少年维特的烦恼 德文版 Die Leiden des jungen Werther
歌德 Johann Wolfgang von Goethe
Am 24. Dezember

 

Der Gesandte macht mir viel Verdruß, ich habe es vorausgesehn. Er istder pünktlichste Narr, den es nur geben kann; Schritt vor Schritt undumständlich wie eine Base; ein Mensch, der nie mit sich selbstzufrieden ist, und dem es daher niemand zu Danke machen kann. Icharbeite gern leicht weg, und wie es steht, so steht es; da ist erimstande, mir einen Aufsatz zurückzugeben und zu sagen:"er ist gut,aber sehen Sie ihn durch, man findet immer ein besseres Wort, einereinere Partikel."--Da möchte ich des Teufels werden. Kein Und, keinBindewörtchen darf außenbleiben, und von allen Inversionen, die mirmanchmal entfahren, ist er ein Todfeind; wenn man seinen Period nichtnach der hergebrachten Melodie heraborgelt, so versteht er gar nichtsdrin. Das ist ein Leiden, mit so einem Menschen zu tun zu haben.

Das Vertrauen des Grafen von C... ist noch das einzige, was michschadlos hält. Er sagte mir letzthin ganz aufrichtig, wie unzufriedener mit der Langsamkeit und Bedenklichkeit meines Gesandten sei. DieLeute erschweren es sich und andern. "Doch," sagte er, "man muß sichdarein resignieren wie ein Reisender, der über einen Berg muß;freilich, wäre der Berg nicht da, so wär der Weg viel bequemer undkürzer; er ist nun aber da, und man soll hinüber!"

Mein Alter spürt auch wohl den Vorzug, den mir der Graf vor ihm gibt,und das ärgert ihn, und er ergreift jede Gelegenheit, Übels gegen michvom Grafen zu reden, ich halte, wie natürlich, Widerpart, und dadurchwird die Sache nur schlimmer. Gestern gar brachte er mich auf, dennich war mit gemeint: zu so Weltgeschäften sei der Graf ganz gut, erhabe viele Leichtigkeit zu arbeiten und führe eine gute Feder, doch angründlicher Gelehrsamkeit mangle es ihm wie allen Belletristen. Dazumachte er eine Miene, als ob er sagen wollte: "fühlst du denStich?" Aber es tat bei mir nicht die Wirkung; ich verachtete denMenschen, der so denken und sich so betragen konnte. Ich hielt ihmstand und focht mit ziemlicher Heftigkeit. Ich sagte, der Graf seiein Mann, vor dem man Achtung haben müsse, wegen seines Charakterssowohl als wegen seiner Kenntnisse." "Ich habe," sagt' ich, "niemandgekannt, dem es so geglückt wäre, seinen Geist zu erweitern, ihn überunzählige Gegenstände zu verbreiten und doch diese Tätigkeit fürsgemeine Leben zu behalten."--das waren dem Gehirne spanische Dörfer,und ich empfahl mich, um nicht über ein weiteres Deraisonnement nochmehr Galle zu schlucken.

Und daran seid ihr alle schuld, die ihr mich in das Joch geschwatztund mir so viel von Aktivität vorgesungen habt. Aktivität! Wennnicht der mehr tut, der Kartoffeln legt und in die Stadt reitet, seinKorn zu verkaufen, als ich, so will ich zehn Jahre noch mich auf derGaleere abarbeiten, auf der ich nun angeschmiedet bin.

Und das glänzende Elend, die Langeweile unter dem garstigen Volke, dassich hier neben einander sieht! Die Rangsucht unter ihnen, wie sienur wachen und aufpassen, einander ein Schrittchen abzugewinnen; dieelendesten, erbärmlichsten Leidenschaften, ganz ohne Röckchen. Da istein Weib, zum Exempel, die jedermann von ihrem Adel und ihrem Landeunterhält, so daß jeder Fremde denken muß: das ist eine Närrin, diesich auf das bißchen Adel und auf den Ruf ihres Landes Wunderstreicheeinbildet.--Aber es ist noch viel Ärger: eben das Weib ist hier ausder Nachbarschaft eine Amtschreiberstochter.--Sieh, ich kann dasMenschengeschlecht nicht begreifen, das so wenig Sinn hat, um sich soplatt zu prostituieren.

Zwar ich merke täglich mehr, mein Lieber, wie töricht man ist, anderenach sich zu berechnen. Und weil ich so viel mit mir selbst zu tunhabe und dieses Herz so stürmisch ist--ach ich lasse gern die andernihres Pfades gehen, wenn sie mich auch nur könnten gehen lassen.

Was mich am meisten neckt, sind die fatalen bürgerlichen Verhältnisse.Zwar weiß ich so gut als einer, wie nötig der Unterschied der Ständeist, wie viel Vorteile er mir selbst verschafft: nur soll er mir nichteben gerade im Wege stehen, wo ich noch ein wenig Freude, einenSchimmer von Glück auf dieser Erde genießen könnte. Ich lernteneulich auf dem Spaziergange ein Fräulein von B. kennen, einliebenswürdiges Geschöpf, das sehr viele Natur mitten in dem steifenLeben erhalten hat. Wir gefielen uns in unserem Gespräche, und da wirschieden, bat ich sie um Erlaubnis, sie bei sich sehen zu dürfen. Siegestattete mir das mit so vieler Freimütigkeit, daß ich denschicklichen Augenblick kaum erwarten konnte, zu ihr zu gehen. Sieist nicht von hier und wohnt bei einer Tante im Hause. DiePhysiognomie der Alten gefiel mir nicht. Ich bezeigte ihr vielAufmerksamkeit, mein Gespräch war meist an sie gewandt, und in minderals einer halben Stunde hatte ich so ziemlich weg, was mir dasFräulein nachher selbst gestand: daß die liebe Tante in ihrem AlterMangel von allem, kein anständiges Vermögen, keinen Geist und keineStütze hat als die Reihe ihrer Vorfahren, keinen Schirm als den Stand,in den sie sich verpalisadiert, und kein Ergetzen, als von ihremStockwerk herab über die bürgerlichen Häupter wegzusehen. In ihrerJugend soll sie schön gewesen sein und ihr Leben weggegaukelt, erstmit ihrem Eigensinne manchen armen Jungen gequält, und in den reifernJahren sich unter den Gehorsam eines alten Offiziers geduckt haben,der gegen diesen Preis und einen leidlichen Unterhalt das eherneJahrhundert mit ihr zubrachte und starb. Nun sieht sie im eisernensich allein und würde nicht angesehn, wär' ihre Nichte nicht soliebenswürdig.

 

首页 中国文学名著目录索引 外国文学名著目录索引 中国著名作家目录索引 外国著名作家目录索引