少年维特的烦恼 德文版 Die Leiden des jungen Werther
歌德 Johann Wolfgang von Goethe
Der Herausgeber an den Leser

 

Wie sehr wünscht' ich, daß uns von den letzten merkwürdigen Tagenunsers Freundes so viel eigenhändige Zeugnisse übrig geblieben wären,daß ich nicht nötig hätte, die Folge seiner hinterlaßnen Briefedurch Erzählung zu unterbrechen.

Ich habe mir angelegen sein lassen, genaue Nachrichten aus demMunde derer zu sammeln, die von seiner Geschichte wohl unterrichtetsein konnten; sie ist einfach, und es kommen alle Erzählungen davonbis auf wenige Kleinigkeiten miteinander überein; nur über dieSinnesarten der handelnden Personen sind die Meinungen verschiedenund die Urteile geteilt.

Was bleibt uns übrig, als dasjenige, was wir mit wiederholter Müheerfahren können, gewissenhaft zu erzählen, die von dem Abscheidendenhinterlaßnen Briefe einzuschalten und das kleinste aufgefundeneBlättchen nicht gering zu achten; zumal da es so schwer ist, dieeigensten, wahren Triebfedern auch nur einer einzelnen Handlung zuentdecken, wenn sie unter Menschen vorgeht, die nicht gemeiner Artsind.

Unmut und Unlust hatten in Werthers Seele immer tiefer Wurzelgeschlagen, sich fester untereinander verschlungen und sein ganzesWesen nach und nach eingenommen. Die Harmonie seines Geistes warvöllig zerstört, eine innerliche Hitze und Heftigkeit, die alleKräfte seiner Natur durcheinanderarbeitete, brachte die widrigstenWirkungen hervor und ließ ihm zuletzt nur eine Ermattung übrig, ausder er noch ängstlicher empor strebte, als er mit allen Übeln bishergekämpft hatte. Die Beängstigung seines Herzens zehrte die übrigenKräfte seines Geistes, seine Lebhaftigkeit, seinen Scharfsinn auf, erward ein trauriger Gesellschafter, immer unglücklicher, und immerungerechter, je unglücklicher er ward. Wenigstens sagen dies AlbertsFreunde; sie behaupten, daß Werther einen reinen, ruhigen Mann, dernun eines lang gewünschten Glückes teilhaftig geworden, und seinBetragen, sich dieses Glück auch auf die Zukunft zu erhalten, nichthabe beurteilen können, er, der gleichsam mit jedem Tage sein ganzesVermögen verzehrte, um an dem Abend zu leiden und zu darben. Albert,sagen sie, hatte sich in so kurzer Zeit nicht verändert, er war nochimmer derselbige, den Werther so vom Anfang her kannte, so sehrschätzte und ehrte. Er liebte Lotten über alles, er war stolz auf sieund wünschte sie auch von jedermann als das herrlichste Geschöpfanerkannt zu wissen. War es ihm daher zu verdenken, wenn er auchjeden Schein des Verdachtes abzuwenden wünschte, wenn er in demAugenblicke mit niemand diesen köstlichen Besitz auch auf dieunschuldigste Weise zu teilen Lust hatte? Sie gestehen ein, daßAlbert oft das Zimmer seiner Frau verlassen, wenn Werther bei ihr war,aber nicht aus Haß noch Abneigung gegen seinen Freund, sondern nurweil er gefühlt habe, daß dieser von seiner Gegenwart gedrückt sei.

Lottens Vater war von einem Übel befallen worden, das ihn in derStube hielt, er schickte ihr seinen Wagen, und sie fuhr hinaus. Eswar ein schöner Wintertag, der erste Schnee war stark gefallen unddeckte die ganze Gegend.

Werther ging ihr den andern Morgen nach, um, wenn Albert sie nichtabzuholen käme, sie hereinzubegleiten.

Das klare Wetter konnte wenig auf sein trübes Gemüt wirken, eindumpfer Druck auf seiner Seele, die traurigen Bilder hatten sich beiihm festgesetzt, und sein Gemüt kannte keine Bewegung als von einemschmerzlichen Gedanken zum andern.

Wie er mit sich in ewigem Unfrieden lebte, schien ihm auch derZustand andrer nur bedenklicher und verworrner, er glaubte, dasschöne Verhältnis zwischen Albert und seiner Gattin gestört zu haben,er machte sich Vorwürfe darüber, in die sich ein heimlicher Unwillegegen den Gatten mischte.

Seine Gedanken fielen auch unterwegs auf diesen Gegenstand. "Ja, ja,"sagte er zu sich selbst, mit heimlichem Zähneknirschen, "das ist dervertraute, freundliche, zärtliche, an allem teilnehmende Umgang, dieruhige, dauernde Treue! Sättigkeit ist's und Gleichgültigkeit! Ziehtihn nicht jedes elende Geschäft mehr an als die teure, köstlicheFrau? Weiß er sein Glück zu schätzen? Weiß er sie zu achten, wie siees verdient? Er hat sie, nun gut, er hat sie--ich weiß das, wie ichwas anders auch weiß, ich glaube an den Gedanken gewöhnt zu sein, erwird mich noch rasend machen, er wird mich noch umbringen--und hatdenn die Freundschaft zu mir Stich gehalten? Sieht er nicht inmeiner Anhänglichkeit an Lotten schon einen Eingriff in seine Rechte,in meiner Aufmerksamkeit für sie einen Stillen Vorwurf? Ich weiß eswohl, ich fühl' es, er sieht mich ungern, er wünscht meine Entfernung,meine Gegenwart ist ihm beschwerlich."

Oft hielt er seinen raschen Schritt an, oft stand er stille undschien umkehren zu wollen; allein er richtete seinen Gang immerwieder vorwärts und war mit diesen Gedanken und Selbstgesprächenendlich gleichsam wider Willen bei dem Jagdhause angekommen.

Er trat in die Tür, fragte nach dem Alten und nach Lotten, er fanddas Haus in einiger Bewegung. Der älteste Knabe sagte ihm, es seidrüben in Wahlheim ein Unglück geschehn, es sei ein Bauer erschlagenworden!--Es machte das weiter keinen Eindruck auf ihn.--Er trat indie Stube und fand Lotten beschäftigt, dem Alten zuzureden, derungeachtet seiner Krankheit hinüber wollte, um an Ort und Stelle dieTat zu untersuchen. Der Täter war noch unbekannt, man hatte denErschlagenen des Morgens vor der Haustür gefunden, man hatteMutmaßungen: der Entleibte war Knecht einer Witwe, die vorher einenandern im Dienste gehabt, der mit Unfrieden aus dem Hause gekommenwar.

Da Werther dieses hörte, fuhr er mit Heftigkeit auf.--"Ist'smöglich!" rief er aus, "ich muß hinüber, ich kann nicht einenAugenblick ruhn."--Er eilte nach Wahlheim zu, jede Erinnerung wardihm lebendig, und er zweifelte nicht einen Augenblick, daß jenerMensch die Tat begangen, den er so manchmal gesprochen, der ihm sowert geworden war.

Da er durch die Linden mußte, um nach der Schenke zu kommen, wo sieden Körper hingelegt hatten, entsetzt' er sich vor dem sonst sogeliebten Platze. Jene Schwelle, worauf die Nachbarskinder so oftgespielt hatten, war mit Blut besudelt. Liebe und Treue, dieschönsten menschlichen Empfindungen, hatten sich in Gewalt und Mordverwandelt. Die starken Bäume standen ohne Laub und bereift, dieschönen Hecken, die sich über die niedrige Kirchhofmauer wölbten,waren entblättert, und die Grabsteine sahen mit Schnee bedeckt durchdie Lücken hervor.

Als er sich der Schenke näherte, vor welcher das ganze Dorfversammelt war, entstand auf einmal ein Geschrei. Man erblickte vonfern einen Trupp bewaffneter Männer, und ein jeder rief, daß man denTäter herbeiführe. Werther sah hin und blieb nicht lange zweifelhaft.Ja, es war der Knecht, der jene Witwe so sehr liebte, den er voreiniger Zeit mit dem stillen Grimme, mit der heimlichen Verzweiflungumhergehend angetroffen hatte.

"Was hast du begangen, Unglücklicher!" rief Werther aus, indem erauf den Gefangenen losging.--Dieser sah ihn still an, schwieg undversetzte endlich ganz gelassen: "keiner wird sie haben, sie wirdkeinen haben."--Man brachte den Gefangnen in die Schenke, undWerther eilte fort.

Durch die entsetzliche, gewaltige Berührung war alles, was inseinem Wesen lag, durcheinandergeschüttelt worden. Aus seiner Trauer,seinem Mißmut, seiner gleichgültigen Hingegebenheit wurde er aufeinen Augenblick herausgerissen; unüberwindlich bemächtigte sich dieTeilnehmung seiner, und es ergriff ihn eine unsägliche Begierde, denMenschen zu retten. Er fühlte ihn so unglücklich, er fand ihn alsVerbrecher selbst so schuldlos, er setzte sich so tief in seine Lage,daß er gewiß glaubte, auch andere davon zu überzeugen. Schonwünschte er für ihn sprechen zu können, schon drängte sich derlebhafteste Vortrag nach seinen Lippen, er eilte nach dem Jagdhauseund konnte sich unterwegs nicht enthalten, alles das, was er demAmtmann vorstellen wollte, schon halblaut auszusprechen.

Als er in die Stube trat, fand er Alberten gegenwärtig, diesverstimmte ihn einen Augenblick; doch faßte er sich bald wieder undtrug dem Amtmann feurig seine Gesinnungen vor. Dieser schüttelteeinigemal den Kopf, und obgleich Werther mit der größtenLebhaftigkeit, Leidenschaft und Wahrheit alles vorbrachte, was einMensch zur Entschuldigung eines Menschen sagen kann, so war doch, wiesich's leicht denken läßt, der Amtmann dadurch nicht gerührt. Er ließvielmehr unsern Freund nicht ausreden, widersprach ihm eifrig undtadelte ihn, daß er einen Meuchelmörder in Schutz nehme; er zeigteihm, daß auf diese Weise jedes Gesetz aufgehoben, alle Sicherheit desStaats zugrunde gerichtet werde; auch setzte er hinzu, daß er in einersolchen Sache nichts tun könne, ohne sich die größte Verantwortungaufzuladen, es müsse alles in der Ordnung, in dem vorgeschriebenenGang gehen.

Werther ergab sich noch nicht, sondern bat nur, der Amtmann möchtedurch die Finger sehn, wenn man dem Menschen zur Flucht behülflichwäre! Auch damit wies ihn der Amtmann ab. Albert, der sich endlichins Gespräch mischte, trat auch auf des Alten Seite. Werther wurdeüberstimmt, und mit einem entsetzlichen Leiden machte er sich auf denWeg, nachdem ihm der Amtmann einigemal gesagt hatte: "nein, er istnicht zu retten!"

Wie sehr ihm diese Worte aufgefallen sein müssen, sehn wir auseinem Zettelchen, das sich unter seinen Papieren fand und das gewißan dem nämlichen Tage geschrieben worden:

"Du bist nicht zu retten, Unglücklicher! Ich sehe wohl, daß wirnicht zu retten sind."

Was Albert zuletzt über die Sache des Gefangenen in Gegenwart desAmtmanns gesprochen, war Werthern höchst zuwider gewesen: er glaubteeinige Empfindlichkeit gegen sich darin bemerkt zu haben, und wenngleich bei mehrerem Nachdenken seinem Scharfsinne nicht entging, daßbeide Männer recht haben möchten, so war es ihm doch, als ob erseinem innersten Dasein entsagen müßte, wenn er es gestehen, wenn eres zugeben sollte.

Ein Blättchen, das sich darauf bezieht, das vielleicht sein ganzesVerhältnis zu Albert ausdrückt, finden wir unter seinen Papieren:"Was hilft es, daß ich mir's sage und wieder sage, er ist brav und gut,aber es zerreißt mir mein inneres Eingeweide; ich kann nicht gerechtsein."

Weil es ein gelinder Abend war und das Wetter anfing, sich zumTauen zu neigen, ging Lotte mit Alberten zu Fuße zurück. Unterwegssah sie sich hier und da um, eben als wenn sie Werthers Begleitungvermißte. Albert fing von ihm an zu reden, er tadelte ihn, indem erihm Gerechtigkeit widerfahren ließ. Er berührte seine unglücklicheLeidenschaft und wünschte, daß es möglich sein möchte, ihn zuentfernen.--"Ich wünsch' es auch um unsertwillen," sagt' er, "und ichbitte dich," fuhr er fort, "siehe zu, seinem Betragen gegen dich eineandere Richtung zu geben, seine öftern Besuche zu vermindern. DieLeute werden aufmerksam, und ich weiß, daß man hier und da drübergesprochen hat."--Lotte schwieg, und Albert schien ihr Schweigenempfunden zu haben, wenigstens seit der Zeit erwähnte er Werthersnicht mehr gegen sie, und wenn sie seiner erwähnte, ließ er dasGespräch fallen oder lenkte es woanders hin.

Der vergebliche Versuch, den Werther zur Rettung des Unglücklichengemacht hatte, war das letzte Auflodern der Flamme einesverlöschenden Lichtes; er versank nur desto tiefer in Schmerz undUntätigkeit; besonders kam er fast außer sich, als er hörte, daß manihn vielleicht gar zum Zeugen gegen den Menschen, der sich nun aufsLeugnen legte, auffordern könnte.

Alles was ihm Unangenehmes jeweils in seinem wirksamen Lebenbegegnet war, der Verdruß bei der Gesandtschaft, alles was ihm sonstmißlungen war, was ihn je gekränkt hatte, ging in seiner Seele auf undnieder. Er fand sich durch alles dieses wie zur Untätigkeitberechtigt, er fand sich abgeschnitten von aller Aussicht, unfähig,irgendeine Handhabe zu ergreifen, mit denen man die Geschäfte desgemeinen Lebens anfaßt; und so rückte er endlich, ganz seinerwunderbaren Empfindung, Denkart und einer endlosen Leidenschafthingegeben, in dem ewigen Einerlei eines traurigen Umgangs mit demliebenswürdigen und geliebten Geschöpfe, dessen Ruhe er störte, inseine Kräfte stürmend, sie ohne Zweck und Aussicht abarbeitend, immereinem traurigen Ende näher.

Von seiner Verworrenheit, Leidenschaft, von seinem rastlosenTreiben und Streben, von seiner Lebensmüde sind einige hinterlaßneBriefe die stärksten Zeugnisse, die wir hier einrücken wollen.

 

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