少年维特的烦恼 德文版 Die Leiden des jungen Werther
歌德 Johann Wolfgang von Goethe
Am 11. Julius

 

Frau M. ist sehr schlecht; ich bete für ihr Leben, weil ich mit Lottendulde. Ich sehe sie selten bei einer Freundin, und heute hat sie mireinen wunderbaren Vorfall erzählt.--der alte M. ist ein geiziger,rangiger Filz, der seine Frau im Leben was Rechts geplagt undeingeschränkt hat; doch hat sich die Frau immer durchzuhelfen gewußt.Vor wenigen Tagen, als der Arzt ihr das Leben abgesprochen hatte, ließsie ihren Mann kommen (Lotte war im Zimmer) und redete ihn also an:"ich muß dir eine Sache gestehen, die nach meinem Tode Verwirrung undVerdruß machen könnte. Ich habe bisher die Haushaltung geführt, soordentlich und sparsam als möglich; allein du wirst mir verzeihen, daßich dich diese dreißig Jahre her hintergangen habe. Du bestimmtest imAnfange unserer Heirat ein Geringes für die Bestreitung der Küche undanderer häuslichen Ausgaben. Als unsere Haushaltung stärker wurde,unser Gewerbe größer, warst du nicht zu bewegen, mein Wochengeld nachdem Verhältnisse zu vermehren; kurz, du weißt, daß du in den Zeiten,da sie am größten war, verlangtest, ich solle mit sieben Gulden dieWoche auskommen.

Die habe ich denn ohne Widerrede genommen und mir den Überschußwöchentlich aus der Losung geholt, da niemand vermutete, daß die Fraudie Kasse bestehlen würde. Ich habe nichts verschwendet und wäre auch,ohne es zu bekennen, getrost der Ewigkeit entgegengegangen, wennnicht diejenige, die nach mir das Hauswesen zu führen hat, sich nichtzu helfen wissen würde, und du doch immer darauf bestehen könntest,deine erste Frau sei damit ausgekommen".

Ich redete mit Lotten über die unglaubliche Verblendung desMenschensinns, daß einer nicht argwohnen soll, dahinter müsse wasanders stecken, wenn eins mit sieben Gulden hinreicht, wo man denAufwand vielleicht um zweimal so viel sieht. Aber ich habe selbstLeute gekannt, die des Propheten ewiges Ölkrüglein ohne Verwunderungin ihrem Hause angenommen hätten.

 

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