少年维特的烦恼 德文版 Die Leiden des jungen Werther
歌德 Johann Wolfgang von Goethe
Am 30. November

 

Ich soll, ich soll nicht zu mir selbst kommen! Wo ich hintrete,begegnet mir eine Erscheinung, die mich aus aller Fassung bringt.Heute! O Schicksal! O Menschheit!

Ich gehe an dem Wasser hin in der Mittagsstunde, ich hatte keinekeine Lust zu essen. Alles war Öde, ein naßkalter Abendwind blies vomBerge, und die grauen Regenwolken zogen das Tal hinein. Von fernseh' ich einen Menschen in einem grünen, schlechten Rocke, derzwischen den Felsen herumkrabbelte und Kräuter zu suchen schien. Alsich näher zu ihm kam und er sich auf das Geräusch, das ich machte,herumdrehte, sah ich eine gar interessante Physiognomie, darin einestille Trauer den Hauptzug machte, die aber sonst nichts als einengeraden guten Sinn ausdrückte; seine schwarzen Haare waren mit Nadelnin zwei Rollen gesteckt, und die übrigen in einen starken Zopfgeflochten, der ihm den Rücken herunter hing. Da mir seine Kleidungeinen Menschen von geringem Stande zu bezeichnen schien, glaubte ich,er würde es nicht übelnehmen, wenn ich auf seine Beschäftigungaufmerksam wäre, und daher fragte ich ihn, was er suchte?--"Ichsuche," antwortete er mit einem tiefen Seufzer, "Blumen--und findekeine."--"Das ist auch die Jahreszeit nicht." sagte ich lächelnd.--"Es gibt so viele Blumen," sagte er, indem er zu mir herunterkam."In meinem Garten sind Rosen und Jelängerjelieber zweierlei Sorten,eine hat mir mein Vater gegeben, sie wachsen wie Unkraut; ich sucheschon zwei Tage darnach und kann sie nicht finden. Da haußen sindauch immer Blumen, gelbe und blaue und rote, und dasTausendgüldenkraut hat ein schönes Blümchen. Keines kann ich finden."--Ich merkte was Unheimliches, und drum fragte ich durch einen Umweg:"Was will er denn mit den Blumen?"--Ein wunderbares, zuckendesLächeln verzog sein Gesichte. "Wenn er mich nicht verraten will,"sagte er, indem er den Finger auf den Mund drückte, "ich habe meinemSchatz einen Strauß versprochen."--"Das ist brav," sagte ich.--"O!" sagte er, "sie hat viel andere Sachen, sie ist reich."--"Und dochhat sie seinen Strauß lieb," versetzte ich.--"O!" fuhr er fort, "siehat Juwelen und eine Krone."--"Wie heißt sie denn?"--"Wenn mich dieGeneralstaaten bezahlen wollten," versetzte er, "ich wär' ein andererMensch! Ja, es war einmal eine Zeit, da mir es so wohl war! Jetztist es aus mit mir. Ich bin nun." Ein nasser Blick zum Himmeldrückte alles aus.--"Er war also glücklich?"fragte ich.--"Ach ichwollte, ich wäre wieder so!" sagte er "Da war mir es so wohl, solustig, so leicht wie einem Fisch im Wasser!"--"Heinrich!" rief einealte Frau, die den Weg herkam, "Heinrich, wo steckst du? Wir habendich überall gesucht, komm zum Essen."--"Ist das euer Sohn?" fragt'ich, zu ihr tretend.--"Wohl, mein armer Sohn!" versetzte sie. "Gotthat mir ein schweres Kreuz aufgelegt."--"Wie lange ist er so?" fragteich.--"So stille," sagte sie, "ist er nun ein halbes Jahr. Gott seiDank, daß er nur so weit ist, vorher war er ein ganzes Jahr rasend,da hat er an Ketten im Tollhause gelegen. Jetzt tut er niemand nichts,nur hat er immer mit Königen und Kaisern zu schaffen. Er war ein soguter, stiller Mensch, der mich ernähren half, seine schöne Handschrieb, und auf einmal wird er tiefsinnig, fällt in ein hinzigesFieber, daraus in Raserei, und nun ist er, wie Sie ihn sehen. Wennich Ihnen erzählen sollte, Herr."--Ich unterbrach den Strom ihrerWorte mit der Frage: "was war denn das für eine Zeit, von der er rühmt,daß er so glücklich, so wohl darin gewesen sei?"--"Der törichteMensch!" rief sie mit mitleidigem Lächeln, "da meint er die Zeit, da ervon sich war, das rühmt er immer; das ist die Zeit, da er imTollhause war, wo er nichts von sich wußte."--Das fiel mir auf wieein Donnerschlag, ich drückte ihr ein Stück Geld in die Hand undverließ sie eilend. Da du glücklich warst! Rief ich aus, schnell vormich hin nach der Stadt zu gehend, da dir es wohl war wie einem Fischim Wasser!--Gott im Himmel! Hast du das zum Schicksale der Menschengemacht, daß sie nicht glücklich sind, als ehe sie zu ihrem Verstandekommen und wenn sie ihn wieder verlieren!--Elender! Und auch wiebeneide ich deinen Trübsinn, die Verwirrung deiner Sinne, in der duverschmachtest! Du gehst hoffnungsvoll aus, deiner Königin Blumen zupflücken--im Winter--und trauerst, da du keine findest, und begreifstnicht, warum du keine finden kannst. Und ich--und ich gehe ohneHoffnung, ohne Zweck heraus und kehre wieder heim, wie ich gekommenbin.--Du wähnst, welcher Mensch du sein würdest, wenn dieGeneralstaaten dich bezahlten. Seliges Geschöpf, das den Mangelseiner Glückseligkeit einer irdischen Hindernis zuschreiben kann! Dufühlst nicht, du fühlst nicht, daß in deinem zerstörten Herzen, indeinem zerrütteten Gehirne dein Elend liegt, wovon alle Könige derErde dir nicht helfen können. Müsse der trostlos umkommen, der einesKranken spottet, der nach der entferntesten Quelle reist, die seineKrankheit vermehren, sein Ausleben schmerzhafter machen wird! Dersich über das bedrängte Herz erhebt, das, um seine Gewissensbisseloszuwerden und die Leiden seiner Seele abzutun, eine Pilgrimschaftnach dem heiligen Grabe tut. Jeder Fußtritt, der seine Sohlen aufungebahntem Wege durchschneidet, ist ein Linderungstropfen dergeängsteten Seele, und mit jeder ausgedauerten Tagereise legt sichdas Herz um viele Bedrängnisse leichter nieder.--Und dürft ihr dasWahn nennen, ihr Wortkrämer auf euren Polstern?--Wahn!--o Gott!Du siehst meine Tränen! Mußtest du, der du den Menschen arm genugerschufst, ihm auch Brüder zugeben, die ihm das bißchen Armut, dasbißchen Vertrauen noch raubten, das er auf dich hat, auf dich, duAllliebender! Denn das Vertrauen zu einer heilenden Wurzel, zu denTränen des Weinstockes, was ist es als Vertrauen zu dir, daß du inalles, was uns umgibt, Heil--und Linderungskraft gelegt hast, der wirso stündlich bedürfen? Vater, den ich nicht kenne! Vater, der sonstmeine ganze Seele füllte und nun sein Angesicht von mir gewendet hat,rufe mich zu dir! Schweige nicht länger! Dein Schweigen wird diesedürstende Seele nicht aufhalten--und würde ein Mensch, ein Vater,zürnen können, dem sein unvermutet rückkehrender Sohn um den Halsfiele und riefe: "ich bin wieder da, mein Vater! Zürne nicht, daß ichdie Wanderschaft abbreche, die ich nach deinem Willen längeraushalten sollte. Die Welt ist überall einerlei, auf Mühe und ArbeitLohn und Freude; aber was soll mir das? Mir ist nur wohl, wo du bist,und vor deinem Angesichte will ich leiden und genießen."--Und du,lieber himmlischer Vater, solltest ihn von dir weisen?

 

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