少年维特的烦恼 德文版 Die Leiden des jungen Werther
歌德 Johann Wolfgang von Goethe
Den 15. März

 

Ich habe einen Verdruß gehabt, der mich von hier wegtreiben wird. Ichknirsche mit den Zähnen! Teufel! Er ist nicht zu ersetzen, und ihrseid doch allein schuld daran, die ihr mich sporntet und treibt undquältet, mich in einen Posten zu begeben, der nicht nach meinem Sinnewar. Nun habe ich's! Nun habt ihr's! Und daß du nicht wieder sagst,meine überspannten Ideen verdürben alles, so hast du hier, lieber Herr,eine Erzählung, plan und nett, wie ein Chronikenschreiber dasaufzeichnen würde.

Der Graf von C... liebt mich, distinguiert mich, das ist bekannt, dashabe ich dir schon hundertmal gesagt. Nun war ich gestern bei ihm zuTafel, eben an dem Tage, da abends die noble Gesellschaft von Herrenund Frauen bei ihm zusammenkommt, an die ich nie gedacht habe, auchmir nie aufgefallen ist, daß wir Subalternen nicht hineingehören. Gut.Ich speise bei dem Grafen, und nach Tische gehn wir in dem großenSaal auf und ab, ich rede mit ihm, mit dem Obristen B..., der dazukommt, und so rückt die Stunde der Gesellschaft heran. Ich denke,Gott weiß, an nichts. Da tritt herein die übergnädige Dame von S...mit ihrem Herrn Gemahl und wohl ausgebrüteten Gänslein Tochter mit derflachen Brust und niedlichem Schnürleibe, machen en passant ihrehergebrachten, hochadeligen Augen und Naslöcher, und wie mir dieNation von Herzen zuwider ist, wollte ich mich eben empfehlen undwartete nur, bis der Graf vom garstigen Gewäsche frei wäre, als meineFräulein B. hereintrat. Da mir das Herz immer ein bißchen aufgeht,wenn ich sie sehe, blieb ich eben, stellte mich hinter ihren Stuhl undbemerkte erst nach einiger Zeit, daß sie mit weniger Offenheit alssonst, mit einiger Verlegenheit mit mir redete. Das fiel mir auf.Ist sie auch wie all das Volk, dacht' ich, und war angestochen undwollte gehen, und doch blieb ich, weil ich sie gerne entschuldigthätte und es nicht glaubte und noch ein gut Wort von ihr hoffteund--was du willst. Unterdessen füllte sich die Gesellschaft. DerBaron F. mit der ganzen Garderobe von den Krönungszeiten Franz desErsten her, der Hofrat R..., hier aber in qualitate Herr von R...genannt, mit seiner tauben Frau etc., den Übel fournierten J... nichtzu vergessen, der die Lücken seiner altfränkischen Garderobe mitneumodischen Lappen ausflickt, das kommt zu Hauf, und ich rede miteinigen meiner Bekanntschaft, die alle sehr lakonisch sind. Ichdachte--und gab nur auf meine B... acht. Ich merkte nicht, daß dieWeiber am Ende des Saales sich in die Ohren flüsterten, daß es auf dieMänner zirkulierte, daß Frau von S. mit dem Grafen redete (das alleshat mir Fräulein B. nachher erzählt), bis endlich der Graf auf michlosging und mich in ein Fenster nahm.--"Sie wissen", sagt' er, "unserewunderbaren Verhältnisse; die Gesellschaft ist unzufrieden, merkte ich,Sie hier zu sehn. Ich wollte nicht um alles"--"Ihro Exzellenz," fielich ein, "ich bitte tausendmal um Verzeihung; ich hätte eher drandenken sollen, und ich weiß, Sie vergeben mir diese Inkonsequenz; ichwollte schon vorhin mich empfehlen. Ein böser Genius hat michzurückgehalten." Setzte ich lächelnd hinzu, indem ich mich neigte.--Der Graf drückte meine Hände mit einer Empfindung, die alles sagte.Ich strich mich sacht aus der vornehmen Gesellschaft, ging, setztemich in ein Kabriolett und fuhr nach M., dort vom Hügel die Sonneuntergehen zu sehen und dabei in meinem Homer den herrlichen Gesang zulesen, wie Ulyß von dem trefflichen Schweinehirten bewirtet wird. Daswar alles gut.

Des Abends komm' ich zurück zu Tische, es waren noch wenige in derGaststube; die würfelten auf einer Ecke, hatten das Tischtuchzurückgeschlagen. Da kommt der ehrliche Adelin hinein, legt seinenHut nieder, indem er mich ansieht, tritt zu mir und sagt leise:"duhast Verdruß gehabt?"--"Ich?" sagt' ich.--"Der Graf hat dich aus derGesellschaft gewiesen."--"Hol' sie der Teufel!" sagt' ich, "mir war'slieb, daß ich in die freie Luft kam."--"Gut," sagt' er, "daß du's aufdie leichte Achsel nimmst. Nur verdrießt mich's, es ist schon überallherum."--Da fing mich das Ding erst an zu wurmen. Alle, die zu Tischkamen und mich ansahen, dachte ich, die sehen dich darum an! Das gabböses Blut.

Und da man nun heute gar, wo ich hintrete, mich bedauert, da ich höre,daß meine Neider nun triumphieren und sagen: da sähe man's, wo es mitden Übermütigen hinausginge, die sich ihres bißchen Kopfs überhöbenund glaubten, sich darum über alle Verhältnisse hinaussetzen zu dürfen,und was des Hundegeschwätzes mehr ist--da möchte man sich ein Messerins Herz bohren; denn man rede von Selbständigkeit was man will, denwill ich sehen, der dulden kann, daß Schurken über ihn reden, wenn sieeinen Vorteil über ihn haben; wenn ihr Geschwätze leer ist, ach dakann man sie leicht lassen.

 

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