



Ich danke deiner Liebe, Wilhelm, daß du das Wort so aufgefangenhast. Ja, du hast recht: mir wäre besser, ich ginge. Der Vorschlag,den du zu einer Rückkehr zu euch tust, gefällt mir nicht ganz;wenigstens möchte ich noch gern einen Umweg machen, besonders da wiranhaltenden Frost und gute Wege zu hoffen haben. Auch ist mir es sehrlieb, daß du kommen willst, mich abzuholen; verziehe nur nochvierzehn Tage, und erwarte noch einen Brief von mir mit dem Weiteren.Es ist nötig, daß nichts gepflückt werde, ehe es reif ist. Undvierzehn Tage auf oder ab tun viel. Meiner Mutter sollst du sagen:daß sie für ihren Sohn beten soll, und daß ich sie um Vergebung bittewegen alles Verdrusses, den ich ihr gemacht habe. Das war nun meinSchicksal, die zu betrüben, denen ich Freude schuldig war. Leb' wohl,mein Teuerster! Allen Segen des Himmels über dich! Leb' wohl!"
Was in dieser Zeit in Lottens Seele vorging, wie ihre Gesinnungengegen ihren Mann, gegen ihren unglücklichen Freund gewesen, getrauenwir uns kaum mit Worten auszudrücken, ob wir uns gleich davon, nachder Kenntnis ihres Charakters, wohl einen stillen Begriff machenkönnen, und eine schöne weibliche Seele sich in die ihrige denken undmit ihr empfinden kann.
So viel ist gewiß, sie war fest bei sich entschlossen, alles zu tun,um Werthern zu entfernen, und wenn sie zauderte, so war es eineherzliche, freundschaftliche Schonung, weil sie wußte, wie viel esihm kosten, ja daß es ihm beinahe unmöglich sein würde. Doch ward siein dieser Zeit mehr gedrängt, Ernst zu machen; es schwieg ihr Mannganz über dies Verhältnis, wie sie auch immer darüber geschwiegenhatte, und um so mehr war ihr angelegen, ihm durch die Tat zubeweisen, wie ihre Gesinnungen der seinigen wert seien.
An demselben Tage, als Werther den zuletzt eingeschalteten Brief anseinen Freund geschrieben, es war der Sonntag vor Weihnachten, kam erabends zu Lotten und fand sie allein. Sie beschäftigte sich, einigeSpielwerke in Ordnung zu bringen, die sie ihren kleinen Geschwisternzum Christgeschenke zurecht gemacht hatte. Er redete von demVergnügen, das die Kleinen haben würden, und von den Zeiten, da einendie unerwartete Öffnung der Tür und die Erscheinung einesaufgeputzten Baumes mit Wachslichtern, Zuckerwerk und äpfeln inparadiesische Entzückung setzte.--"Sie sollen," sagte Lotte, indemsie ihre Verlegenheit unter ein liebes Lächeln verbarg, "Sie sollenauch beschert kriegen, wenn Sie recht geschickt sind; einWachsstöckchen und noch was."--"Und was heißen Sie geschicktsein?"rief er aus;"wie soll ich sein? Wie kann ich sein? BesteLotte!"--"Donnerstag abend," sagte sie, "ist Weihnachtsabend, da kommendie Kinder, mein Vater auch, da kriegt jedes das Seinige, da kommenSie auch--aber nicht eher."--Werther stutzte.--"Ich bitte Sie,"fuhr sie fort, "es ist nun einmal so, ich bitte um meiner Ruhe willen,es kann nicht, es kann nicht so bleiben."--Er wendete seine Augenvon ihr und ging in der Stube auf und ab und murmelte das "es kannnicht so bleiben!" zwischen den Zähnen.--Lotte, die den schrecklichenZustand fühlte, worein ihn diese Worte versetzt hatten, suchte durchallerlei Fragen seine Gedanken abzulenken, aber vergebens.--"Nein,Lotte," rief er aus, "ich werde Sie nicht wiedersehen!"--"Warumdas?" versetzte sie, "Werther, Sie können, Sie müssen uns wiedersehen,nur mäßigen Sie sich. O warum mußten Sie mit dieser Heftigkeit,dieser unbezwinglich haftenden Leidenschaft für alles, was Sie einmalanfassen, geboren werden! Ich bitte Sie," fuhr sie fort, indem sieihn bei der Hand nahm, "mäßigen Sie sich! Ihr Geist, IhreWissenschaften, Ihre Talente, was bieten die Ihnen für mannigfaltigeErgetzungen dar! Sein Sie ein Mann, wenden Sie diese traurigeAnhänglichkeit von einem Geschöpf, das nichts tun kann als Siebedauern."--Er knirrte mit den Zähnen und sah sie düster an.--Siehielt seine Hand. "Nur einen Augenblick ruhigen Sinn, Werther!" sagtesie. Fühlen Sie nicht, daß Sie sich betriegen, sich mit Willenzugrunde richten! Warum denn mich, Werther? Just mich, das Eigentumeines andern? Just das? Ich fürchte, ich fürchte, es ist nur dieUnmöglichkeit, mich zu besitzen, die Ihnen diesen Wunsch so reizendmacht."--Er zog seine Hand aus der ihrigen, indem er sie mit einemstarren, unwilligen Blick ansah. "Weise!" rief er, "sehr weise! Hatvielleicht Albert diese Anmerkung gemacht? Politisch! Sehr politisch!"--"Es kann sie jeder machen," versetzte sie drauf, "und sollte dennin der weiten Welt kein Mädchen sein, das die Wünsche Ihres Herzenserfüllte? Gewinnen Sie's über sich, suchen Sie darnach, und ichschwöre Ihnen, Sie werden sie finden; denn schon lange ängstigt mich,für Sie und uns, die Einschränkung, in die Sie sich diese Zeit herselbst gebannt haben. Gewinnen Sie über sich, eine Reise wird Sie,muß Sie zerstreuen! Suchen Sie, finden Sie einen werten GegenstandIhrer Liebe, und kehren Sie zurück, und lassen Sie uns zusammen dieSeligkeit einer wahren Freundschaft genießen." "Das könnte man,"sagte er mit einem kalten Lachen, "drucken lassen und allenHofmeistern empfehlen. Liebe Lotte! Lassen Sie mir noch ein kleinwenig Ruh, es wird alles werden!"--"Nur das, Werther, daß Sie nichteher kommen als Weihnachtsabend!"--Er wollte antworten, und Alberttrat in die Stube. Man bot sich einen frostigen Guten Abend und gingverlegen im Zimmer neben einander auf und nieder. Werther fing einenunbedeutenden Diskurs an, der bald aus war, Albert desgleichen, dersodann seine Frau nach gewissen Aufträgen fragte und, als er hörte,sie seien noch nicht ausgerichtet, ihr einige Worte sagte, dieWerthern kalt, ja gar hart vorkamen. Er wollte gehen, er konnte nichtund zauderte bis acht, da sich denn sein Unmut und Unwillen immervermehrte, bis der Tisch gedeckt wurde, und er Hut und Stock nahm.Albert lud ihn zu bleiben, er aber, der nur ein unbedeutendesKompliment zu hören glaubte, dankte kalt dagegen und ging weg.
wolltesie verlassen, als ihm der Kleine noch etwas in das Ohr sagen wollte.Der verriet ihm, die großen Brüder hätten schöne Neujahrswünschegeschrieben.
Er kam nach Hause, nahm seinem Burschen, der ihm leuchten wollte,das Licht aus der Hand und ging allein in sein Zimmer, weinte laut,redete aufgebracht mit sich selbst, ging heftig die Stube auf und abund warf sich endlich in seinen Kleidern aufs Bette, wo ihn derBediente fand, der es gegen eilfe wagte hineinzugehn, um zu fragen, ober dem Herrn die Stiefeln ausziehen sollte, das er denn zuließ unddem Bedienten verbot, den andern Morgen ins Zimmer zu kommen, bis erihm rufen würde.
Montags früh, den einundzwanzigsten Dezember, schrieb er folgendenBrief an Lotten, den man nach seinem Tode versiegelt auf seinemSchreibtische gefunden und ihr überbracht hat, und den ich absatzweisehier einrücken will, so wie aus den Umständen erhellet, daß er ihngeschrieben habe.
"Es ist beschlossen, Lotte, ich will sterben, und das schreibe ichdir ohne romantische überspannung, gelassen, an dem Morgen des Tages,an dem ich dich zum letzten Male sehen werde. Wenn du dieses liesest,meine Beste, deckt schon das kühle Grab die erstarrten Reste desUnruhigen, Unglücklichen, der für die letzten Augenblicke seinesLebens keine größere Süßigkeit weiß, als sich mit dir zu unterhalten.Ich habe eine schreckliche Nacht gehabt und, ach, eine wohltätigeNacht. Sie ist es, die meinen Entschluß befestiget, bestimmt hat:ich will sterben! Wie ich mich gestern von dir riß, in derfürchterlichen Empörung meiner Sinne, wie sich alles das nach meinemHerzen drängte und mein hoffnungsloses, freudeloses Dasein neben dirin gräßlicher Kälte mich anpackte--ich erreichte kaum mein Zimmer,ich warf mich außer mir auf meine Knie, und o Gott! Du gewährtestmir das letzte Labsal der bittersten Tränen! Tausend Anschläge,tausend Aussichten wüteten durch meine Seele, und zuletzt stand er da,fest, ganz, der letzte, einzige Gedanke: ich will sterben!--ichlegte mich nieder, und morgens, in der Ruhe des Erwachens, steht ernoch fest, noch ganz stark in meinem Herzen: ich will sterben!--esist nicht Verzweiflung, es ist Gewißheit, daß ich ausgetragen habe,und daß ich mich opfere für dich. Ja, Lotte! Warum sollte ich esverschweigen? Eins von uns dreien muß hinweg, und das will ich sein!O meine Beste! In diesem zerrissenen Herzen ist es wütendherumgeschlichen, oft--deinen Mann zu ermorden!--dich!--mich!--so sei es denn!--wenn du hinaufsteigst auf den Berg, an einemschönen Sommerabende, dann erinnere dich meiner, wie ich so oft dasTal heraufkam, und dann blicke nach dem Kirchhofe hinüber nach meinemGrabe, wie der Wind das hohe Gras im Scheine der sinkenden Sonne hinund her wiegt.--Ich war ruhig, da ich anfing, nun, nun weine ichwie ein Kind, da alles das so lebhaft um mich wird.--"
Gegen zehn Uhr rief Werther seinem Bedienten, und unter demAnziehen sagte er ihm, wie er in einigen Tagen verreisen würde, ersolle daher die Kleider auskehren und alles zum Einpacken zurechtmachen; auch gab er ihm Befehl, überall Kontos zu fordern, einigeausgeliehene Bücher abzuholen und einigen Armen, denen er wöchentlichetwas zu geben gewohnt war, ihr Zugeteiltes auf zwei Monate voraus zubezahlen.
Er ließ sich das Essen auf die Stube bringen, und nach Tische ritter hinaus zum Amtmanne, den er nicht zu Hause antraf. Er gingtiefsinnig im Garten auf und ab und schien noch zuletzt alleSchwermut der Erinnerung auf sich häufen zu wollen.
Die Kleinen ließen ihn nicht lange in Ruhe, sie verfolgten ihn,sprangen an ihm hinauf, erzählen ihm, daß, wenn morgen, und wiedermorgen, und noch ein Tag wäre, sie die Christgeschenke bei Lottenholten, und erzählten ihm Wunder, die sich ihre kleineEinbildungskraft versprach.--"morgen!" rief er aus, "und wiedermorgen! Und noch ein Tag!"--und küßte sie alle herzlich und wolltesie verlassen, als ihm der Kleine noch etwas in das Ohr sagen wollte.Der verriet ihm, die großen Brüder hätten schöne Neujahrswünschegeschrieben, so groß! Und einen für den Papa, für Albert und Lotteneinen und auch einen für Herrn Werther; die wollten sie amNeujahrstage früh überreichen. Das übermannte ihn, er schenkte jedemetwas, setzte sich zu Pferde, ließ den Alten grüßen und ritt mitTränen in den Augen davon.
Gegen fünf kam er nach Hause, befahl der Magd, nach dem Feuer zusehen und es bis in die Nacht zu unterhalten. Den Bedienten hieß erBücher und Wäsche unten in den Koffer packen und die Kleider einnähen.Darauf schrieb er wahrscheinlich folgenden Absatz seines letztenBriefes an Lotten.
"Du erwartest mich nicht! Du glaubst, ich würde gehorchen und erstWeihnachtsabend dich wieder sehn. O Lotte! Heut oder nie mehr.Weihnachtsabend hältst du dieses Papier in deiner Hand, zitterst undbenetzest es mit deinen lieben Tränen. Ich will, ich muß! O wie wohlist es mir, daß ich entschlossen bin."
Lotte war indes in einen sonderbaren Zustand geraten. Nach derletzten Unterredung mit Werthern hatte sie empfunden, wie schwer esihr fallen werde, sich von ihm zu trennen, was er leiden würde, wenner sich von ihr entfernen sollte.
Es war wie im Vorübergehn in Alberts Gegenwart gesagt worden, daßWerther vor Weihnachtsabend nicht wieder kommen werde, und Albert warzu einem Beamten in der Nachbarschaft geritten, mit dem er Geschäfteabzutun hatte, und wo er über Nacht ausbleiben mußte.
Sie saß nun allein, keins von ihren Geschwistern war um sie, sieüberließ sich ihren Gedanken, die stille über ihren Verhältnissenherumschweiften. Sie sah sich nun mit dem Mann auf ewig verbunden,dessen Liebe und Treue sie kannte, dem sie von Herzen zugetan war,dessen Ruhe, dessen Zuverlässigkeit recht vom Himmel dazu bestimmt zusein schien, daß eine wackere Frau das Glück ihres Lebens daraufgründen sollte; sie fühlte, was er ihr und ihren Kindern auf immersein würde. Auf der andern Seite war ihr Werther so teuer geworden,gleich von dem ersten Augenblick ihrer Bekanntschaft an hatte sich dieübereinstimmung ihrer Gemüter so schön gezeigt, der lange dauerndeUmgang mit ihm, so manche durchlebte Situationen hatten einenunauslöschlichen Eindruck auf ihr Herz gemacht. Alles, was sieInteressantes fühlte und dachte, war sie gewohnt mit ihm zu teilen,und seine Entfernung drohte in ihr ganzes Wesen eine Lücke zu reißen,die nicht wieder ausgefüllt werden konnte. O, hätte sie ihn in demAugenblick zum Bruder umwandeln können, wie glücklich wäre siegewesen! Hätte sie ihn einer ihrer Freundinnen verheiraten dürfen,hätte sie hoffen können, auch sein Verhältnis gegen Albert ganz wiederherzustellen!
Sie hatte ihre Freundinnen der Reihe nach durchgedacht und fand beieiner jeglichen etwas auszusetzen, fand keine, der sie ihn gegönnthätte.
Über allen diesen Betrachtungen fühlte sie erst tief, ohne sich esdeutlich zu machen, daß ihr herzliches, heimliches Verlangen sei, ihnfür sich zu behalten, und sagte sich daneben, daß sie ihn nichtbehalten könne, behalten dürfe; ihr reines, schönes, sonst so leichtesund leicht sich helfendes Gemüt empfand den Druck einer Schwermut,dem die Aussicht zum Glück verschlossen ist. Ihr Herz war gepreßt,und eine trübe Wolke lag über ihrem Auge.
So war es halb sieben geworden, als sie Werthern die Treppeheraufkommen hörte und seinen Tritt, seine Stimme, die nach ihr fragte,bald erkannte. Wie schlug ihr Herz, und wir dürfen fast sagen zumerstenmal, bei seiner Ankunft. Sie hätte sich gern vor ihmverleugnen lassen, und als er hereintrat, rief sie ihm mit einer Artvon leidenschaftlicher Verwirrung entgegen: "Sie haben nicht Wortgehalten."--"Ich habe nichts versprochen" war seine Antwort.--"Sohätten Sie wenigstens meiner Bitte stattgeben sollen," versetzte sie,"ich bat Sie um unser beider Ruhe."
Sie wußte nicht recht, was sie sagte, ebensowenig was sie tat, alssie nach einigen Freundinnen schickte, um nicht mit Werthern alleinzu sein. Er legte einige Bücher hin, die er gebracht hatte, fragtenach andern, und sie wünschte, bald daß ihre Freundinnen kommen, balddaß sie wegbleiben möchten. Das Mädchen kam zurück und brachte dieNachricht, daß sich beide entschuldigen ließen.
Sie wollte das Mädchen mit ihrer Arbeit in das Nebenzimmer sitzenlassen; dann besann sie sich wieder anders. Werther ging in der Stubeauf und ab, sie trat ans Klavier und fing eine Menuett an, sie wolltenicht fließen. Sie nahm sich zusammen und setzte sich gelassen zuWerthern, der seinen gewöhnlchen Platz auf dem Kanapee eingenommenhatte.
"Haben Sie nichts zu lesen?" sagte sie.--Er hatte nichts.--"Dadrin in meiner Schublade," fing sie an, "liegt Ihre Übersetzungeiniger Gesänge Ossians; ich habe sie noch nicht gelesen, denn ichhoffte immer, sie von Ihnen zu hören; aber zeither hat sich's nichtfinden, nicht machen wollen."--Er lächelte, holte die Lieder, einSchauer überfiel ihn, als er sie in die Hände nahm, und die Augenstanden ihm voll Tränen, als er hineinsah. Er setzte sich nieder undlas.
"Stern der dämmernden Nacht, schön funkelst du in Westen, habstdein strahlend Haupt aus deiner Wolke, wandelst stattlich deinenHügel hin. Wornach blickst du auf die Heide? Die stürmenden Windehaben sich gelegt; von ferne kommt des Gießbachs Murmeln; rauschendeWellen spielen am Felsen ferne; das Gesumme der Abendfliegenschwärmet übers Feld. Wornach siehst du, schönes Licht? Aber dulächelst und gehst, freudig umgeben dich die Wellen und baden deinliebliches Haar. Lebe wohl, ruhiger Strahl. Erscheine, du herrlichesLicht von Ossians Seele!
Und es erscheint in seiner Kraft. Ich sehe meine geschiedenenFreunde, sie sammeln sich auf Lora, wie in den Tagen, die vorübersind.--Fingal kommt wie eine feuchte Nebelsäule; um ihn sind seineHelden, und, siehe! Die Barden des Gesanges: grauer Ullin!Stattlicher Ryno! Alpin, lieblicher Sänger! Und du, sanft klagendeMinona!--Wie verändert seid ihr, meine Freunde, seit den festlichenTagen auf Selma, da wir buhlten um die Ehre des Gesanges, wieFrühlingslüfte den Hügel hin wechselnd beugen das schwach lispelndeGras.
Da trat Minona hervor in ihrer Schönheit, mit niedergeschlagenemBlick und tränenvollem Auge, schwer floß ihr Haar im unsteten Winde,der von dem Hügel herstieß.--Düster ward's in der Seele der Helden,als sie die liebliche Stimme erhob; denn oft hatten sie das GrabSalgars gesehen, oft die finstere Wohnung der weißen Colma. Colma,verlassen auf dem Hügel, mit der harmonischen Stimme; Salgarversprach zu kommen; aber ringsum zog sich die Nacht. Höret ColmasStimme, da sie auf dem Hügel allein saß.
Colma. Es ist Nacht!--Ich bin allein, verloren auf dem stürmischenHügel. Der Wind saust im Gebirge. Der Strom heult den Felsen hinab.Keine Hütte schützt mich vor Regen, mich Verlaßne auf dem stürmischenHügel. Tritt, o Mond, aus deinen Wolken, erscheinet, Sterne derNacht! Leite mich irgend ein Strahl zu dem Orte, wo meine Liebe ruhtvon den Beschwerden der Jagd, sein Bogen neben ihm abgespannt, seineHunde schnobend um ihn! Aber hier muß ich sitzen allein auf demFelsen des verwachsenen Stroms. Der Strom und der Sturm saust, ichhöre nicht die Stimme meines Geliebten.
Warum zaudert mein Salgar? Hat er sein Wort vergessen?--Da istder Fels und der Baum und hier der rauschende Strom! Miteinbrechender Nacht versprachst du hier zu sein; ach! Wohin hat sichmein Salgar verirrt? Mit dir wollt' ich fliehen, verlassen Vater undBruder, die stolzen! Lange sind unsere Geschlechter Feinde, aber wirsind keine Feinde, o Salgar!
Schweig eine Weile, o Wind! Still eine kleine Weile, o Strom, daßmeine Stimme klinge durchs Tal, daß mein Wanderer mich höre. Salgar!Ich bin's, die ruft! Hier ist der Baum und der Fels! Salgar! MeinLieber! Hier bin ich; warum zauderst du zu kommen?
Sieh, der Mond erscheint, die Flut glänzt im Tale, die Felsenstehen grau den Hügel hinauf; aber ich seh' ihn nicht auf der Höhe,seine Hunde vor ihm her verkündigen nicht seine Ankunft. Hier muß ichsitzen allein.
Aber wer sind, die dort unten liegen auf der Heide?--MeinGeliebter? Mein Bruder?--Redet, o meine Freunde! Sie antwortennicht. Wie geängstigt ist meine Seele!--Ach sie sind tot! IhreSchwester rot vom Gefechte! O mein Bruder, mein Bruder, warum hast dumeinen Salgar erschlagen? O mein Salgar, warum hast du meinen Brudererschlagen? Ihr wart mir beide so lieb! O du warst schön an demHügel unter Tausenden! Es war schrecklich in der Schlacht. Antwortetmir! Hört meine Stimme, meine Geliebten! Aber ach, sie sind stumm,stumm auf ewig! Kalt wie die Erde ist ihr Busen!
O von dem Felsen des Hügels, von dem Gipfel des stürmenden Berges,redet, Geister der Toten! Redet! Mir soll es nicht grausen!--Wohinseid ihr zur Ruhe gegangen? In welcher Gruft des Gebirges soll icheuch finden?--Keine schwache Stimme vernehme ich im Winde, keinewehende Antwort im Sturme des Hügels. Ich sitze in meinem Jammer,ich harre auf den Morgen in meinen Tränen. Wühlet das Grab, ihrFreunde der Toten, aber schließt es nicht, bis ich komme. Mein Lebenschwindet wie ein Traum; wie sollt' ich zurückbleiben! Hier will ich(...) Felsens--wenn's Nacht wird auf dem Hügel, und Wind kommt über dieHeide, soll mein Geist im Winde stehn und trauern den Tod meinerFreunde. Der Jäger hört mich aus seiner Laube, fürchtet meine Stimmeund liebt sie; denn süß soll meine Stimme sein um meine Freunde, siewaren mir beide so lieb!
Das war dein Gesang, o Minona, Tormans sanft errötende Tochter.Unsere Tränen flossen um Colma, und unsere Seele ward düster.