. Sie gab das unglücklicheWerkzeug dem Knaben, ohne ein Wort vorbringen zu können, und als derzum Hause hinaus war, machte sie ihre Arbeit zusammen, ging in ihrZimmer, in dem Zustande der unaussprechlichsten Ungewißheit. IhrHerz weissagte ihr alle Schrecknisse. Bald war sie im Begriffe, sichzu den Füßen ihres Mannes zu werfen, ihm alles zu entdecken, dieGeschichte des gestrigen Abends, ihre Schuld und ihre Ahnungen. Dannsah sie wieder keinen Ausgang des Unternehmens, am wenigsten konntesie hoffen, ihren Mann zu einem Gange nach Werthern zu bereden. DerTisch ward gedeckt, und eine gute Freundin, die nur etwas zu fragenkam, gleich gehen wollte--und blieb, machte die Unterhaltung beiTische erträglich; man zwang sich, man redete, man erzählte, manvergaß sich.

Der Knabe kam mit den Pistolen zu Werthern, der sie ihm mitEntzücken abnahm, als er hörte, Lotte habe sie ihm gegeben. Er ließsich Brot und Wein bringen, hieß den Knaben zu Tische gehen undsetzte sich nieder, zu schreiben.

"Sie sind durch deine Hände gegangen, du hast den Staub davongeputzt, ich küsse sie tausendmal, du hast sie berührt! Und du, Geistdes Himmels, begünstigst meinen Entschluß, und du, Lotte, reichst mirdas Werkzeug, du, von deren Händen ich den Tod zu empfangen wünschte,und ach! Nun empfange. O ich habe meinen Jungen ausgefragt. Duzittertest, als du sie ihm reichtest, du sagtest kein Lebewohl!--Wehe! Wehe! Kein Lebewohl!--solltest du dein Herz für michverschlossen haben, um des Augenblicks willen, der mich ewig an dichbefestigte? Lotte, kein Jahrtausend vermag den Eindruck auszulöschen!Und ich fühle es, du kannst den nicht hassen, der so für dich glüht."

Nach Tische hieß er den Knaben alles vollends einpacken, zerrißviele Papiere, ging aus und brachte noch kleine Schulden in Ordnung.Er kam wieder nach Hause, ging wieder aus vors Tor, ungeachtet desRegens, in den gräflichen Garten, schweifte weiter in der Gegendumher und kam mit anbrechender Nacht zurück und schrieb.

"Wilhelm, ich habe zum letzten Male Feld und Wald und den Himmelgesehen. Leb wohl auch du! Liebe Mutter, verzeiht mir! Tröste sie,Wilhelm! Gott segne euch! Meine Sachen sind alle in Ordnung. Lebtwohl! Wir sehen uns wieder und freudiger."

"Ich habe dir Übel gelohnt, Albert, und du vergibst mir. Ich habeden Frieden deines Hauses gestört, ich habe Mißtrauen zwischen euchgebracht. Lebe wohl! Ich will es enden. O daß ihr glücklich wäretdurch meinen Tod! Albert! Albert! Mache den Engel glücklich! Undso wohne Gottes Segen über dir!"

Er kannte den Abend noch viel in seinen Papieren, zerriß vieles undwarf es in den Ofen, versiegelte einige Päcke mit den Adressen anWilhelm. Sie enthielten kleine Aufsätze, abgerissene Gedanken, derenich verschiedene gesehen habe; und nachdem er um zehn Uhr Feuer hattenachlegen und sich eine Flasche Wein geben lassen, schickte er denBedienten, dessen Kammer wie auch die Schlafzimmer der Hausleute weithinten hinaus waren, zu Bette, der sich dann in seinen Kleidernniederlegte, um frühe bei der Hand zu sein; denn sein Herr hattegesagt, die Postpferde würden vor sechse vors Haus kommen.

 

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