少年维特的烦恼 德文版 Die Leiden des jungen Werther
歌德 Johann Wolfgang von Goethe
Am 20. Januar

 

Ich muß Ihnen schreiben, liebe Lotte, hier in der Stube einer geringenBauernherberge, in die ich mich vor einem schweren Wetter geflüchtethabe. Solange ich in dem traurigen Nest D..., unter dem fremden,meinem Herzen ganz fremden Volke herumziehe, habe ich keinenAugenblick gehabt, keinen, an dem mein Herz mich geheißen hätte, Ihnenzu schreiben; und jetzt in dieser Hütte, in dieser Einsamkeit, indieser Einschränkung, da Schnee und Schloßen wider mein Fensterchenwüten, hier waren Sie mein erster Gedanke. Wie ich hereintrat,überfiel mich Ihre Gestalt, Ihr Andenken, o Lotte! So heilig, so warm!Guter Gott! Der erste glückliche Augenblick wieder.

Wenn Sie mich sähen, meine Beste, in dem Schwall von Zerstreuung! Wieausgetrocknet meine Sinne werden! Nicht einen Augenblick der Fülledes Herzens, nicht eine selige Stunde! Nichts! Nichts! Ich stehewie vor einem Raritätenkasten und sehe die Männchen und Gäulchen vormir herumrücken, und frage mich oft, ob es nicht optischer Betrug ist.Ich spiele mit, vielmehr, ich werde gespielt wie eine Marionette undfasse manchmal meinen Nachbar an der hölzernen Hand und schauderezurück. Des Abends nehme ich mir vor, den Sonnenaufgang zu genießen,und komme nicht aus dem Bette; am Tage hoffe ich, mich des Mondscheinszu erfreuen, und bleibe in meiner Stube. Ich weiß nicht recht, warumich aufstehe, warum ich schlafen gehe.

Der Sauerteig, der mein Leben in Bewegung setzte, fehlt; der Reiz, dermich in tiefen Nächten munter erhielt, ist hin, der mich des Morgensaus dem Schlafe weckte, ist weg.

Ein einzig weibliches Geschöpf habe ich hier gefunden, eine Fräuleinvon B..., sie gleicht Ihnen, liebe Lotte, wenn man Ihnen gleichenkann." "Ei!" werden Sie sagen, "der Mensch legt sich auf niedlicheKomplimente!" ganz unwahr ist es nicht. Seit einiger Zeit bin ichsehr artig, weil ich doch nicht anders sein kann, habe viel Witz, unddie Frauenzimmer sagen, es wüßte niemand so fein zu loben als ich (undzu lügen, setzen Sie hinzu, denn ohne das geht es nicht ab, verstehenSie?). Ich wollte von Fräulein B... reden. Sie hat viel Seele, dievoll aus ihren blauen Augen hervorblickt. Ihr Stand ist ihr zur Last,der keinen der Wünsche ihres Herzens befriedigt. Sie sehnt sich ausdem Getümmel, und wir verphantasieren manche Stunde in ländlichenSzenen von ungemischter Glückseligkeit; ach! und von Ihnen! Wie oftmuß sie Ihnen huldigen, muß nicht, tut es freiwillig, hört so gern vonIhnen, liebt Sie.--O säß' ich zu Ihren Füßen in dem lieben,vertraulichen Zimmerchen, und unsere kleinen Lieben wälzten sich miteinander um mich herum, und wenn sie Ihnen zu laut würden, wollte ichsie mit einem schauerlichen Märchen um mich zur Ruhe versammeln.

Die Sonne geht herrlich unter über der schneeglänzenden Gegend, derSturm ist hinüber gezogen, und ich--muß mich wieder in meinen Käfigsperren.--Adieu! Ist Albert bei Ihnen? Und wie--? Gott verzeihe mirdiese Frage!

 

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