少年维特的烦恼 德文版 Die Leiden des jungen Werther
歌德 Johann Wolfgang von Goethe
Am 10. September

 

Das war eine Nacht! Wilhelm! Nun überstehe ich alles. Ich werde sienicht wiedersehn! O daß ich nicht an deinen Hals fliegen, dir mittausend Tränen und Entzückungen ausdrücken kann, mein Bester, dieEmpfindungen, die mein Herz bestürmen. Hier sitze ich und schnappenach Luft, suche mich zu beruhigen, erwarte den Morgen, und mitSonnenaufgang sind die Pferde bestellt.

Ach, sie schläft ruhig und denkt nicht, daß sie mich nie wieder sehenwird. Ich habe mich losgerissen, bin stark genug gewesen, in einemGespräch von zwei Stunden mein Vorhaben nicht zu verraten. Und Gott,welch ein Gespräch!

Albert hatte mir versprochen, gleich nach dem Nachtessen mit Lotten imGarten zu sein. Ich stand auf der Terrasse unter den hohenKastanienbäumen und sah der Sonne nach, die mir nun zum letztenmaleüber dem lieblichen Tale, über dem sanften Fluß unterging. So ofthatte ich hier gestanden mit ihr und eben dem herrlichen Schauspielezugesehen, und nun--ich ging in der Allee auf und ab, die mir so liebwar; ein geheimer sympathetischer Zug hatte mich hier so oft gehalten,ehe ich noch Lotten kannte, und wie freuten wir uns, als wir im Anfangunserer Bekanntschaft die wechselseitige Neigung zu diesem Plätzchenentdeckten, das wahrhaftig eins von den romantischsten ist, die ichvon der Kunst hervorgebracht gesehen habe.

Erst hast du zwischen den Kastanienbäumen die weite Aussicht--Ach, icherinnere mich, ich habe dir, denk' ich, schon viel davon geschrieben,wie hohe Buchenwände einen endlich einschließen und durch eindaranstoßendes Boskett die Allee immer düsterer wird, bis zuletztalles sich in ein geschlossenes Plätzchen endigt, das alle Schauer derEinsamkeit umschweben. Ich fühle es noch, wie heimlich mir's ward,als ich zum erstenmale an einem hohen Mittage hineintrat; ich ahneteganz leise, was für ein Schauplatz das noch werden sollte vonSeligkeit und Schmerz.

Ich hatte mich etwa eine halbe Stunde in den schmachtenden, süßenGedanken des Abscheidens, des Wiedersehens geweidet, als ich sie dieTerrasse heraufsteigen hörte. Ich lief ihnen entgegen, mit einemSchauer faßte ich ihre Hand und küßte sie. Wir waren ebenheraufgetreten, als der Mond hinter dem buschigen Hügel aufging; wirredeten mancherlei und kamen unvermerkt dem düstern Kabinette näher.Lotte trat hinein und setzte sich, Albert neben sie, ich auch; dochmeine Unruhe ließ mich nicht lange sitzen; ich stand auf, trat vor sie,ging auf und ab, setzte mich wieder: es war ein ängstlicher Zustand.Sie machte uns aufmerksam auf die schöne Wirkung des Mondenlichtes,das am Ende der Buchenwände die ganze Terrasse vor uns erleuchtete:ein herrlicher Anblick, der um so viel frappanter war, weil uns ringseine tiefe Dämmerung einschloß. Wir waren still, und sie fing nacheiner Weile an: "niemals gehe ich im Mondenlichte spazieren, niemals,daß mir nicht der Gedanke an meine Verstorbenen begegnete, daß nichtdas Gefühl von Tod, von Zukunft über mich käme". "Wir werden sein!"fuhr sie mit der Stimme des herrlichsten Gefühls fort; "aber, Werther,sollen wir uns wieder finden? Wieder erkennen? Was ahnen Sie? Wassagen Sie?"

"Lotte", sagte ich, indem ich ihr die Hand reichte und mir die Augenvoll Tränen wurden,"wir werden uns wiedersehn! Hier und dortwiedersehn!"--ich konnte nicht weiter reden--Wilhelm, mußte sie michdas fragen, da ich diesen ängstlichen Abschied im Herzen hatte!

"Und ob die lieben Abgeschiednen von uns wissen", fuhr sie fort, "obsie fühlen, wann's uns wohl geht, daß wir mit warmer Liebe uns ihrererinnern? O! Die Gestalt meiner Mutter schwebt immer um mich, wennich am stillen Abend unter ihren Kindern, unter meinen Kindern sitzeund sie um mich versammelt sind, wie sie um sie versammelt waren.Wenn ich dann mit einer sehnenden Träne gen Himmel sehe und wünsche,daß sie hereinschauen könnte einen Augenblick, wie ich mein Wort halte,das ich ihr in der des Todes gab: die Mutter ihrer Kinder zu sein.Mit welcher Empfindung rufe ich aus: 'verzeihe mir's, Teuerste, wennich ihnen nicht bin, was du ihnen warst. Ach! Tue ich doch alles,was ich kann; sind sie doch gekleidet, genährt, ach, und, was mehr istals das alles, gepflegt und geliebt. Könntest du unsere Eintrachtsehen, liebe Heilige! Du würdest mit dem heißesten Danke den Gottverherrlichen, den du mit den letzten, bittersten Tränen um dieWohlfahrt deiner Kinder batest.'"--Sie sagte das! O Wilhelm, werkann wiederholen, was sie sagte! Wie kann der kalte, tote Buchstabediese himmlische Blüte des Geistes darstellen! Albert fiel ihr sanftin die Rede: "es greift zu stark an, liebe Lotte! Ich weiß, IhreSeele hängt sehr nach diesen Ideen, aber ich bitte Sie".--"O Albert",sagte sie, "ich weiß, du vergissest nicht die Abende, da wirzusammensaßen an dem kleinen, runden Tischchen, wenn der Papa verreistwar, und wir die Kleinen schlafen geschickt hatten. Du hattest oftein gutes Buch und kannst so selten dazu, etwas zu lesen--war derUmgang dieser herrlichen Seele nicht mehr als alles? Die schöne,sanfte, muntere und immer tätige Frau! Gott kennt meine Tränen, mitdenen ich mich oft in meinem Bette vor ihn hinwarf: er möchte mich ihrgleich machen".

"Lotte!" rief ich aus, indem ich mich vor sie hinwarf, ihre Hand nahmund mit tausend Tränen netzte, "Lotte! Der Segen Gottes ruht über dirund der Geist deiner Mutter!" "Wenn Sie sie gekannt hätten", sagtesie, indem sie mir die Hand drückte,--"sie war wert, von Ihnen gekanntzu sein!"--ich glaubte zu vergehen.

Nie war ein größeres, stolzeres Wort über mich ausgesprochenworden--und sie fuhr fort:"und diese Frau mußte in der Blüte ihrerJahre dahin, da ihr jüngster Sohn nicht sechs Monate alt war! IhreKrankheit dauerte nicht lange; sie war ruhig, hingegeben, nur ihreKinder taten ihr weh, besonders das kleine. Wie es gegen das Endeging und sie zu mir sagte: 'bringe mir sie herauf!' und wie ich siehereinführte, die kleinen, die nicht wußten, und die ältesten, dieohne Sinne waren, wie sie ums Bette standen, und wie sie die Händeaufhob und über sie betete, und sie küßte nach einander und siewegschickte und zu mir sagte: 'sei ihre Mutter!'--Ich gab ihr die Handdrauf!--'Du versprichst viel, meine Tochter', sagte sie, 'das Herzeiner Mutter und das Aug' einer Mutter. Ich habe oft an deinendankbaren Tränen gesehen, daß du fühlst, was das sei. Habe es fürdeine Geschwister, und für deinen Vater die Treue und den Gehorsameiner Frau. Du wirst ihn trösten.'--Sie fragte nach ihm, er warausgegangen, um uns den unerträglichen Kummer zu verbergen, den erfühlte, der Mann war ganz zerrissen.

Albert, du warst im Zimmer. Sie hörte jemand gehn und fragte undforderte dich zu sich, und wie sie dich ansah und mich, mit demgetrösteten, ruhigen Blicke, daß wir glücklich sein, zusammenglücklich sein würden".--Albert fiel ihr um den Hals und küßte sie undrief: "wir sind es! Wir werden es sein!"--der ruhige Albert war ganzaus seiner Fassung, und ich wußte nichts von mir selber. "Werther",fing sie an, "und diese Frau sollte dahin sein! Gott! Wenn ichmanchmal denke, wie man das Liebste seines Lebens wegtragen läßt, undniemand als die Kinder das so scharf fühlt, die sich noch langebeklagten, die schwarzen Männer hätten die Mama weggetragen! "siestand auf, und ich ward erweckt und erschüttert, blieb sitzen undhielt ihre Hand.--"Wir wollen fort", sagte sie, "es wird Zeit".--Siewollte ihre Hand zurückziehen, und ich hielt sie fester.--"wir werdenuns wieder sehen" rief ich, "wir werden uns finden, unter allenGestalten werden wir uns erkennen. Ich gehe", fuhr ich fort, "ichgehe willig, und doch, wenn ich sagen sollte auf ewig, ich würde esnicht aushalten. Leb' wohl, Lotte! Leb' wohl, Albert! Wir sehn unswieder".--"Morgen, denke ich", versetzte sie scherzend.--Ich fühltedas Morgen! Ach, sie wußte nicht, als sie ihre Hand aus der meinenzog--Sie gingen die Allee hinaus, ich stand, sah ihnen nach imMondscheine und warf mich an die Erde und weinte mich aus und sprangauf und lief auf die Terrasse hervor und sah noch dort unten imSchatten der hohen Lindenbäume ihr weißes Kleid nach der Gartentürschimmern, ich streckte meine Arme aus, und es verschwand.

 

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