少年维特的烦恼 德文版 Die Leiden des jungen Werther
歌德 Johann Wolfgang von Goethe
Am 9. Mai

 

Ich habe die Wallfahrt nach meiner Heimat mit aller Andacht einesPilgrims vollendet, und manche unerwarteten Gefühle haben michergriffen. An der großen Linde, die eine Viertelstunde vor der Stadtnach S... zu steht, ließ ich halten, stieg aus und hieß den Postillonfortfahren, um zu Fuße jede Erinnerung ganz neu, lebhaft, nach meinemHerzen zu kosten. Da stand ich nun unter der Linde, die ehedem, alsKnabe, das Ziel und die Grenze meiner Spaziergänge gewesen. Wieanders! Damals sehnte ich mich in glücklicher Unwissenheit hinaus indie unbekannte Welt, wo ich für mein Herz so viele Nahrung, so vielenGenuß hoffte, meinen strebenden, sehnenden Busen auszufüllen und zubefriedigen. Jetzt komme ich zurück aus der weiten Welt--o meinFreund, mit wie viel fehlgeschlagenen Hoffnungen, mit wie vielzerstörten Planen!--Ich sah das Gebirge vor mir liegen, dastausendmal der Gegenstand meiner Wünsche gewesen war. Stundenlangkonnt' ich hier sitzen und mich hinüber sehnen, mit inniger Seelemich in den Wäldern, den Tälern verlieren, die sich meinen Augen sofreundlich-dämmernd darstellten; und wenn ich dann um die bestimmteZeit wieder zurück mußte, mit welchem Widerwillen verließ ich nichtden lieben Platz!--Ich kam der Stadt näher, alle die alten,bekannten Gartenhäuschen wurden von mir gegrüßt, die neuen waren mirzuwider, so auch alle Veränderungen, die man sonst vorgenommen hatte.Ich trat zum Tor hinein und fand mich doch gleich und ganz wieder.Lieber, ich mag nicht ins Detail gehn; so reizend, als es mir war, soeinförmig würde es in der Erzählung werden. Ich hatte beschlossen,auf dem Markte zu wohnen, gleich neben unserem alten Haus. ImHingehen bemerkte ich, daß die Schulstube, wo ein ehrliches altesWeib unsere Kindheit zusammengepfercht hatte, in einen Kramladenverwandelt war. Ich erinnere mich der Unruhe, der Tränen, derDumpfheit des Sinnes, der Herzensangst, die ich in dem Locheausgestanden hatte.--Ich tat keinen Schritt, der nicht merkwürdigwar. Ein Pilger im heiligen Lande trifft nicht so viele Stättenreligiöser Erinnerungen an, und seine Seele ist schwerlich so vollheiliger Bewegung.--Noch eins für tausend. Ich ging den Fluß hinab,bis an einen gewissen Hof; das war sonst auch mein Weg, und diePlätzchen, wo wir Knaben uns übten, die meisten Sprünge der flachenSteine im Wasser hervorzubringen. Ich erinnerte mich so lebhaft, wennich manchmal stand und dem Wasser nachsah, mit wie wunderbarenAhnungen ich es verfolgte, wie abenteuerlich ich mir die Gegendenvorstellte, wo es nun hinflösse, und wie ich da sobald Grenzen meinerVorstellungskraft fand; und doch mußte das weiter gehen, immer weiter,bis ich mich ganz in dem Anschauen einer unsichtbaren Ferne verlor.--Sieh, mein Lieber, so beschränkt und so glücklich waren dieherrlichen Altväter! So kindlich ihr Gefühl, ihre Dichtung! Wennulyß von dem ungemeßnen Meer und von der unendlichen Erde spricht,das ist so wahr, menschlich, innig, eng und geheimnisvoll. Was hilftmich's, daß ich jetzt mit jedem Schulknaben nachsagen kann, daß sierund sei? Der Mensch braucht nur wenige Erdschollen, um drauf zugenießen, weniger, um drunter zu ruhen. Nun bin ich hier, auf demfürstlichen Jagdschloß. Es läßt sich noch ganz wohl mit dem Herrnleben, er ist wahr und einfach. Wunderliche Menschen sind um ihnherum, die ich gar nicht begreife. Sie scheinen keine Schelmen undhaben doch auch nicht das Ansehen von ehrlichen Leuten. Manchmalkommen sie mir ehrlich vor, und ich kann ihnen doch nicht trauen.Was mir noch leid tut, ist, daß er oft von Sachen redet, die er nurgehört und gelesen hat, und zwar aus eben dem Gesichtspunkte, wie sieihm der andere vorstellen mochte. Auch schätzt er meinen Verstand undmeine Talente mehr als dies Herz, das doch mein einziger Stolz ist,das ganz und alles Elendes. Ach, was ich weiß, kann jederwissen--mein Herz habe ich allein.

 

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