少年维特的烦恼 德文版 Die Leiden des jungen Werther
歌德 Johann Wolfgang von Goethe
Am 16. Junius

 

Warum ich dir nicht schreibe?--Fragst du das und bist doch auch derGelehrten einer. Du solltest raten, daß ich mich wohl befinde, undzwar--kurz und gut, ich habe eine Bekanntschaft gemacht, die mein Herznäher angeht. Ich habe--ich weiß nicht.

Dir in der Ordnung zu erzählen, wie's zugegangen ist, daß ich eins derliebenswürdigsten Geschöpfe habe kennen lernen, wird schwer halten.Ich bin vergnügt und glücklich, und also kein guter Historienschreiber.

Einen Engel!--pfui! Das sagt jeder von der Seinigen, nicht wahr? Unddoch bin ich nicht imstande, dir zu sagen, wie sie vollkommen ist,warum sie vollkommen ist; genug, sie hat allen meinen Sinngefangengenommen.

So viel Einfalt bei so viel Verstand, so viel Güte bei so vielFestigkeit, und die Ruhe der Seele bei dem wahren Leben und derTätigkeit.--Das ist alles garstiges Gewäsch, was ich da von ihr sage,leidige Abstraktionen, die nicht einen Zug ihres Selbst ausdrücken.Ein andermal--nein, nicht ein andermal, jetzt gleich will ich dir'serzählen. Tu' ich 's jetzt nicht, so geschäh' es niemals. Denn,unter uns, seit ich angefangen habe zu schreiben, war ich schondreimal im Begriffe, die Feder niederzulegen, mein Pferd satteln zulassen und hinauszureiten. Und doch schwur ich mir heute früh, nichthinauszureiten, und gehe doch alle Augenblick' ans Fenster, zu sehen,wie hoch die Sonne noch steht.--Ich hab's nicht überwinden können,ich mußte zu ihr hinaus. Da bin ich wieder, Wilhelm, will meinButterbrot zu Nacht essen und dir schreiben. Welch eine Wonne das fürmeine Seele ist, sie in dem Kreise der lieben, muntern Kinder, ihreracht Geschwister, zu sehen!--Wenn ich so fortfahre, wirst du am Endeso klug sein wie am Anfange. Höre denn, ich will mich zwingen, insDetail zu gehen.

Ich schrieb dir neulich, wie ich den Amtmann S. habe kennen lernen,und wie er mich gebeten habe, ihn bald in seiner Einsiedelei odervielmehr seinem kleinen Königreiche zu besuchen. Ich vernachlässigtedas, und wäre vielleicht nie hingekommen, hätte mir der Zufall nichtden Schatz entdeckt, der in der stillen Gegend verborgen liegt.

Unsere jungen Leute hatten einen Ball auf dem Lande angestellt, zu demich mich denn auch willig finden ließ. Ich bot einem hiesigen guten,schönen, übrigens unbedeutenden Mädchen die Hand, und es wurdeausgemacht, daß ich eine Kutsche nehmen, mit meiner Tänzerin und ihrerBase nach dem Orte der Lustbarkeit hinausfahren und auf dem WegeCharlotten S. mitnehmen sollte.--"Sie werden ein schönes Frauenzimmerkennenlernen", sagte meine Gesellschafterin, da wir durch den weiten,ausgehauenen Wald nach dem Jagdhause fuhren.--"Nehmen Sie sich inacht", versetzte die Base, "daß Sie sich nicht verlieben!"--"Wieso?"sagte ich.--"Sie ist schon vergeben,"antwortete jene,"an einen sehrbraven Mann, der weggereist ist, seine Sachen in Ordnung zu bringen,weil sein Vater gestorben ist, und sich um eine ansehnliche Versorgungzu bewerben".--Die Nachricht war mir ziemlich gleichgültig.

Die Sonne war noch eine Viertelstunde vom Gebirge, als wir vor demHoftore anfuhren. Es war sehr schwül, und die Frauenzimmer äußertenihre Besorgnis wegen eines Gewitters, das sich in weißgrauen,dumpfichten Wölkchen rings am Horizonte zusammenzuziehen schien. Ichtäuschte ihre Furcht mit anmaßlicher Wetterkunde, ob mir gleich selbstzu ahnen anfing, unsere Lustbarkeit werde einen Stoß leiden.

Ich war ausgestiegen, und eine Magd, die ans Tor kam, bat uns, einenAugenblick zu verziehen, Mamsell Lottchen würde gleich kommen. Ichging durch den Hof nach dem wohlgebauten Hause, und da ich dievorliegenden Treppen hinaufgestiegen war und in die Tür trat, fiel mirdas reizendste Schauspiel in die Augen, das ich je gesehen habe. indem Vorsaale wimmelten sechs Kinder von eilf zu zwei Jahren um einMädchen von schöner Gestalt, mittlerer Größe, die ein simples weißesKleid, mit blaßroten Schleifen an Arm und Brust, anhatte. Sie hieltein schwarzes Brot und schnitt ihren Kleinen rings herum jedem seinStück nach Proportion ihres Alters und Appetits ab, gab's jedem mitsolcher Freundlichkeit, und jedes rief so ungekünstelt sein "danke!",indem es mit den kleinen Händchen lange in die Höhe gereicht hatte,ehe es noch abgeschnitten war, und nun mit seinem Abendbrote vergnügtentweder wegsprang, oder nach seinem stillern Charakter gelassendavonging nach dem Hoftore zu, um die Fremden und die Kutsche zu sehen,darin ihre Lotte wegfahren sollte.--"Ich bitte um Vergebung", sagtesie, "daß ich Sie hereinbemühe und die Frauenzimmer warten lasse.Über dem Anziehen und allerlei Bestellungen fürs Haus in meinerAbwesenheit habe ich vergessen, meinen Kindern ihr Vesperbrot zu geben,und sie wollen von niemanden Brot geschnitten haben als von mir".

Ich machte ihr ein unbedeutendes Kompliment, meine ganze Seele ruhteauf der Gestalt, dem Tone, dem Betragen, und ich hatte eben Zeit, michvon der Überraschung zu erholen, als sie in die Stube lief, ihreHandschuhe und den Fächer zu holen. Die Kleinen sahen mich in einigerEntfernung so von der Seite an, und ich ging auf das jüngste los, dasein Kind von der glücklichsten Gesichtsbildung war. Es zog sichzurück, als eben Lotte zur Türe herauskam und sagte:"Louis, gib demHerrn Vetter eine Hand".--das tat der Knabe sehr freimütig, und ichkonnte mich nicht enthalten, ihn, ungeachtet seines kleinenRotznäschens, herzlich zu küssen.

"Vetter?" sagte ich, indem ich ihr die Hand reichte," glauben Sie, daßich des Glücks wert sei, mit Ihnen verwandt zu sein?"--"O", sagte siemit einem leichtfertigen Lächeln, "unsere Vetterschaft ist sehrweitläufig, und es wäre mir leid, wenn Sie der schlimmste drunter seinsollten".--Im Gehen gab sie Sophien, der ältesten Schwester nach ihr,einem Mädchen von ungefähr elf Jahren, den Auftrag, wohl auf dieKinder acht zu haben und den Papa zu grüßen, wenn er vom Spazierrittenach Hause käme. Den Kleinen sagte sie, sie sollten ihrer SchwesterSophie folgen, als wenn sie's selber wäre, das denn auch einigeausdrücklich versprachen. Eine kleine, naseweise Blondine aber, vonungefähr sechs Jahren, sagte: "du bist's doch nicht, Lottchen, wirhaben dich doch lieber".--die zwei ältesten Knaben waren hinten aufdie Kutsche geklettert, und auf mein Vorbitten erlaubte sie ihnen, bisvor den Wald mitzufahren, wenn sie versprächen, sich nicht zu neckenund sich recht festzuhalten.

Wir hatten uns kaum zurecht gesetzt, die Frauenzimmer sich bewillkommt,wechselsweise über den Anzug, vorzüglich über die Hüte ihreAnmerkungen gemacht und die Gesellschaft, die man erwartete, gehörigdurchgezogen, als Lotte den Kutscher halten und ihre Brüderherabsteigen ließ, die noch einmal ihre Hand zu küssen begehrten, dasdenn der älteste mit aller Zärtlichkeit, die dem Alter von fünfzehnJahren eigen sein kann, der andere mit viel Heftigkeit und Leichtsinntat. Sie ließ die Kleinen noch einmal grüßen, und wir fuhren weiter.

Die Base fragte, ob sie mit dem Buche fertig wäre, das sie ihr neulichgeschickt hätte.--"nein", sagte Lotte,"es gefällt mir nicht, Siekönnen's wiederhaben. Das vorige war auch nicht besser".--Icherstaunte, als ich fragte, was es für Bücher wären, und sie mirantwortete:--ich fand so viel Charakter in allem, was sie sagte, ichsah mit jedem Wort neue Reize, neue Strahlen des Geistes aus ihrenGesichtszügen hervorbrechen, die sich nach und nach vergnügt zuentfalten schienen, weil sie an mir fühlte, daß ich sie verstand.

"Wie ich jünger war", sagte sie, "liebte ich nichts so sehr als Romane.Weiß Gott, wie wohl mir's war, wenn ich mich Sonntags in so einEckchen setzen und mit ganzem Herzen an dem Glück und Unstern einerMiß Jonny teilnehmen konnte. Ich leugne auch nicht, daß die Art nocheinige Reize für mich hat. Doch da ich so selten an ein Buch komme,so muß es auch recht nach meinem Geschmack sein. Und der Autor istmir der liebste, in dem ich meine Welt wiederfinde, bei dem es zugehtwie um mich, und dessen Geschichte mir doch so interessant undherzlich wird als mein eigen häuslich Leben, das freilich keinParadies, aber doch im ganzen eine Quelle unsäglicher Glückseligkeitist".

Ich bemühte mich, meine Bewegungen über diese Worte zu verbergen. Dasging freilich nicht weit: denn da ich sie mit solcher Wahrheit imVorbeigehen vom Landpriester von Wakefield, vom--reden hörte, kam ichganz außer mich, sagte ihr alles, was ich mußte, und bemerkte erstnach einiger Zeit, da Lotte das Gespräch an die anderen wendete, daßdiese die Zeit über mit offenen Augen, als säßen sie nicht da,dagesessen hatten. Die Base sah mich mehr als einmal mit einemspöttischen Näschen an, daran mir aber nichts gelegen war.

Das Gespräch fiel aufs Vergnügen am Tanze.--"wenn diese Leidenschaftein Fehler ist,"sagte Lotte, "so gestehe ich Ihnen gern, ich weiß mirnichts übers Tanzen. Und wenn ich was im Kopfe habe und mir aufmeinem verstimmten Klavier einen Contretanz vortrommle, so ist alleswieder gut".

Wie ich mich unter dem Gespäche in den schwarzen Augen weidete--wiedie lebendigen Lippen und die frischen, muntern Wangen meine ganzeSeele anzogen--wie ich, in den herrlichen Sinn ihrer Rede ganzversunken, oft gar die Worte nicht hörte, mit denen sie sichausdrückte--davon hast du eine Vorstellung, weil du mich kennst. Kurz,ich stieg aus dem Wagen wie ein Träumender, als wir vor dem Lusthausestille hielten, und war so in Träumen rings in der dämmernden Weltverloren, daß ich auf die Musik kaum achtete, die uns von demerleuchteten Saal herunter entgegenschallte.

Die zwei Herren Audran und ein gewisser N. N.--wer behält alle dieNamen--, die der Base und Lottens Tänzer waren, empfingen uns amSchlage, bemächtigten sich ihrer Frauenzimmer, und ich führte dasmeinige hinauf.

Wir schlangen uns in Menuetts um einander herum; ich forderte einFrauenzimmer nach dem andern auf, und just die unleidlichsten konntennicht dazu kommen, einem die Hand zu reichen und ein Ende zu machen.Lotte und ihr Tänzer fingen einen Englischen an, und wie wohl mir'swar, als sie auch in der Reihe die Figur mit uns anfing, magst dufühlen. Tanzen muß man sie sehen! Siehst du, sie ist so mit ganzemHerzen und mit ganzer Seele dabei, ihr ganzer Körper eine Harmonie, sosorglos, so unbefangen, als wenn das eigentlich alles wäre, als wennsie sonst nichts dächte, nichts empfände; und in dem Augenblicke gewißschwindet alles andere vor ihr.

Ich bat sie um den zweiten Contretanz; sie sagte mit den dritten zu,und mit der liebenswürdigsten Freimütigkeit von der Welt versichertesie mir, daß sie herzlich gern deutsch tanze.--"Es ist hier so Mode,"fuhr sie fort," daß jedes Paar, das zusammen gehört, beim Deutschenzusammenbleibt, und mein Chapeau walzt schlecht und dankt mir's, wennich ihm die Arbeit erlasse. Ihr Frauenzimmer kann's auch nicht undmag nicht, und ich habe im Englischen gesehen, daß Sie gut walzen;wenn Sie nun mein sein wollen fürs Deutsche, so gehen Sie und bittensich's von meinem Herrn aus, und ich will zu Ihrer Dame gehen".--ichgab ihr die Hand darauf, und wir machten aus, daß ihr Tänzerinzwischen meine Tänzerin unterhalten sollte.

Nun ging's an, und wir ergetzten uns eine Weile an manigfaltigenSchlingungen der Arme. Mit welchem Reize, mit welcher Flüchtigkeitbewegte sie sich! Und da wir nun gar ans Walzen kamen und wie dieSphären um einander herumrollten, ging's freilich anfangs, weil's diewenigsten können, ein bißchen bunt durcheinander. Wir waren klug undließen sie austoben, und als die Ungeschicktesten den Plan geräumthatten, fielen wir ein und hielten mit noch einem Paare, mit Audranund seiner Tänzerin, wacker aus. Nie ist mir's so leicht vom Fleckegegangen. Ich war kein Mensch mehr. Das liebenswürdigste Geschöpf inden Armen zu haben und mit ihr herumzufliegen wie Wetter, daß allesrings umher verging, und--Wilhelm, um ehrlich zu sein, tat ich aberdoch den Schwur, daß ein Mädchen, das ich liebte, auf das ichAnsprüche hätte, mir nie mit einem andern walzen sollte als mit mir,und wenn ich drüber zugrunde gehen müßte. Du verstehst mich!

Wir machten einige Touren gehend im Saale, um zu verschnaufen. Dannsetzte sie sich, und die Orangen, die ich beiseite gebracht hatte, dienun die einzigen noch übrigen waren, taten vortreffliche Wirkung, nurdaß mir mit jedem Schnittchen, das sie einer unbescheidenen Nachbarinehrenhalben zuteilte, ein Stich durchs Herz ging.

Beim dritten englischen Tanz waren wir das zweite Paar. Wie wir dieReihe durchtanzten und ich, weiß Gott mit wieviel Wonne, an ihrem Armund Auge hing, das voll vom wahrsten Ausdruck des offensten, reinstenVergnügens war, kommen wir an eine Frau, die mit wegen ihrerliebenswürdigen Miene auf einem nicht mehr ganz jungen Gesichtemerkwürdig gewesen war. Sie sieht Lotten lächelnd an, hebt einendrohenden Finger auf und nennt den Namen Albert zweimal imVorbeifliegen mit viel Bedeutung.

"Wer ist Albert?" sagte ich zu Lotten, "wenn's nicht Vermessenheitist zu fragen".--Sie war im Begriff zu antworten, als wir uns scheidenmußten, um die große Achte zu machen, und mich dünkte einigesNachdenken auf ihrer Stirn zu sehen, als wir so vor einandervorbeikreuzten.--"Was soll ich's Ihnen leugnen," sagte sie, indem siemir die Hand zur Promenade bot. "Albert ist ein braver Mensch, demich so gut als verlobt bin".--nun war mir das nichts Neues (denn dieMädchen hatten mir's auf dem Wege gesagt) und war mir doch so ganz neu,weil ich es noch nicht im Verhältnis auf sie, die mir in so wenigAugenblicken so wert geworden war, gedacht hatte. Genug, ichverwirrte mich, vergaß mich und kam zwischen das unrechte Paar hinein,daß alles drunter und drüber ging und Lottens ganze Gegenwart undZerren und Ziehen nötig war, um es schnell wieder in Ordnung zubringen.

Der Tanz war noch nicht zu Ende, als die Blitze, die wir schon langeam Horizonte leuchten gesehn und die ich immer für Wetterkühlenausgegeben hatte, viel stärker zu werden anfingen und der Donner dieMusik überstimmte. Drei Frauenzimmer liefen aus der Reihe, denen ihreHerren folgten; die Unordnung wurde allgemein, und die Musik hörte auf.Es ist natürlich, wenn uns ein Unglück oder etwas Schreckliches imVergnügen überrascht, daß es stärkere Eindrücke auf uns macht alssonst, teils wegen des Gegensatzes, der sich so lebhaft empfinden läßt,teils und noch mehr, weil unsere Sinne einmal der Fühlbarkeitgeöffnet sind und also desto schneller einen Eindruck annehmen.Diesen Ursachen muß ich die wunderbaren Grimassen zuschreiben, in dieich mehrere Frauenzimmer ausbrechen sah. Die klügste setzte sich ineine Ecke, mit dem Rücken gegen vor ihr nieder und verbarg den Kopf inder erster Schoß. Eine dritte schob sich zwischen beide hinein undumfaßte ihre Schwesterchen mit tausend Tränen. Einige wollten nachHause; andere, die noch weniger wußten, was sie taten, hatten nicht soviel Besinnungskraft, den Keckheiten unserer jungen Schlucker zusteuern, die sehr beschäftigt zu sein schienen, alle die ängstlichenGebete, die dem Himmel bestimmt waren, von den Lippen der schönenBedrängten wegzufangen. Einige unserer Herren hatten sichhinabbegeben, um ein Pfeifchen in Ruhe zu rauchen; und die übrigeGesellschaft schlug es nicht aus, als die Wirtin auf den klugenEinfall kam, uns ein Zimmer anzuweisen, das Läden und Vorhänge hätte.Kaum waren wir da angelangt, als Lotte beschäftigt war, einen Kreisvon Stühlen zu stellen und, als sich die Gesellschaft auf ihre Bittegesetzt hatte, den Vortrag zu einem Spiele zu tun.

Ich sah manchen, der in Hoffnung auf ein saftiges Pfand sein Mäulchenspitzte und seine Glieder reckte.--"Wir spielen Zählens!" sagte sie."Nun gebt acht! Ich geh' im Kreise herum von der Rechten zur Linken,und so zählt ihr auch rings herum, jeder die Zahl, die an ihn kommt,und das muß gehen wie ein Lauffeuer, und wer stockt oder sich irrt,kriegt eine Ohrfeige, und so bis tausend".--nun war das lustiganzusehen: sie ging mit ausgestrecktem Arm im Kreise herum. "Eins",fing der erste an, der Nachbar "zwei", "drei" der folgende, und sofort. Dann fing sie an, geschwinder zu gehen, immer geschwinder; daversah's einer: Patsch! Eine Ohrfeige, und über das Gelächter derfolgende auch: Patsch! Und immer geschwinder. Ich selbst kriegtezwei Maulschellen und glaubte mit innigem Vergnügen zu bemerken, daßsie stärker seien, als sie den übrigen zuzumessen pflegte. Einallgemeines Gelächter und Geschwärm endigte das Spiel, ehe noch dasTausend ausgezählt war. Die Vertrautesten zogen einander beiseite,das Gewitter war vorüber, und ich folgte Lotten in den Saal.Unterwegs sagte sie:"über die Ohrfeigen haben sie Wetter und allesvergessen!"--ich konnte ihr nichts antworten.--"ich war", fuhr siefort, "eine der Furchtsamsten, und indem ich mich herzhaft stellte, umden andern Mut zu geben, bin ich mutig geworden".--Wir traten ansFenster. Es donnerte abseitwärts, und der herrliche Regen säuselteauf das Land, und der erquickendste Wohlgeruch stieg in aller Fülleeiner warmen Luft zu uns auf. Sie stand auf ihren Ellenbogen gestützt,ihr Blick durchdrang die Gegend; sie sah gen Himmel und auf mich, ichsah ihr Auge tränenvoll, sie legte ihre Hand auf die meinige und sagte:"Klopstock!"--Ich erinnerte mich sogleich der herrlichen Ode, die ihrin Gedanken lag, und versank in dem Strome von Empfindungen, den siein dieser Losung über mich ausgoß. Ich ertrug's nicht, neigte michauf ihre Hand und küßte sie unter den wonnevollsten Tränen. Und sahnach ihrem Auge wieder--Edler! Hättest du deine Vergötterung indiesem Blicke gesehen, und möcht' ich nun deinen so oft entweihtenNamen nie wieder nennen hören!

 

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