少年维特的烦恼 德文版 Die Leiden des jungen Werther
歌德 Johann Wolfgang von Goethe
Am 1. Julius

 

Was Lotte einem Kranken sein muß, fühl' ich an meinem eigenen Herzen,das übler dran ist als manches, das auf dem Siechbette verschmachtet.Sie wird einige Tage in der Stadt bei einer rechtschaffnen Frauzubringen, die sich nach der Aussage der Ärzte ihrem Ende naht und indiesen letzten Augenblicken Lotten um sich haben will. Ich war vorigeWoche mir ihr, den Pfarrer von St. zu besuchen; ein Örtchen, das eineStunde seitwärts im Gebirge liegt. Wir kamen gegen vier dahin. Lottehatte ihre zweite Schwester mitgenommen. Als wir in den mit zweihohen Nußbäumen überschatteten Pfarrhof traten, saß der gute alte Mannauf einer Bank vor der Haustür, und da er Lotten sah, ward er wie neubelebt, vergaß seinen Knotenstock und wagte sich auf, ihr entgegen.Sie lief hin zu ihm, nötigte ihn sich niederzulassen, indem sie sichzu ihm setzte, brachte viele Grüße von ihrem Vater, herzte seinengarstigen, schmutzigen jüngsten Buben, das Quakelchen seines Alters.Du hättest sie sehen sollen, wie sie den Alten beschäftigte, wie sieihre Stimme erhob, um seinen halb tauben Ohren vernehmlich zu werden,wie sie ihm von jungen, robusten Leuten erzählte, die unvermutetgestorben wären, von der Vortrefflichkeit des Karlsbades, und wie sieseinen Entschluß lobte, künftigen Sommer hinzugehen, wie sie fand, daßer viel besser aussähe, viel munterer sei als das letztemal, da sieihn gesehn.--ich hatte indes der Frau Pfarrerin meine Höflichkeitengemacht. Der Alte wurde ganz munter, und da ich nicht umhin konnte,die schönen Nußbäume zu loben, die uns so lieblich beschatteten, finger an, uns, wiewohl mit einiger Beschwerlichkeit, die Geschichte davonzu geben.--"den alten", sagte er,"wissen wir nicht, wer den gepflanzthat; einige sagen dieser, andere jener Pfarrer. Der jüngere aber dorthinten ist so alt als meine Frau, im Oktober funfzig Jahr. Ihr Vaterpflanzte ihn des Morgens, als sie gegen Abend geboren wurde. Er warmein Vorfahr im Amt, und wie lieb ihm der Baum war, ist nicht zu sagen;mir ist er's gewiß nicht weniger. Meine Frau saß darunter auf einemBalken und strickte, da ich vor siebenundzwanzig Jahren als ein armerStudent zum erstenmale hier in den Hof kam".--Lotte fragte nach seinerTochter; es hieß, sie sei mit Herrn Schmidt auf die Wiese hinaus zuden Arbeitern, und der Alte fuhr in seiner Erzählung fort: wie seinVorfahr ihn liebgewonnen und die Tochter dazu, und wie er erst seinVikar und dann sein Nachfolger geworden. Die Geschichte war nichtlange zu Ende, als die Jungfer Pfarrerin mit dem sogenannten HerrnSchmidt durch den Garten herkam: sie bewillkommte Lotten mitherzlicher Wärme, und ich muß sagen, sie gefiel mir nicht übel; einerasche, wohlgewachsene Brünette, die einen die kurze Zeit über auf demLande wohl unterhalten hätte. Ihr Liebhaber (denn als solchen stelltesich Herr Schmidt gleich dar), ein feiner, doch stiller Mensch, dersich nicht in unsere Gespräche mischen wollte, ob ihn gleich Lotteimmer hereinzog. Was mich am meisten betrübte, war, daß ich an seinenGesichtszügen zu bemerken schien, es sei mehr Eigensinn und üblerHumor als Eingeschränktheit des Verstandes, der ihn sich mitzuteilenhinderte. In der Folge ward dies leider nur zu deutlich; denn alsFriederike beim Spazierengehen mit Lotten und gelegentlich auch mitmir ging, wurde des Herrn Angesicht, das ohnedies einer bräunlichenFarbe war, so sichtlich verdunkelt, daß es Zeit war, daß Lotte michbeim Ärmel zupfte und mir zu verstehn gab, daß ich mit Friederiken zuartig getan. Nun verdrießt mich nichts mehr, als wenn die Menscheneinander plagen, am meisten, wenn junge Leute in der Blüte des Lebens,da sie am offensten für alle Freuden sein könnten, einander die paarguten Tage mit Fratzen verderben und nur erst zu spät dasUnersetzliche ihrer Verschwendung einsehen. Mich wurmte das, und ichkonnte nicht umhin, da wir gegen Abend in den Pfarrhof zurückkehrtenund an einem Tische Milch aßen und das Gespräch auf Freude und Leidder Welt sich wendete, den Faden zu ergreifen und recht herzlich gegendie üble Laune zu reden.--"wir Menschen beklagen uns oft", fing ich an,"daß der guten Tage so wenig sind und der schlimmen so viel, und, wiemich dünkt, meist mit Unrecht. Wenn wir immer ein offenes Herz hätten,das Gute zu genießen, das uns Gott für jeden Tag bereitet, wir würdenalsdann auch Kraft genug haben, das Übel zu tragen, wenn es kommt".--"Wir haben aber unser Gemüt nicht in unserer Gewalt", versetzte diePfarrerin, "wie viel hängt vom Körper ab! Wenn einem nicht wohl ist,ist's einem überall nicht recht".--Ich gestand ihr das ein.--"Wirwollen es also", fuhr ich fort,"als eine Krankheit ansehen und fragen,ob dafür kein Mittel ist?"--"Das läßt sich hören", sagte Lotte, "ichglaube wenigstens, daß viel von uns abhängt. Ich weiß es an mir.Wenn mich etwas neckt und mich verdrießlich machen will, spring' ichauf und sing' ein paar Contretänze den Garten auf und ab, gleich ist'sweg".--"das war's, was ich sagen wollte,"versetzte ich,"es ist mit derüblen Laune völlig wie mit der Trägheit, denn es ist eine Art vonTrägheit. Unsere Natur hängt sehr dahin, und doch, wenn wir nureinmal die Kraft haben, uns zu ermannen, geht uns die Arbeit frischvon der Hand, und wir finden in der Tätigkeit ein wahres Vergnügen".--Friederike war sehr aufmerksam, und der junge Mensch wandte mir ein,daß man nicht Herr über sich selbst sei und am wenigsten über seineEmpfindungen gebieten könne.--"es ist hier die Frage von einerunangenehmen Empfindung", versetzte ich, "die doch jedermann gerne losist; und niemand weiß, wie weit seine Kräfte gehen, bis er sieversucht hat. Gewiß, wer krank ist, wird bei allen Ärzten herumfragen,und die größten Resignationen, die bittersten Arzeneien wird er nichtabweisen, um seine gewünschte Gesundheit zu erhalten".--ich bemerkte,daß der ehrliche Alte sein Gehör anstrengte, um an unserm Diskurseteilzunehmen, ich erhob die Stimme, indem ich die Rede gegen ihnwandte". Man predigt gegen so viele Laster", sagte ich, "ich habenoch nie gehört, daß man gegen die üble Laune vom Predigtstuhlegearbeitet hätte.--"Das müßten die Stadtpfarrer tun", sagte er, "dieBauern haben keinen bösen Humor; doch könnte es auch zuweilen nichtschaden, es wäre eine Lektion für seine Frau wenigstens und für denHerrn Amtmann".--Die Gesellschaft lachte, und er herzlich mit, bis erin einen Husten verfiel, der unsern Diskurs eine Zeitlang unterbrach;darauf denn der junge Mensch wieder das Wort nahm: "Sie nannten denbösen Humor ein Laster; mich deucht, das ist übertrieben".--"Mitnichten", gab ich zur Antwort, "wenn das, womit man sich selbst undseinem Nächsten schadet, diesen Namen verdient. Ist es nicht genug,daß wir einander nicht glücklich machen können, müssen wir auch nocheinander das Vergnügen rauben, das jedes Herz sich noch manchmalselbst gewähren kann? Und nennen Sie mir den Menschen, der üblerLaune ist und so brav dabei, sie zu verbergen, sie allein zu tragen,ohne die Freude um sich her zu zerstören! Oder ist sie nicht vielmehrein innerer Unmut über unsere eigene Unwürdigkeit, ein Mißfallen anuns selbst, das immer mit einem Neide verknüpft ist, der durch einetörichte Eitelkeit aufgehetzt wird? Wir sehen glückliche Menschen,die wir nicht glücklich machen, und das ist unerträglich".--Lottelächelte mich an, da sie die Bewegung sah, mit der ich redete, undeine Träne in Friederikens Auge spornte mich fortzufahren.--"Wehedenen", sagte ich, "die sich der Gewalt bedienen, die sie über einHerz haben, um ihm die einfachen Freuden zu rauben, die aus ihm selbsthervorkeimen. Alle Geschenke, alle Gefälligkeiten der Welt ersetzennicht einen Augenblick Vergnügen an sich selbst, den uns eineneidische Unbehaglichkeit unsers Tyrannen vergällt hat".

Mein ganzes Herz war voll in diesem Augenblicke; die Erinnerung somanches Vergangenen drängte sich an meine Seele, und die Tränen kamenmir in die Augen.

"Wer sich das nur täglich sagte",rief ich aus,"du vermagst nichts aufdeine Freunde, als ihnen ihre Freuden zu lassen und ihr Glück zuvermehren, indem du es mit ihnen genießest. Vermagst du, wenn ihreinnere Seele von einer ängstigenden Leidenschaft gequält, vom Kummerzerrüttet ist, ihnen einen Tropfen Linderung zu geben?

Und wenn die letzte, bangste Krankheit dann über das Geschöpf herfällt,das du in blühenden Tagen untergraben hast, und sie nun daliegt indem erbärmlichsten Ermatten, das Auge gefühllos gen Himmel sieht, derTodesschweiß auf der blassen Stirne abwechselt, und du vor dem Bettestehst wie ein Verdammter, in dem innigsten Gefühl, daß du nichtsvermagst mit deinem ganzen Vermögen, und die Angst dich inwendigkrampft, daß du alles hingeben möchtest, dem untergehenden Geschöpfeeinen Tropfen Stärkung, einen Funken Mut einflößen zu können".

Die Erinnerung einer solchen Szene, wobei ich gegenwärtig war, fielmit ganzer Gewalt bei diesen Worten über mich. Ich nahm dasSchnupftuch vor die Augen und verließ die Gesellschaft, und nurLottens Stimme, die mir rief, wir wollten fort, brachte mich zu mirselbst. Und wie sie mich auf dem Wege schalt über den zu warmenAnteil an allem, und daß ich drüber zugrunde gehen würde! Daß ichmich schonen sollte!--O der Engel! Um deinetwillen muß ich leben!

 

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