



Lieber Wilhelm, ich bin in einem Zustande, in dem jeneUnglücklichen gewesen sein müssen, von denen man glaubte, sie würdenvon einem bösen Geiste umhergetrieben. Manchmal ergreift mich's; esist nicht Angst, nicht Begier--es ist ein inneres, unbekanntes Toben,das meine Brust zu zerreißen droht, das mir die Gurgel zupreßt!Wehe! Wehe! Und dann schweife ich umher in den furchtbarennächtlichen Szenen dieser menschenfeindlichen Jahrszeit.
Gestern abend mußte ich hinaus. Es war plötzlich Tauwettereingefallen, ich hatte gehört, der Fluß sei übergetreten, alle Bächegeschwollen und von Wahlheim herunter mein liebes Tal überschwemmt!Nachts nach eilfe rannte ich hinaus. Ein fürchterliches Schauspiel,vom Fels herunter die wühlenden Fluten in dem Mondlichte wirbeln zusehen, über Äcker und Wiesen und Hecken und alles, und das weite Talhinauf und hinab eine stürmende See im Sausen des Windes! Und wenndann der Mond wieder hervortrat und über der schwarzen Wolke ruhte,und vor mir hinaus die Flut in fürchterlich herrlichem Widerscheinrollte und klang: da überfiel mich ein Schauer, und wieder ein Sehnen!Ach, mit offenen Armen stand ich gegen den Abgrund und atmete hinab!Hinab! Und verlor mich in der Wonne, meine Qualen, meine Leiden dahinabzustürmen! Dahinzubrausen wie die Wellen! O!--Und den Fuß vomBoden zu heben vermochtest du nicht, und alle Qualen zu enden!--Meine Uhr ist noch nicht ausgelaufen, ich fühle es! O Wilhelm! Wiegern hätte ich mein Menschsein drum gegeben, mit jenem Sturmwinde sieWolken zu zerreißen, die Fluten zu fassen! Ha! Und wird nichtvielleicht dem Eingekerkerten einmal diese Wonne zuteil?
--Und wie ich wehmütig hinabsah auf ein Plätzchen, wo ich mit Lottenunter einer Weide geruht, auf einem heißen Spaziergange,--das warauch überschwemmt, und kaum daß ich die Weide erkannte! Wilhelm! Undihre Wiesen, dachte ich, die Gegend um ihr Jagdhaus! Wie verstörtjetzt vom reißenden Strome unsere Laube! Dacht' ich. Und derVergangenheit Sonnenstrahl blickte herein, wie einem Gefangenen einTraum von Herden, Wiesen und Ehrenämtern. Ich stand!--Ich scheltemich nicht, denn ich habe Mut zu sterben.--Ich hätte--nun sitze ichhier wie ein altes Weib, das ihr Holz von Zäunen stoppelt und ihrBrot an den Türen, um ihr hinsterbendes, freudeloses Dasein nocheinen Augenblick zu verlängern und zu erleichtern.