少年维特的烦恼 德文版 Die Leiden des jungen Werther
歌德 Johann Wolfgang von Goethe
Am 26. Mai

 

Du kennst von alters her meine Art, mich anzubauen, mir irgend aneinem vertraulichen Orte ein Hüttchen aufzuschlagen und da mit allerEinschränkung zu herbergen. Auch hier habe ich wieder ein Plätzchenangetroffen, das mich angezogen hat.

Ungefähr eine Stunde von der Stadt liegt ein Ort, den sie Wahlheimnennen. Die Lage an einem Hügel ist sehr interessant, und wenn manoben auf dem Fußpfade zum Dorf herausgeht, übersieht man auf einmaldas ganze Tal. Eine gute Wirtin, die gefällig und munter in ihremAlter ist, schenkt Wein, Bier, Kaffee; und was über alles geht, sindzwei Linden, die mit ihren ausgebreiteten (sten den kleinen Platz vorder Kirche bedecken, der ringsum mit Bauerhäusern, Scheunen und Höfeneingeschlossen ist. So vertraulich, so heimlich hab' ich nicht leichtein Plätzchen gefunden, und dahin lass' ich mein Tischchen aus demWirtshause bringen und meinen Stuhl, trinke meinen Kaffee da und lesemeinen Homer. Das erstenmal, als ich durch einen Zufall an einemschönen Nachmittage unter die Linden kam, fand ich das Plätzchen soeinsam. Es war alles im Felde; nur ein Knabe von ungefähr vier Jahrensaß an der Erde und hielt ein anderes, etwa halbjähriges, vor ihmzwischen seinen Füßen sitzendes Kind mit beiden Armen wider seineBrust, so daß er ihm zu einer Art von Sessel diente und ungeachtet derMunterkeit, womit er aus seinen schwarzen Augen herumschaute, ganzruhig saß. Mich vergnügte der Anblick: ich setzte mich auf einenPflug, der gegenüber stand, und zeichnete die brüderliche Stellung mitvielem Ergetzen. Ich fügte den nächsten Zaun, ein Scheunentor undeinige gebrochene Wagenräder bei, alles, wie es hinter einander stand,und fand nach Verlauf einer Stunde, daß ich eine wohlgeordnete, sehrinteressante Zeichnung verfertigt hatte, ohne das mindeste von demMeinen hinzuzutun. Das bestärkte mich in meinem Vorsatze, michkünftig allein an die Natur zu halten. Sie allein ist unendlich reich,und sie allein bildet den großen Künstler. Man kann zum Vorteile derRegeln viel sagen, ungefähr was man zum Lobe der bürgerlichenGesellschaft sagen kann. Ein Mensch, der sich nach ihnen bildet, wirdnie etwas Abgeschmacktes und Schlechtes hervorbringen, wie einer, dersich durch Gesetze und Wohlstand modeln läßt, nie ein unerträglicherNachbar, nie ein merkwürdiger Bösewicht werden kann; dagegen wird aberauch alle Regel, man rede was man wolle, das wahre Gefühl von Naturund den wahren Ausdruck derselben zerstören! Sag' du: 'das ist zuhart! Sie schränkt nur ein, beschneidet die geilen Reben' etc.--guterFreund, soll ich dir ein Gleichnis geben? Es ist damit wie mit derLiebe. Ein junges Herz hängt ganz an einem Mädchen, bringt alleStunden seines Tages bei ihr zu, verschwendet alle seine Kräfte, allsein Vermögen, um ihr jeden Augenblick auszudrücken, daß er sich ganzihr hingibt. Und da käme ein Philister, ein Mann, der in einemöffentlichen Amte steht, und sagte zu ihm: 'feiner junger Herr!Lieben ist menschlich, nur müßt Ihr menschlich lieben! Teilet EureStunden ein, die einen zur Arbeit, und die Erholungsstunden widmetEurem Mädchen. Berechnet Euer Vermögen, und was Euch von EurerNotdurft übrig bleibt, davon verwehr' ich Euch nicht, ihr ein Geschenk,nur nicht zu oft, zu machen, etwa zu ihrem Geburts--und Namenstage 'etc.--folgt der Mensch, so gibt's einen brauchbaren jungen Menschen,und ich will selbst jedem Fürsten raten, ihn in ein Kollegium zusetzen; nur mit seiner Liebe ist's am Ende und, wenn er ein Künstlerist, mit seiner Kunst. O meine Freunde! Warum der Strom des Geniesso selten ausbricht, so selten in hohen Fluten hereinbraust und eurestaunende Seele erschüttert?--liebe Freunde, da wohnen die gelassenenHerren auf beiden Seiten des Ufers, denen ihre Gartenhäuschen,Tulpenbeete und Krautfelder zugrunde gehen würden, die daher in Zeitenmit Dämmen und Ableiten der künftig drohenden Gefahr abzuwehren wissen.

 

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