少年维特的烦恼 德文版 Die Leiden des jungen Werther
歌德 Johann Wolfgang von Goethe
Am 12. September

 

Sie war einige Tage verreist, Alberten abzuholen. Heute trat ich inihre Stube, sie kam mir entgegen, und ich küßte ihre Hand mit tausendFreuden.

Ein Kanarienvogel flog von dem Spiegel ihr auf die Schulter.--"Einen neuen Freund," sagte sie und lockte ihn auf ihre Hand, "er istmeinen Kleinen zugedacht. Er tut gar zu lieb! Sehen Sie ihn! Wennich ihm Brot gebe, flattert er mit den Flügeln und pickt so artig.Er küßt mich auch, sehen Sie!"

Als sie dem Tierchen den Mund hinhielt, drückte es sich so lieblichin die süßen Lippen, als wenn es die Seligkeit hätte fühlen können,die es genoß.

"Er soll Sie auch küssen," sagte sie und reichte den Vogel herüber.--Das Schnäbelchen machte den Weg von ihrem Munde zu dem meinigen,und die pickende Berührung war wie ein Hauch, eine Ahnung liebevollenGenusses.

"Sein Kuß," sagte ich, "ist nicht ganz ohne Begierde, er suchtNahrung und kehrt unbefriedigt von der leeren Liebkosung zurück."

"Er ißt mir auch aus dem Munde."sagte sie.--Sie reichte ihm einigeBrosamen mit ihren Lippen, aus denen die Freuden unschuldigteilnehmender Liebe in aller Wonne lächelten.

Ich kehrte das Gesicht weg. Sie sollte es nicht tun, sollte nichtmeine Einbildungskraft mit diesen Bildern himmlischer Unschuld undSeligkeit reizen und mein Herz aus dem Schlafe, in den es manchmaldie Gleichgültigkeit des Lebens wiegt, nicht wecken!--Und warumnicht?--Sie traut mir so! Sie weiß, wie ich sie liebe!

 

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