威尼斯之死 德文版 Der Tod in Venedig
托马斯.曼 Thomas Mann
Fünftes Kapitel Page 2

 

Nach geendigtem Couplet begann er, Geld einzuziehen. Er fing bei denRussen an, die man bereitwillig spenden sah, und kam dann die Stufenherauf. So frech er sich bei der Produktion benommen, so demütigzeigte er sich hier oben. Katzbuckelnd, unter Kratzfüßen schlich erzwischen den Tischen umher, und ein Lächeln tückischer Unterwürfigkeitentblößte seine starken Zähne, während doch immer noch die beidenFurchen drohend zwischen seinen roten Brauen standen. Man musterte dasfremdartige, seinen Unterhalt einsammelnde Wesen mit Neugier undeinigem Abscheu, man warf mit spitzen Fingern Münzen in seinen Filzund hütete sich, ihn zu berühren. Die Aufhebung der physischen Distanzzwischen dem Komödianten und den Anständigen erzeugt, und war dasVergnügen noch so groß, stets eine gewisse Verlegenheit. Er fühlte sieund suchte, sich durch Kriecherei zu entschuldigen. Er kam zuAschenbach und mit ihm der Geruch, über den niemand ringsum sichGedanken zu machen schien.

»Höre!« sagte der Einsame gedämpft und fast mechanisch. »Mandesinfiziert Venedig. Warum?«--Der Spaßmacher antwortete heiser: »Vonwegen der Polizei! Das ist Vorschrift, mein Herr, bei solcher Hitzeund bei Scirocco. Der Scirocco drückt. Er ist der Gesundheit nichtzuträglich...« Er sprach wie verwundert darüber, daß man dergleichenfragen könne und demonstrierte mit der flachen Hand, wie sehr derScirocco drücke.--»Es ist also kein Übel in Venedig?« fragteAschenbach sehr leise und zwischen den Zähnen.--Die muskulösen Zügedes Possenreißers fielen in eine Grimasse komischer Ratlosigkeit. »EinÜbel? Aber was für ein Übel? Ist der Scirocco ein Übel? Istvielleicht unsere Polizei ein Übel? Sie belieben zu scherzen! EinÜbel! Warum nicht gar! Eine vorbeugende Maßregel, verstehen Sie doch!Eine polizeiliche Anordnung gegen die Wirkungen der drückendenWitterung...« Er gestikulierte.--»Es ist gut«, sagte Aschenbachwiederum kurz und leise und ließ rasch ein ungebührlich bedeutendesGeldstück in den Hut fallen. Dann winkte er dem Menschen mit denAugen, zu gehen. Er gehorchte grinsend, unter Bücklingen; aber erhatte noch nicht die Treppe erreicht, als zwei Hotelangestellte sichauf ihn warfen und ihn, ihre Gesichter dicht an dem seinen, in eingeflüstertes Kreuzverhör nahmen. Er zuckte die Achseln, er gabBeteuerungen, er schwor, verschwiegen gewesen zu sein; man sah es.Entlassen, kehrte er in den Garten zurück, und, nach einer kurzenVerabredung mit den Seinen unter der Bogenlampe, trat er zu einemDank-und Abschiedsliede noch einmal vor.

Es war ein Lied, das jemals gehört zu haben der Einsame sich nichterinnerte; ein dreister Schlager in unverständlichem Dialekt undausgestattet mit einem Lach-Refrain, in den die Bande regelmäßig ausvollem Halse einfiel. Es hörten hierbei sowohl die Worte wie auch dieBegleitung der Instrumente auf, und nichts blieb übrig als einrhythmisch irgendwie geordnetes, aber sehr natürlich behandeltesLachen, das namentlich der Solist mit großem Talent zu täuschendsterLebendigkeit zu gestalten wußte. Er hatte bei wiederhergestelltemkünstlerischen Abstand zwischen ihm und den Herrschaften seine ganzeFrechheit wiedergefunden, und sein Kunstlachen, unverschämt zurTerrasse emporgesandt, war Hohngelächter. Schon gegen das Ende desartikulierten Teiles der Strophe schien er mit einem unwiderstehlichenKitzel zu kämpfen. Er schluchzte, seine Stimme schwankte, er preßtedie Hand gegen den Mund, er verzog die Schultern, und im gegebenenAugenblick brach, heulte und platzte das unbändige Lachen aus ihmhervor, mit solcher Wahrheit, daß es ansteckend wirkte und sich denZuhörern mitteilte, daß auch auf der Terrasse eine gegenstandslose undnur von sich selbst lebende Heiterkeit um sich griff. Dies aber ebenschien des Sängers Ausgelassenheit zu verdoppeln. Er beugte die Knie,er schlug die Schenkel, er hielt sich die Seiten, er wollte sichausschütten, er lachte nicht mehr, er schrie; er wies mit dem Fingerhinauf, als gäbe es nichts Komischeres, als die lachende Gesellschaftdort oben, und endlich lachte dann alles im Garten und auf derVeranda, bis zu den Kellnern, Liftboys und Hausdienern in den Türen.

Aschenbach ruhte nicht mehr im Stuhl, er saß aufgerichtet wie zumVersuche der Abwehr oder der Flucht. Aber das Gelächter, derheraufwehende Hospitalgeruch und die Nähe des Schönen verwoben sichihm zu einem Traumbann, der unzerreißbar und unentrinnbar sein Haupt,seinen Sinn umfangen hielt. In der allgemeinen Bewegung undZerstreuung wagte er es, zu Tadzio hinüberzublicken, und indem er estat, durfte er bemerken, daß der Schöne, in Erwiderung seines Blickesebenfalls ernst blieb, ganz so, als richte er Verhalten und Miene nachder des Anderen und als vermöge die allgemeine Stimmung nichts überihn, da jener sich ihr entzog. Diese kindliche und beziehungsvolleFolgsamkeit hatte etwas so Entwaffnendes, Überwältigendes, daß derGrauhaarige sich mit Mühe enthielt, sein Gesicht in den Händen zuverbergen. Auch hatte es ihm geschienen, als bedeute Tadziosgelegentliches Sichaufrichten und Aufatmen ein Seufzen, eineBeklemmung der Brust. »Er ist kränklich, er wird wahrscheinlich nichtalt werden«, dachte er wiederum mit jener Sachlichkeit, zu welcherRausch und Sehnsucht bisweilen sich sonderbar emanzipieren, und reineFürsorge zugleich mit einer ausschweifenden Genugtuung erfüllte seinHerz.

Die Venezianer unterdessen hatten geendigt und zogen ab. Beifallbegleitete sie, und ihr Anführer versäumte nicht, noch seinen Abgangmit Spaßen auszuschmücken. Seine Kratzfüße, seine Kußhände wurdenbelacht, und er verdoppelte sie daher. Als die Seinen schon draußenwaren, tat er noch, als renne er rückwärts empfindlich gegen einenLampenmast und schlich scheinbar krumm vor Schmerzen zur Pforte. Dortendlich warf er auf einmal die Maske des komischen Pechvogels ab,richtete sich, ja schnellte elastisch auf, bleckte den Gästen auf derTerrasse frech die Zunge heraus und schlüpfte ins Dunkel. DieBadegesellschaft verlor sich; Tadzio stand längst nicht mehr an derBalustrade. Aber der Einsame saß noch lange, zum Befremden derKellner, bei dem Rest seines Granatapfelgetränkes an seinem Tischchen.Die Nacht schritt vor, die Zeit zerfiel. Im Hause seiner Eltern, vorvielen Jahren, hatte es eine Sanduhr gegeben,--er sah das gebrechlicheund bedeutende Gerätchen auf einmal wieder, als stünde es vor ihm.Lautlos und fein rann der rostrot gefärbte Sand durch die gläserneEnge, und da er in der oberen Höhlung zur Neige ging, hatte sich dortein kleiner, reißender Strudel gebildet.

Schon am folgenden Tage, nachmittags, tat der Starrsinnige einen neuenSchritt zur Versuchung der Außenwelt und diesmal mit allem möglichenErfolge. Er trat nämlich vom Markusplatz in das dort gelegeneenglische Reisebureau, und nachdem er an der Kasse einiges Geldgewechselt, richtete er mit der Miene des mißtrauischen Fremden an denihn bedienenden Clerk seine fatale Frage. Es war ein wolliggekleideter Brite, noch jung, mit in der Mitte geteiltem Haar, nahebei einander liegenden Augen und von jener gesetzten Loyalität desWesens, die im spitzbübisch behenden Süden so fremd, so merkwürdiganmutet. Er fing an: »Kein Grund zur Besorgnis, Sir. Eine Maßregelohne ernste Bedeutung. Solche Anordnungen werden häufig getroffen,um gesundheitsschädlichen Wirkungen der Hitze und des Sciroccovorzubeugen...« Aber seine blauen Augen aufschlagend, begegnete er demBlicke des Fremden, einem müden und etwas traurigen Blick, der mitleichter Verachtung auf seine Lippen gerichtet war. Da errötete derEngländer. »Dies ist«, fuhr er halblaut und in einiger Bewegung fort,»die amtliche Erklärung, auf der zu bestehen man hier für gutbefindet. Ich werde Ihnen sagen, daß noch etwas anderes dahintersteckt.« Und dann sagte er in seiner redlichen und bequemen Sprachedie Wahrheit.

sogleich, mit Tadzio undIhren Töchtern! Venedig ist verseucht.« Er konnte dann dem Werkzeugeiner höhnischen Gottheit zum Abschied die Hand aufs Haupt legen, sichwegwenden und diesem Sumpfe entfliehen.

Seit mehreren Jahren schon hatte die indische Cholera eine verstärkteNeigung zur Ausbreitung und Wanderung an den Tag gelegt. Erzeugt ausden warmen Morästen des Ganges-Deltas, aufgestiegen mit demmephitischen Odem jener üppig-untauglichen, von Menschen gemiedenenUrwelt-und Inselwildnis, in deren Bambusdickichten der Tiger kauert,hatte die Seuche in ganz Hindustan andauernd und ungewöhnlich heftiggewütet, hatte östlich nach China, westlich nach Afghanistan undPersien übergegriffen und, den Hauptstraßen des Karawanenverkehrsfolgend, ihre Schrecken bis Astrachan, ja selbst bis Moskau getragen.Aber während Europa zitterte, das Gespenst möchte von dort aus und zuLande seinen Einzug halten, war es, von syrischen Kauffahrern übersMeer verschleppt, fast gleichzeitig in mehreren Mittelmeerhäfenaufgetaucht, hatte in Toulon und Malaga sein Haupt erhoben, in Palermound Neapel mehrfach seine Maske gezeigt und schien aus ganz Calabrienund Apulien nicht mehr weichen zu wollen. Der Norden der Halbinsel warverschont geblieben. Jedoch Mitte Mai dieses Jahres fand man zuVenedig an ein und demselben Tage die furchtbaren Vibrionen in denausgemergelten, schwärzlichen Leichnamen eines Schifferknechtes undeiner Grünwarenhändlerin. Die Fälle wurden verheimlicht. Aber nacheiner Woche waren es deren zehn, waren es zwanzig, dreißig und zwar inverschiedenen Quartieren. Ein Mann aus der österreichischen Provinz,der sich zu seinem Vergnügen einige Tage in Venedig aufgehalten,starb, in sein Heimatstädtchen zurückgekehrt, unter unzweideutigenAnzeichen, und so kam es, daß die ersten Gerüchte von der Heimsuchungder Lagunenstadt in deutsche Tagesblätter gelangten. VenedigsObrigkeit ließ antworten, daß die Gesundheitsverhältnisse der Stadtnie besser gewesen seien und traf die notwendigsten Maßregeln zurBekämpfung. Aber wahrscheinlich waren Nahrungsmittel infiziert worden.Gemüse, Fleisch oder Milch, denn geleugnet und vertuscht, fraß dasSterben in der Enge der Gäßchen um sich, und die vorzeitigeingefallene Sommerhitze, welche das Wasser der Kanäle laulicherwärmte, war der Verbreitung besonders günstig. Ja, es schien, als obdie Seuche eine Neubelebung ihrer Kräfte erfahren, als ob dieTenazität und Fruchtbarkeit ihrer Erreger sich verdoppelt hätte. Fälleder Genesung waren sehr selten; achtzig vom Hundert der Befallenenstarben und zwar auf entsetzliche Weise, denn das Übel trat mitäußerster Wildheit auf und zeigte häufig jene gefährlichste Form,welche »die trockene« benannt ist. Hierbei vermochte der Körper dasaus den Blutgefäßen massenhaft abgesonderte Wasser nicht einmalauszutreiben. Binnen wenigen Stunden verdorrte der Kranke understickte am pechartig zähe gewordenen Blut unter Krämpfen undheiseren Klagen. Wohl ihm, wenn, was zuweilen geschah, der Ausbruchnach leichtem Übelbefinden in Gestalt einer tiefen Ohnmacht erfolgte,aus der er nicht mehr oder kaum noch erwachte. Anfang Juni fülltensich in der Stille die Isolierbaracken des Ospedale civico, in denbeiden Waisenhäusern begann es an Platz zu mangeln, und einschauerlich reger Verkehr herrschte zwischen dem Kai der neuenFundamente und San Michele, der Friedhofsinsel. Aber die Furcht vorallgemeiner Schädigung, die Rücksicht auf die kürzlich eröffneteGemäldeausstellung in den öffentlichen Gärten, auf die gewaltigenAusfälle, von denen im Falle der Panik und des Verrufes die Hotels,die Geschäfte, das ganze vielfältige Fremdengewerbe bedroht waren,zeigte sich mächtiger in der Stadt als Wahrheitsliebe und Achtung vorinternationalen Abmachungen; sie vermochte die Behörde, ihre Politikdes Verschweigens und des Ableugnens hartnäckig aufrecht zu erhalten.Der oberste Medizinalbeamte Venedigs, ein verdienter Mann, warentrüstet von seinem Posten zurückgetreten und unter der Hand durcheine gefügigere Persönlichkeit ersetzt worden. Das Volk wußte das; unddie Korruption der Oberen zusammen mit der herrschenden Unsicherheit,dem Ausnahmezustand, in welchen der umgehende Tod die Stadt versetzte,brachte eine gewisse Entsittlichung der unteren Schichten hervor, eineErmutigung lichtscheuer und antisozialer Triebe, die sich inUnmäßigkeit, Schamlosigkeit und wachsender Kriminalität bekundete.Gegen die Regel bemerkte man abends viele Betrunkene; bösartigesGesindel machte, so hieß es, nachts die Straßen unsicher; räuberischeAnfälle und selbst Mordtaten wiederholten sich, denn schon zweimalhatte sich erwiesen, daß angeblich der Seuche zum Opfer gefallenePersonen vielmehr von ihren eigenen Anverwandten mit Gift aus demLeben geräumt worden waren; und die gewerbsmäßige Liederlichkeit nahmaufdringliche und ausschweifende Formen an, wie sie sonst hier nichtbekannt und nur im Süden des Landes und im Orient zu Hause gewesenwaren.

Von diesen Dingen sprach der Engländer das Entscheidende aus. »Sietäten gut«, schloß er, »lieber heute als morgen zu reisen. Länger, alsein paar Tage noch, kann die Verhängung der Sperre kaum auf sichwarten lassen.«--»Danke Ihnen«, sagte Aschenbach und verließ das Amt.

Der Platz lag in sonnenloser Schwüle. Unwissende Fremde saßen vor denCafés oder standen, ganz von Tauben bedeckt, vor der Kirche und sahenzu, wie die Tiere, wimmelnd, flügelschlagend, einander verdrängend,nach den in hohlen Händen dargebotenen Maiskörnern pickten. Infiebriger Erregung, triumphierend im Besitze der Wahrheit, einenGeschmack von Ekel dabei auf der Zunge und ein phantastisches Grauenim Herzen, schritt der Einsame die Fliesen des Prachthofes auf undnieder. Er erwog eine reinigende und anständige Handlung. Er konnteheute Abend nach dem Diner der perlengeschmückten Frau sich nähern undzu ihr sprechen, was er wörtlich entwarf: »Gestatten Sie dem Fremden,Madame, Ihnen mit einem Rat, einer Warnung zu dienen, die derEigennutz Ihnen vorenthält. Reisen Sie ab, sogleich, mit Tadzio undIhren Töchtern! Venedig ist verseucht.« Er konnte dann dem Werkzeugeiner höhnischen Gottheit zum Abschied die Hand aufs Haupt legen, sichwegwenden und diesem Sumpfe entfliehen. Aber er fühlte zugleich, daßer unendlich weit entfernt war, einen solchen Schritt im Ernste zuwollen. Er würde ihn zurückführen, würde ihn sich selber wiedergeben;aber wer außer sich ist, verabscheut nichts mehr, als wieder in sichzu gehen. Er erinnerte sich eines weißen Bauwerks, geschmückt mitabendlich gleißenden Inschriften, in deren durchscheinender Mystik dasAuge seines Geistes sich verloren hatte; jener seltsamenWandrergestalt sodann, die dem Alternden schweifendeJünglingssehnsucht ins Weite und Fremde erweckt hatte; und der Gedankean Heimkehr, an Besonnenheit, Nüchternheit, Mühsal und Meisterschaft,widerte ihn in solchem Maße, daß sein Gesicht sich zum Ausdruckphysischer Übelkeit verzerrte. »Man soll schweigen!« flüsterte erheftig. Und: »Ich werde schweigen!« Das Bewußtsein seinerMitwisserschaft, seiner Mitschuld berauschte ihn, wie geringe MengenWeines ein müdes Hirn berauschen. Das Bild der heimgesuchten undverwahrlosten Stadt, wüst seinem Geiste vorschwebend, entzündete inihm Hoffnungen, unsagbar, die Vernunft überschreitend, und vonungeheuerlicher Süßigkeit. Was war ihm das zarte Glück, von dem ervorhin einen Augenblick geträumt, verglichen mit diesen Erwartungen?Was galt ihm noch Kunst und Tugend gegenüber den Vorteilen des Chaos?Er schwieg und blieb.

In dieser Nacht hatte er einen furchtbaren Traum,--wenn man als Traumein körperhaft-geistiges Erlebnis bezeichnen kann, das ihm zwar imtiefsten Schlaf und in völligster Unabhängigkeit und sinnlicherGegenwart widerfuhr, aber ohne daß er sich außer den Geschehnissen imRaume wandelnd und anwesend sah; sondern ihr Schauplatz war vielmehrseine Seele selbst, und sie brachen von außen herein, seinenWiderstand--einen tiefen und geistigen Widerstand--gewalttätigniederwerfend, gingen hindurch und ließen seine Existenz, ließen dieKultur seines Lebens verheert, vernichtet zurück.

Angst war der Anfang, Angst und Lust und eine entsetzte Neugier nachdem, was kommen wollte. Nacht herrschte, und seine Sinne lauschten;denn weither näherte sich Getümmel, Getöse, ein Gemisch von Lärm:Rasseln, Schmettern und dumpfes Donnern, schrilles Jauchzen dazu undein bestimmtes Geheul im gezogenen u-Laut, alles durchsetzt undgrauenhaft süß übertönt von tief girrendem, ruchlos beharrlichenFlötenspiel, welches auf schamlos zudringende Art die Eingeweidebezauberte. Aber er wußte ein Wort, dunkel, doch das benennend waskam: »_Der fremde Gott!_« Qualmige Glut glomm auf: da erkannte erBergland, ähnlich dem um sein Sommerhaus. Und in zerrissenem Licht,von bewaldeter Höhe, zwischen Stämmen und moosigen Felstrümmern wälztees sich und stürzte wirbelnd herab: Menschen, Tiere, ein Schwarm, einetobende Rotte, und überschwemmte die Halde mit Leibern, Flammen,Tumult und taumelndem Rundtanz. Weiber, strauchelnd über zulange Fellgewänder, die ihnen vom Gürtel hingen, schütteltenSchellentrommeln über ihren stöhnend zurückgeworfenen Häuptern,schwangen stiebende Fackelbrände und nackte Dolche, hielten züngelndeSchlangen in der Mitte des Leibes erfaßt oder trugen schreiend ihreBrüste in beiden Händen. Männer, Hörner über den Stirnen, mit Pelzwerkgeschürzt und zottig von Haut, beugten die Nacken und hoben Arme undSchenkel, ließen eherne Becken erdröhnen und schlugen wütend aufPauken, während glatte Knaben mit umlaubten Stäben Böcke stachelten,an deren Hörner sie sich klammerten und von deren Sprüngen sie sichjauchzend schleifen ließen. Und die Begeisterten heulten den Ruf ausweichen Mitlauten und gezogenem u-Ruf am Ende, süß und wild zugleich,wie kein jemals erhörter: hier klang er auf, in die Lüfte geröhrt, wievon Hirschen, und dort gab man ihn wieder, vielstimmig, in wüstemTriumph, hetzte einander damit zum Tanz und Schleudern der Glieder undließ ihn niemals verstummen. Aber alles durchdrang und beherrschte dertiefe, lockende Flötenton. Lockte er nicht auch ihn, den widerstrebendErlebenden, schamlos beharrlich zum Fest und Unmaß des äußerstenOpfers? Groß war sein Abscheu, groß seine Furcht, redlich sein Wille,bis zuletzt das Seine zu schützen gegen den Fremden, den Feind desgefaßten und würdigen Geistes. Aber der Lärm, das Geheul, vervielfachtvon hallender Bergwand, wuchs, nahm Überhand, schwoll zu hinreißendemWahnsinn. Dünste bedrängten den Sinn, der beizende Ruch der Böcke,Witterung keuchender Leiber und ein Hauch wie von faulenden Wassern,dazu ein anderer noch, vertraut: nach Wunden und umlaufenderKrankheit. Mit den Paukenschlägen dröhnte sein Herz, sein Gehirnkreiste, Wut ergriff ihn, Verblendung, betäubende Wollust, und seineSeele begehrte, sich anzuschließen dem Reigen des Gottes. Das obszöneSymbol, riesig, aus Holz, ward enthüllt und erhöht: da heulten siezügelloser die Losung. Schaum vor den Lippen tobten sie, reizteneinander mit geilen Gebärden und buhlenden Händen, lachend undächzend,--stießen die Stachelstäbe einander ins Fleisch und lecktendas Blut von den Gliedern. Aber mit ihnen, in ihnen war der Träumendenun und dem fremden Gotte gehörig. Ja, sie waren er selbst, als siereißend und mordend sich auf die Tiere hinwarfen und dampfende Fetzenverschlangen, als auf zerwühltem Moosgrund grenzenlose Vermischungbegann, dem Gotte zum Opfer. Und seine Seele kostete Unzucht undRaserei des Unterganges.

Aus diesem Traum erwachte der Heimgesuchte entnervt, zerrüttet undkraftlos dem Dämon verfallen. Er scheute nicht mehr die beobachtendenBlicke der Menschen; ob er sich ihrem Verdacht aussetze, kümmerteihn nicht. Auch flohen sie ja, reisten ab; zahlreiche Strandhüttenstanden leer, die Besetzung des Speisesaals wies größere Lücken auf,und in der Stadt sah man selten noch einen Fremden. Die Wahrheitschien durchgesickert, die Panik, trotz zähen Zusammenhaltens derInteressenten, nicht länger hintanzuhalten. Aber die Frau imPerlenschmuck blieb mit den Ihren, sei es, weil die Gerüchte nicht zuihr drangen, oder weil sie zu stolz und furchtlos war, um ihnen zuweichen: Tadzio blieb; und jenem, in seiner Umfangenheit, war eszuweilen, als könne Flucht und Tod alles störende Leben in der Rundeentfernen und er allein mit dem Schönen auf dieser Inselzurückbleiben,--ja, wenn vormittags am Meere sein Blick schwer,unverantwortlich, unverwandt auf dem Begehrten ruhte, wenn er beisinkendem Tage durch Gassen, in denen verheimlichterweise das ekleSterben umging, ihm unwürdig nachfolgte, so schien das Ungeheuerlicheihm aussichtsreich und hinfällig das Sittengesetz.

 

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