威尼斯之死 德文版 Der Tod in Venedig
托马斯.曼 Thomas Mann
Fünftes Kapitel Page 3

 

Wie irgend ein Liebender wünschte er, zu gefallen und empfand bittereAngst, daß es nicht möglich sein möchte. Er fügte seinem Anzügejugendlich aufheiternde Einzelheiten hinzu, er legte Edelsteine an undbenutzte Parfüms, er brauchte mehrmals am Tage viel Zeit für seineToilette und kam geschmückt, erregt und gespannt zu Tische. Angesichtsder süßen Jugend, die es ihm angetan, ekelte ihn sein alternder Leib,der Anblick seines grauen Haares, seiner scharfen Gesichtszüge stürzteihn in Scham und Hoffnungslosigkeit. Es trieb ihn, sich körperlich zuerquicken und wiederherzustellen; er besuchte häufig den Coiffeur desHauses.

Im Frisiermantel, unter den pflegenden Händen des Schwätzers im Stuhlezurückgelehnt, betrachtete er gequälten Blickes sein Spiegelbild.

»Grau«, sagte er mit verzerrtem Munde.

»Ein wenig«, antwortete der Mensch. »Nämlich durch Schuld einerkleinen Vernachlässigung, einer Indifferenz in äußerlichen Dingen,die bei bedeutenden Personen begreiflich ist, die man aber dochnicht unbedingt loben kann und zwar umso weniger, als gerade solchenPersonen Vorurteile in Sachen des Natürlichen oder Künstlichen wenigangemessen sind. Würde sich die Sittenstrenge gewisser Leute gegenüberder kosmetischen Kunst logischerweise auch auf ihre Zähne erstrecken,so würden sie nicht wenig Anstoß erregen. Schließlich sind wir so alt,wie unser Geist, unser Herz sich fühlen, und graues Haar bedeutetunter Umständen eine wirklichere Unwahrheit, als die verschmähteKorrektur bedeuten würde. In Ihrem Falle, mein Herr, hat man ein Rechtauf seine natürliche Haarfarbe. Sie erlauben mir, Ihnen die Ihrigeeinfach zurückzugeben?«

sein möchte. Er fügte seinem Anzügejugendlich aufheiternde Einzelheiten hinzu, er legte Edelsteine an undbenutzte Parfüms, er brauchte mehrmals am Tage viel Zeit für seineToilette und kam geschmückt.

»Wie das?« fragte Aschenbach.

Da wusch der Beredte das Haar des Gastes mit zweierlei Wasser, einemklaren und einem dunklen, und es war schwarz wie in jungen Jahren. Erbog es hierauf mit der Brennscheere in weiche Lagen, trat rückwärtsund musterte das behandelte Haupt.

Grau«, sagte er mit verzerrtem Munde.aus von dem, was seinhalb schlummerndes Hirn an seltsamer Traumlogik hervorbrachte. * * *stand er einen Augenblick, das Gesicht der Weitezugekehrt, und begann.

»Es wäre nun nur noch«, sagte er, »die Gesichtshaut ein wenigaufzufrischen.«

Und wie jemand, der nicht enden, sich nicht genug tun kann, ging ermit immer neu belebter Geschäftigkeit von einer Hantierung zur anderenüber. Aschenbach, bequem ruhend, der Abwehr nicht fähig, hoffnungsvollerregt vielmehr von dem, was geschah, sah im Glase seine Brauen sichentschiedener und ebenmäßiger wölben, den Schnitt seiner Augen sichverlängern, ihren Glanz durch eine leichte Untermalung des Lides sichheben, sah weiter unten, wo die Haut bräunlich-ledern gewesen, weichaufgetragen, ein zartes Karmin erwachen, seine Lippen, blutarm soebennoch, himbeerfarben schwellen, die Furchen der Wangen, des Mundes, dieRunzeln der Augen unter Crème und Jugendhauch verschwinden,--erblicktemit Herzklopfen einen blühenden Jüngling. Der Kosmetiker gab sichendlich zufrieden, indem er nach Art solcher Leute dem, den er bedienthatte, mit kriechender Höflichkeit dankte. »Eine unbedeutendeNachhilfe«, sagte er, indem er eine letzte Hand an Aschenbachs Äußereslegte. »Nun kann der Herr sich unbedenklich verlieben.« Der Berückteging, traumglücklich, verwirrt und furchtsam. Seine Krawatte war rot,sein breitschattender Strohhut mit einem mehrfarbigen Bande umwunden.

Lauwarmer Sturmwind war aufgekommen; es regnete selten und spärlich,aber die Luft war feucht, dick und von Fäulnisdünsten erfüllt.Flattern, Klatschen und Sausen umgab das Gehör, und dem unter derSchminke Fiebernden schienen Windgeister üblen Geschlechts im Raumeihr Wesen zu treiben, unholdes Gevögel des Meeres, das desVerurteilten Mahl zerwühlt, zernagt und mit Unrat schändet. Denn dieSchwüle wehrte der Eßlust, und die Vorstellung drängte sich auf, daßdie Speisen mit Ansteckungsstoffen vergiftet seien.

Auf den Spuren des Schönen hatte Aschenbach sich eines Nachmittags indas innere Gewirr der kranken Stadt vertieft. Mit versagendemOrtssinn, da die Gäßchen, Gewässer, Brücken und Plätzchen desLabyrinthes zu sehr einander gleichen, auch der Himmelsgegenden nichtmehr sicher, war er durchaus darauf bedacht, das sehnlich verfolgteBild nicht aus den Augen zu verlieren, und zu schmählicherBehutsamkeit genötigt, an Mauern gedrückt, hinter dem RückenVorangehender Schutz suchend, ward er sich lange nicht der Müdigkeit,der Erschöpfung bewußt, welche Gefühl und immerwährende Spannungseinem Körper, seinem Geiste zugefügt hatten. Tadzio ging hinter denSeinen, er ließ der Pflegerin und den nonnenähnlichen Schwestern inder Enge gewöhnlich den Vortritt, und einzeln schlendernd wandte erzuweilen das Haupt, um sich über die Schulter hinweg der Gefolgschaftseines Liebhabers mit einem Blick seiner eigentümlich dämmergrauenAugen zu versichern. Er sah ihn, und er verriet ihn nicht. Berauschtvon dieser Erkenntnis, von diesen Augen vorwärts gelockt, amNarrenseile geleitet von der Passion, stahl der Verliebte sich seinerunziemlichen Hoffnung nach--und sah sich schließlich dennoch um ihrenAnblick betrogen. Die Polen hatten eine kurz gewölbte Brückeüberschritten, die Höhe des Bogens verbarg sie dem Nachfolgenden, undseinerseits hinaufgelangt, entdeckte er sie nicht mehr. Er forschtenach ihnen in drei Richtungen, geradeaus und nach beiden Seiten denschmalen und schmutzigen Quai entlang, vergebens. Entnervung,Hinfälligkeit nötigten ihn endlich, vom Suchen abzulassen.

Sein Kopf brannte, sein Körper war mit klebrigem Schweiß bedeckt, seinGenick zitterte, ein nicht mehr erträglicher Durst peinigte ihn, ersah sich nach irgendwelcher, nach augenblicklicher Labung um. Voreinem kleinen Gemüseladen kaufte er einige Früchte, Erdbeeren,überreife und weiche Ware und aß im Gehen davon. Ein kleiner Platz,verlassen, verwunschen anmutend, öffnete sich vor ihm, er erkannteihn, es war hier gewesen, wo er vor Wochen den vereitelten Fluchtplangefaßt hatte. Auf den Stufen der Zisterne, inmitten des Ortes, ließ ersich niedersinken und lehnte den Kopf an das steinerne Rund. Es warstill, Gras wuchs zwischen dem Pflaster. Abfälle lagen umher. Unterden verwitterten, unregelmäßig hohen Häusern in der Runde erschieneines palastartig, mit Spitzbogenfenstern, hinter denen die Leerewohnte, und kleinen Löwenbalkonen. Im Erdgeschoß eines anderen befandsich eine Apotheke. Warme Windstöße brachten zuweilen Karbolgeruch.

Er saß dort, der Meister, der würdig gewordene Künstler, der Autor des»Elenden«, der in so vorbildlich reiner Form dem Zigeunertum und dertrüben Tiefe abgesagt, dem Abgrunde die Sympathie gekündigt und dasVerworfene verworfen hatte, der Hochgestiegene, der, Überwinder seinesWissens und aller Ironie entwachsen, in die Verbindlichkeiten desMassenzutrauens sich gewöhnt hatte, er, dessen Ruhm amtlich, dessenName geadelt war und an dessen Styl die Knaben sich zu bildenangehalten wurden,--er saß dort, seine Lider waren geschlossen, nurzuweilen glitt, rasch sich wieder verbergend, ein spöttischer undbetretener Blick seitlich darunter hervor, und seine schlaffen Lippen,kosmetisch aufgehöht, bildeten einzelne Worte aus von dem, was seinhalb schlummerndes Hirn an seltsamer Traumlogik hervorbrachte.

»Denn die Schönheit, Phaidros, merke das wohl! nur die Schönheit istgöttlich und sichtbar zugleich, und so ist sie denn also desSinnlichen Weg, ist, kleiner Phaidros, der Weg des Künstlers zumGeiste. Glaubst du nun aber, mein Lieber, daß derjenige jemalsWeisheit und wahre Manneswürde gewinnen könne, für den der Weg zumGeistigen durch die Sinne führt? Oder glaubst du vielmehr (ich stelledir die Entscheidung frei), daß dies ein gefährlich-lieblicher Wegsei, wahrhaft ein Irr-und Sündenweg, der mit Notwendigkeit in die Irreleitet? Denn du mußt wissen, daß wir Dichter den Weg der Schönheitnicht gehen können, ohne daß Eros sich zugesellt und sich zum Führeraufwirft; ja, mögen wir auch Helden auf unsere Art und züchtigeKriegsleute sein, so sind wir wie Weiber, denn Leidenschaft ist unsereErhebung, und unsere Sehnsucht muß Liebe bleiben,--das ist unsere Lustund unsere Schande. Siehst du nun wohl, daß wir Dichter nicht weisenoch würdig sein können? Daß wir notwendig in die Irre gehen,notwendig liederlich und Abenteurer des Gefühles bleiben? DieMeisterhaltung unseres Styls ist Lüge und Narrentum, unser Ruhm undEhrenstand eine Posse, das Vertrauen der Menge zu uns höchstlächerlich, Volks-und Jugenderziehung durch die Kunst ein gewagtes, zuverbietendes Unternehmen. Denn wie sollte wohl der zum Erziehertaugen, dem eine unverbesserliche und natürliche Richtung zum Abgrundeeingeboren ist? Wir möchten ihn wohl verleugnen und Würde gewinnen,aber wie wir uns auch wenden mögen, er zieht uns an. So sagen wir etwader auflösenden Erkenntnis ab, denn die Erkenntnis, Phaidros, hatkeine Würde und Strenge: sie ist wissend, verstehend, verzeihend, ohneHaltung und Form; sie hat Sympathie mit dem Abgrund, sie ist derAbgrund. Diese also verwerfen wir mit Entschlossenheit, und fortangilt unser Trachten einzig der Schönheit, das will sagen derEinfachheit, Größe und neuen Strenge, der zweiten Unbefangenheit undder Form. Aber Form und Unbefangenheit, Phaidros, führen zum Rauschund zur Begierde, führen den Edlen vielleicht zu grauenhaftemGefühlsfrevel, den seine eigene schöne Strenge als infam verwirft,führen zum Abgrund, zum Abgrund auch sie. Uns Dichter, sage ich,führen sie dahin, denn wir vermögen nicht, uns aufzuschwingen, wirvermögen nur auszuschweifen. Und nun gehe ich, Phaidros, bleibe duhier; und erst wenn du mich nicht mehr siehst, so gehe auch du.«

* * * * *

Einige Tage später verließ Gustav von Aschenbach, da er sich leidendfühlte, das Bäder-Hotel zu späterer Morgenstunde als gewöhnlich. Erhatte mit gewissen, nur halb körperlichen Schwindelanfällen zukämpfen, die von einer heftig aufsteigenden Angst und Ratlosigkeitbegleitet waren, einem Gefühl der Ausweg-und Aussichtslosigkeit, vondem nicht klar wurde, ob es sich auf die äußere Welt oder auf seineeigene Existenz bezog. In der Halle bemerkte er eine große Menge zumTransport bereitliegenden Gepäcks, fragte einen Türhüter, wer es sei,der reise, und erhielt zur Antwort den polnischen Adelsnamen, dessener insgeheim gewärtig gewesen war. Er empfing ihn, ohne daß seineverfallenen Gesichtszüge sich verändert hätten, mit jener kurzenHebung des Kopfes, mit der man etwas, was man nicht zu wissenbrauchte, beiläufig zur Kenntnis nimmt, und fragte noch: »Wann?« Manantwortete ihm: »Nach dem Lunch.« Er nickte und ging zum Meere.

Es war unwirtlich dort. Über das weite, flache Gewässer, das denStrand von der ersten gestreckten Sandbank trennte, liefen kräuselndeSchauer von vorn nach hinten. Herbstlichkeit, Überlebtheit schien überdem einst so farbig belebten, nun fast verlassenen Lustorte zu liegen,dessen Sand nicht mehr reinlich gehalten wurde. Ein photographischerApparat, scheinbar herrenlos, stand auf seinem dreibeinigen Stativ amRande der See, und ein schwarzes Tuch, darüber gebreitet, flatterteklatschend im kälteren Winde.

Tadzio, mit drei oder vier Gespielen, die ihm geblieben waren, bewegtesich zur Rechten vor der Hütte der Seinen, und, eine Decke über denKnieen, etwa in der Mitte zwischen dem Meer und der Reihe derStrandhütten in seinem Liegestuhl ruhend, sah Aschenbach ihm nocheinmal zu. Das Spiel, das unbeaufsichtigt war, denn die Frauen mochtenmit Reisevorbereitungen beschäftigt sein, schien regellos und arteteaus. Jener Stämmige, im Gürtelanzug und mit schwarzem, pomadisiertemHaar, der »Jaschu« gerufen wurde, durch einen Sandwurf ins Gesichtgereizt und geblendet, zwang Tadzio zum Ringkampf, der rasch mit demFall des schwächeren Schönen endete. Aber als ob in derAbschiedsstunde das dienende Gefühl des Geringeren sich in grausameRoheit verkehre und für eine lange Sklaverei Rache zu nehmen trachte,ließ der Sieger auch dann noch nicht von dem Unterlegenen ab, sonderndrückte, auf seinem Rücken knieend, dessen Gesicht so anhaltend in denSand, daß Tadzio, ohnedies vom Kampf außer Atem, zu ersticken drohte.Seine Versuche, den Lastenden abzuschütteln, waren krampfhaft, sieunterblieben auf Augenblicke ganz und wiederholten sich nur noch alsein Zucken. Entsetzt wollte Aschenbach zur Rettung aufspringen, alsder Gewalttätige endlich sein Opfer freigab. Tadzio, sehr bleich,richtete sich zur Hälfte auf und saß, auf einen Arm gestützt, mehrereMinuten lang unbeweglich, mit verwirrtem Haar und dunkelnden Augen.Dann stand er vollends auf und entfernte sich langsam. Man rief ihn,anfänglich munter, dann bänglich und bittend; er hörte nicht. DerSchwarze, den Reue über seine Ausschreitung sogleich erfaßt habenmochte, holte ihn ein und suchte ihn zu versöhnen. EineSchulterbewegung wies ihn zurück. Tadzio ging schräg hinunter zumWasser. Er war barfuß und trug seinen gestreiften Leinenanzug mitroter Schleife.

Am Rande der Flut verweilte er sich, gesenkten Hauptes mit einerFußspitze Figuren im feuchten Sande zeichnend, und ging dann in dieseichte Vorsee, die an ihrer tiefsten Stelle noch nicht seine Kniebenetzte, durchschritt sie, lässig vordringend, und gelangte zurSandbank. Dort stand er einen Augenblick, das Gesicht der Weitezugekehrt, und begann hierauf, die lange und schmale Streckeentblößten Grundes nach links hin langsam abzuschreiten. VomFestlande geschieden durch breite Wasser, geschieden von denGenossen durch stolze Laune, wandelte er, eine höchst abgesonderteund verbindungslose Erscheinung, mit flatterndem Haar dort draußenim Meere, im Winde, vorm Nebelhaft-Grenzenlosen. Abermals blieb erzur Ausschau stehen. Und plötzlich, wie unter einer Erinnerung, einemImpuls, wandte er den Oberkörper, eine Hand in der Hüfte, in schönerDrehung aus seiner Grundpositur und blickte über die Schulter zumUfer. Der Schauende dort saß wie er einst gesessen, als zuerst, vonjener Schwelle zurückgesandt, dieser dämmergraue Blick dem seinenbegegnet war. Sein Haupt war an der Lehne des Stuhles langsam derBewegung des draußen Schreitenden gefolgt; nun hob es sich, gleichsamdem Blicke entgegen, und sank auf die Brust, so daß seine Augen vonunten sahen, indes sein Antlitz den schlaffen, innig versunkenenAusdruck tiefen Schlummers zeigte. Ihm war aber, als ob der bleicheund liebliche Psychagog dort draußen ihm lächle, ihm winke; als ob er,die Hand aus der Hüfte lösend, hinausdeute, voranschwebe insVerheißungsvoll-Ungeheure. Und wie so oft machte er sich auf, ihm zufolgen.

Minuten vergingen, bis man dem seitlich im Stuhle Hinabgesunkenen zurHilfe eilte. Man brachte ihn auf sein Zimmer. Und noch desselben Tagesempfing eine respektvoll erschütterte Welt die Nachricht von seinemTode.

 

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