少年维特的烦恼 德文版 Die Leiden des jungen Werther
歌德 Johann Wolfgang von Goethe
Am 18. August

 

Mußte denn das so sein, daß das, was des Menschen Glückseligkeit macht,wieder die Quelle seines Elendes würde?

Das volle, warme Gefühl meines Herzens an der lebendigen Natur, dasmich mit so vieler Wonne überströmte, das rings umher die Welt mir zueinem Paradiese schuf, wird mir jetzt zu einem unerträglichen Peiniger,zu einem quälenden Geist, der mich auf allen Wegen verfolgt. Wennich sonst vom Felsen über den Fluß bis zu jenen Hügeln das fruchtbareTal überschaute und alles um mich her keimen und quellen sah; wenn ichjene Berge, vom Fuße bis auf zum Gipfel, mit hohen, dichten Bäumenbekleidet, jene Täler in ihren mannigfaltigen Krümmungen von denlieblichsten Wäldern beschattet sah, und der sanfte Fluß zwischen denlispelnden Rohren dahingleitete und die lieben Wolken abspiegelte, dieder sanfte Abendwind am Himmel herüberwiegte; wenn ich dann die Vögelum mich den Wald beleben hörte, und die Millionen Mückenschwärme imletzten roten Strahle der Sonne mutig tanzten, und ihr letzterzuckender Blick den summenden Käfer aus seinem Grase befreite, und dasSchwirren und Weben um mich her mich auf den Boden aufmerksam machte,und das Moos, das meinem harten Felsen seine Nahrung abzwingt, und dasGeniste, das den dürren Sandhügel hinunter wächst, mir das innere,glühende, heilige Leben der Natur eröffnete: wie faßte ich das allesin mein warmes Herz, fühlte mich in der überfließenden Fülle wievergöttert, und die herrlichen Gestalten der unendlichen Welt bewegtensich allbelebend in meiner Seele. Ungeheure Berge umgaben mich,Abgründe lagen vor mir, und Wetterbäche stürzten herunter, die Flüsseströmten unter mir, und Wald und Gebirg erklang; und ich sah siewirken und schaffen ineinander in den Tiefen der Erde, alle dieunergründlichen Kräfte; und nun über der Erde und unter dem Himmelwimmeln die Geschlechter der mannigfaltigen Geschöpfe. Ales, allesbevölkert mit tausendfachen Gestalten; und die Menschen dann sich inHäuslein zusammen sichern und sich annisten und herrschen in ihremSinne über die weite Welt! Armer Tor! Der du alles so gering achtest,weil du so klein bist.--vom unzugänglichen Gebirge über die Einöde,die kein Fuß betrat, bis ans Ende des unbekannten Ozeans weht derGeist des Ewigschaffenden und freut sich jedes Staubes, der ihnvernimmt und lebt.--ach damals, wie oft habe ich mich mit Fitticheneines Kranichs, der über mich hin flog, zu dem Ufer des ungemessenenMeeres gesehnt, aus dem schäumenden Becher des Unendlichen jeneschwellende Lebenswonne zu trinken und nur einen Augenblick in dereingeschränkten Kraft meines Busens einen Tropfen der Seligkeit desWesens zu fühlen, das alles in sich und durch sich hervorbringt.

Bruder, nur die Erinnerung jener Stunden macht mir wohl. Selbst dieseAnstrengung, jene unsäglichen Gelüste zurückzurufen, wiederauszusprechen, hebt meine Seele über sich selbst und läßt mich danndas Bange des Zustandes doppelt empfinden, der mich jetzt umgibt.

Es hat sich vor meiner Seele wie ein Vorhang weggezogen, und derSchauplatz des unendlichen Lebens verwandelt sich vor mir in denAbgrund des ewig offenen Grabes. Kannst du sagen: Das ist! Da allesvorübergeht? Da alles mit der Wetterschnelle vorüberrollt, so seltendie ganze Kraft seines Daseins ausdauert, ach, in den Stromfortgerissen, untergetaucht und an Felsen zerschmettert wird? Da istkein Augenblick, der nicht dich verzehrte und die Deinigen um dich her,kein Augenblick, da du nicht ein Zerstörer bist, sein mußt; derharmloseste Spaziergang kostet tausend armen Würmchen das Leben, eszerrüttet ein Fußtritt die mühseligen Gebäude der Ameisen und stampfteine kleine Welt in ein schmähliches Grab. Ha! Nicht die große,seltne Not der Welt, diese Fluten, die eure Dörfer wegspülen, dieseErdbeben, die eure Städte verschlingen, rühren mich; mir untergräbtdas Herz die verzehrende Kraft, die in dem All der Natur verborgenliegt; die nichts gebildet hat, das nicht seinen Nachbar, nicht sichselbst zerstörte. Und so taumle ich beängstigt. Himmel und Erde undihre webenden Kräfte um mich her: ich sehe nichts als ein ewigverschlingendes, ewig wiederkäuendes Ungeheuer.

 

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