威尼斯之死 德文版 Der Tod in Venedig
托马斯.曼 Thomas Mann
Fünftes Kapitel Page 1

 

In der vierten Woche seines Aufenthalts auf dem Lido machte Gustav vonAschenbach einige die Außenwelt betreffende unheimliche Wahrnehmungen.Erstens schien es ihm, als ob bei steigender Jahreszeit die Frequenzseines Gasthofes eher ab-als zunähme, und, insbesondere, als ob diedeutsche Sprache um ihn her versiege und verstumme, so daß bei Tischund am Strand endlich nur noch fremde Laute sein Ohr trafen. EinesTages dann fing er beim Coiffeur, den er jetzt häufig besuchte, imGespräche ein Wort auf, das ihn stutzig machte. Der Mann hatte einerdeutschen Familie erwähnt, die soeben nach kurzem Verweilen abgereistwar und setzte plaudernd und schmeichelnd hinzu: »Sie bleiben, meinHerr; Sie haben keine Furcht vor dem Übel.« Aschenbach sah ihn an.»Dem Übel?« wiederholte er. Der Schwätzer verstummte, tat beschäftigt,überhörte die Frage, und als sie dringlicher gestellt ward, erklärteer, er wisse von nichts und suchte mit verlegener Beredsamkeitabzulenken.

Das war um Mittag. Nachmittags fuhr Aschenbach bei Windstille undschwerem Sonnenbrand nach Venedig; denn ihn trieb die Manie, denpolnischen Geschwistern zu folgen, die er mit ihrer Begleiterin denWeg zur Dampferbrücke hatte einschlagen sehen. Er fand den Abgottnicht bei San Marco. Aber beim Tee, an seinem eisernen Rundtischchenauf der Schattenseite des Platzes sitzend, witterte er plötzlich inder Luft ein eigentümliches Arom, von dem ihm jetzt schien, als habees schon seit Tagen, ohne ihm ins Bewußtsein zu dringen, seinen Sinnberührt,--einen süßlich-offizinellen Geruch, der an Elend und Wundenund verdächtige Reinlichkeit erinnerte. Er prüfte und erkannte ihnnachdenklich, beendete seinen Imbiß und verließ den Platz auf der demTempel gegenüberliegenden Seite. In der Enge verstärkte sich derGeruch. An den Straßenecken hafteten gedruckte Anschläge, durch welchedie Bevölkerung wegen gewisser Erkrankungen des gastrischen Systems,die bei dieser Witterung an der Tagesordnung seien, vor dem Genussevon Austern und Muscheln, auch vor dem Wasser der Kanälestadtväterlich gewarnt wurde. Die beschönigende Natur des Erlasses wardeutlich. Volksgruppen standen schweigsam auf Brücken und Plätzenbeisammen; und der Fremde stand spürend und grübelnd unter ihnen.

Einen Ladeninhaber, der zwischen Korallenschnüren und falschenAmethyst-Geschmeiden in der Türe seines Gewölbes lehnte, bat er umAuskunft über den fatalen Geruch. Der Mann maß ihn mit schweren Augenund ermunterte sich hastig. »Eine vorbeugende Maßregel, mein Herr!«antwortete er mit Gebärdenspiel. »Eine Verfügung der Polizei, die manbilligen muß. Diese Witterung drückt, der Scirocco ist der Gesundheitnicht zuträglich. Kurz, Sie verstehen,--eine vielleicht übertriebeneVorsicht...« Aschenbach dankte ihm und ging weiter. Auch auf demDampfer, der ihn zum Lido zurücktrug, spürte er jetzt den Geruch deskeimbekämpfenden Mittels.

Ins Hotel zurückgekehrt, begab er sich sogleich in die Halle zumZeitungstisch und hielt in den Blättern Umschau. Er fand in denfremdsprachigen nichts. Die heimatlichen verzeichneten Gerüchte,führten schwankende Ziffern an, gaben amtliche Ableugnungen wieder undbezweifelten deren Wahrhaftigkeit. So erklärte sich der Abzug desdeutschen und österreichischen Elementes. Die Angehörigen der übrigenNationen wußten offenbar nichts, ahnten nichts, waren noch nichtbeunruhigt. »Man soll schweigen!« dachte Aschenbach erregt, indem erdie Journale auf den Tisch zurückwarf. »Man soll das verschweigen!«Aber zugleich füllte sein Herz sich mit Genugtuung über das Abenteuer,in welches die Außenwelt geraten wollte. Denn der Leidenschaft ist,wie dem Verbrechen, die gesicherte Ordnung und Wohlfahrt des Alltagsnicht gemäß, und jede Lockerung des bürgerlichen Gefüges, jedeVerwirrung und Heimsuchung der Welt muß ihr willkommen sein, weil sieihren Vorteil dabei zu finden unbestimmt hoffen kann. So empfandAschenbach eine dunkle Zufriedenheit über die obrigkeitlichbemäntelten Vorgänge in den schmutzigen Gäßchen Venedigs,--diesesschlimme Geheimnis der Stadt, das mit seinem eigensten Geheimnisverschmolz, und an dessen Bewahrung auch ihm so sehr gelegen war. Dennder Verliebte besorgte nichts, als daß Tadzio abreisen könnte underkannte nicht ohne Entsetzen, daß er nicht mehr zu leben wissenwerde, wenn das geschähe.

Neuerdings begnügte er sich nicht damit, Nähe und Anblick des Schönender Tagesregel und dem Glücke zu danken; er verfolgte ihn, er stellteihm nach. Sonntags zum Beispiel erschienen die Polen niemals amStrande; er erriet, daß sie die Messe in San Marco besuchten, er eiltedorthin, und aus der Glut des Platzes in die goldene Dämmerung desHeiligtums eintretend, fand er den Entbehrten, über ein Betpultgebeugt beim Gottesdienst. Dann stand er im Hintergrunde, aufzerklüftetem Mosaikboden, inmitten knieenden, murmelnden,kreuzschlagenden Volkes, und die gedrungene Pracht desmorgenländischen Tempels lastete üppig auf seinen Sinnen. Vornwandelte, hantierte und sang der schwergeschmückte Priester, Weihrauchquoll auf, er umnebelte die kraftlosen Flämmchen der Altarkerzen, undin den dumpfsüßen Opferduft schien sich leise ein anderer zu mischen:der Geruch der erkrankten Stadt. Aber durch Dunst und Gefunkel sahAschenbach, wie der Schöne dort vorn den Kopf wandte, ihn suchte undihn erblickte.

Wenn dann die Menge durch die geöffneten Portale hinausströmte auf denleuchtenden, von Tauben wimmelnden Platz, verbarg sich der Betörte inder Vorhalle, er versteckte sich, er legte sich auf die Lauer. Er sahdie Polen die Kirche verlassen, sah, wie die Geschwister sich aufzeremoniöse Art von der Mutter verabschiedeten und wie diese sichheimkehrend zur Piazzetta wandte; er stellte fest, daß der Schöne, dieklösterlichen Schwestern und die Gouvernante den Weg zur Rechten durchdas Tor des Uhrturmes und in die Merceria einschlugen, und nachdem ersie einigen Vorsprung hatte gewinnen lassen, folgte er ihnen, folgteihnen verstohlen auf ihrem Spaziergang durch Venedig.

Er mußte stehen bleiben, wenn sie sich verweilten, mußte in Garküchenund Höfe flüchten, um die Umkehrenden vorüber zu lassen; er verlorsie, suchte erhitzt und erschöpft nach ihnen über Brücken und inschmutzigen Sackgassen und erduldete Minuten tödlicher Pein, wenn ersie plötzlich in enger Passage, wo kein Ausweichen möglich war, sichentgegenkommen sah. Dennoch kann man nicht sagen, daß er litt. Hauptund Herz waren ihm trunken, und seine Schritte folgten den Weisungendes Dämons, dem es Lust ist, des Menschen Vernunft und Würde unterseine Füße zu treten.

Irgendwo nahmen Tadzio und die Seinen dann wohl eine Gondel, undAschenbach, den, während sie einstiegen, ein Vorbau, ein Brunnenverborgen gehalten hatte, tat, kurz nachdem sie vom Ufer abgestoßen,ein Gleiches. Er sprach hastig und gedämpft, wenn er den Ruderer,unter dem Versprechen eines reichlichen Trinkgeldes, anwies, jenerGondel, die eben dort um die Ecke biege, unauffällig in einigemAbstand zu folgen; und es überrieselte ihn, wenn der Mensch, mit derspitzbübischen Erbötigkeit eines Gelegenheitsmachers, ihm in demselbenTone versicherte, daß er bedient, daß er gewissenhaft bedient werdensolle.

So glitt und schwankte er denn, in weiche, schwarze Kissen gelehnt,der anderen schwarzen, geschnabelten Barke nach, an deren Spur diePassion ihn fesselte. Zuweilen entschwand sie ihm: dann fühlte erKummer und Unruhe. Aber sein Führer, als sei er in solchen Aufträgenwohl geübt, wußte ihm stets durch schlaue Manöver, durch rascheQuerfahrten und Abkürzungen das Begehrte wieder vor Augen zu bringen.Die Luft war still und riechend, schwer brannte die Sonne durch denDunst, der den Himmel schieferig färbte. Wasser schlug glucksend gegenHolz und Stein. Der Ruf des Gondoliers, halb Warnung, halb Gruß, wardfernher aus der Stille des Labyrinths nach sonderbarer Übereinkunftbeantwortet. Aus kleinen, hochliegenden Gärten hingen Blütendolden,weiß und purpurn, nach Mandeln duftend, über morsches Gemäuer.Arabische Fensterumrahmungen bildeten sich im Trüben ab. DieMarmorstufen einer Kirche stiegen in die Flut; ein Bettler, daraufkauernd, sein Elend beteuernd, hielt seinen Hut hin und zeigte dasWeiße der Augen, als sei er blind, ein Altertumshändler, vor seinerSpelunke, lud den Vorüberziehenden mit kriecherischen Gebärden zumAufenthalt ein, in der Hoffnung, ihn zu betrügen. Das war Venedig, dieschmeichlerische und verdächtige Schöne,--diese Stadt, halb Märchen,halb Fremdenfalle, in deren fauliger Luft die Kunst einstschwelgerisch aufwucherte und welche den Musikern Klänge eingab, diewiegen und buhlerisch einlullen. Dem Abenteuernden war es, als tränkesein Auge dergleichen Üppigkeit, als würde sein Ohr von solchenMelodien umworben; er erinnerte sich auch, daß die Stadt krank sei undes aus Gewinnsucht verheimliche, und er spähte ungezügelter aus nachder voranschwebenden Gondel.

So wußte und wollte denn der Verwirrte nichts anderes mehr, als denGegenstand, der ihn entzündete, ohne Unterlaß zu verfolgen, von ihmzu träumen, wenn er abwesend war, und, nach der Weise der Liebenden,seinem bloßen Schattenbild zärtliche Worte zu geben. Einsamkeit,Fremde und das Glück eines späten und tiefen Rausches ermutigten undüberredeten ihn, sich auch das Befremdlichste ohne Scheu und Errötendurchgehen zu lassen, wie es denn vorgekommen war, daß er, spät abendsvon Venedig heimkehrend, im ersten Stock des Hotels an des SchönenZimmertür Halt gemacht, seine Stirn in völliger Trunkenheit an dieAngel der Tür gelehnt und sich lange von dort nicht zu trennenvermocht hatte, auf die Gefahr, in einer so wahnsinnigen Lage ertapptund betroffen zu werden.

Dennoch fehlte es nicht an Augenblicken des Innehaltens und der halbenBesinnung. Auf welchen Wegen! dachte er dann mit Bestürzung. Aufwelchen Wegen! Wie jeder Mann, dem natürliche Verdienste einaristokratisches Interesse für seine Abstammung einflößen, war ergewohnt, bei den Leistungen und Erfolgen seines Lebens der Vorfahrenzu gedenken, sich ihrer Zustimmung, ihrer Genugtuung, ihrernotgedrungenen Achtung im Geiste zu versichern. Er dachte ihrer auchjetzt und hier, verstrickt in ein so unstatthaftes Erlebnis, begriffenin so exotischen Ausschweifungen des Gefühls; gedachte derhaltungsvollen Strenge, der anständigen Männlichkeit ihres Wesens undlächelte schwermütig. Was würden sie sagen? Aber freilich, was hättensie zu seinem ganzen Leben gesagt, das von dem ihren so bis zurEntartung abgewichen war, zu diesem Leben im Banne der Kunst, über daser selbst einst, im Bürgersinne der Väter, so spöttischeJünglingserkenntnisse hatte verlauten lassen und das dem ihren imGrunde so ähnlich gewesen war! Auch er hatte gedient, auch er sich inharter Zucht geübt; auch er war Soldat und Kriegsmann gewesen, gleichmanchen von ihnen,--denn die Kunst war ein Krieg, ein aufreibenderKampf, für welchen man heute nicht lange taugte. Ein Leben derSelbstüberwindung und des Trotzdem, ein herbes, standhaftes undenthaltsames Leben, das er zum Sinnbild für einen zarten undzeitgemäßen Heroismus gestaltet hatte,--wohl durfte er es männlich,durfte es tapfer nennen, und es wollte ihm scheinen, als sei der Eros,der sich seiner bemeistert, einem solchen Leben auf irgendeine Weisebesonders gemäß und geneigt. Hatte er nicht bei den tapfersten Völkernvorzüglich in Ansehen gestanden, ja, hieß es nicht, daß er durchTapferkeit in ihren Städten geblüht habe? Zahlreiche Kriegshelden derVorzeit hatten willig sein Joch getragen, denn gar keine Erniedrigunggalt, die der Gott verhängte, und Taten, die als Merkmale der Feigheitwären gescholten worden, wenn sie um anderer Zwecke willen geschehenwären: Fußfälle, Schwüre, inständige Bitten und sklavisches Wesen,solche gereichten dem Liebenden nicht zur Schande, sondern er erntetevielmehr noch Lob dafür.

So war des Betörten Denkweise bestimmt, so suchte er sich zu stützen,seine Würde zu wahren. Aber zugleich wandte er beständig eine spürendeund eigensinnige Aufmerksamkeit den unsauberen Vorgängen im InnernVenedigs zu, jenem Abenteuer der Außenwelt, das mit dem seines Herzensdunkel zusammenfloß und seine Leidenschaft mit unbestimmten,gesetzlosen Hoffnungen nährte. Versessen darauf, Neues und Sicheresüber Stand oder Fortschritt des Übels zu erfahren, durchstöberte er inden Kaffeehäusern der Stadt die heimatlichen Blätter, da sie vomLesetisch der Hotelhalle seit mehreren Tagen verschwunden waren.Behauptungen und Widerrufe wechselten darin. Die Zahl derErkrankungs-, der Todesfälle sollte sich auf zwanzig, auf vierzig, jahundert und mehr belaufen, und gleich darauf wurde jedes Auftreten derSeuche wenn nicht rundweg in Abrede gestellt, so doch auf völligvereinzelte, von außen eingeschleppte Fälle zurückgeführt. WarnendeBedenken, Proteste gegen das gefährliche Spiel der welschen Behördenwaren eingestreut. Gewißheit war nicht zu erlangen.

Dennoch war sich der Einsame eines besonderen Anrechtes bewußt, an demGeheimnis teil zu haben, und, gleichwohl ausgeschlossen, fand er einebizarre Genugtuung darin, die Wissenden mit verfänglichen Fragenanzugehen und sie, die zum Schweigen verbündet waren, zurausdrücklichen Lüge zu nötigen. Eines Tages beim Frühstück im großenSpeisesaal stellte er so den Geschäftsführer zur Rede, jenen kleinen,leise auftretenden Menschen im französischen Gehrock, der sichgrüßend und beaufsichtigend zwischen den Speisenden bewegte und auchan Aschenbachs Tischchen zu einigen Plauderworten Halt machte. Warumman denn eigentlich, fragte der Gast in lässiger und beiläufigerWeise, warum in aller Welt, man seit einiger Zeit Venedigdesinfiziere?--»Es handelt sich«, antwortete der Schleicher, »um eineMaßnahme der Polizei, bestimmt, allerlei Unzuträglichkeiten oderStörungen der öffentlichen Gesundheit, welche durch die brütende undausnehmend warme Witterung erzeugt werden möchten, pflichtgemäß undbeizeiten hintanzuhalten.«--»Die Polizei ist zu loben«, erwiderteAschenbach, und nach Austausch einiger meteorologischer Bemerkungenempfahl sich der Manager.

Selbigen Tages noch, abends nach dem Diner, geschah es, daß einekleine Bande von Straßensängern aus der Stadt sich im Vorgarten desGasthofes hören ließ. Sie standen, zwei Männer und zwei Weiber, an demeisernen Mast einer Bogenlampe und wandten ihre weißbeschienenenGesichter zur großen Terrasse empor, wo die Kurgesellschaft sich beiKaffee und kühlenden Getränken die volkstümliche Darbietung gefallenließ. Das Hotelpersonal, Liftboys, Kellner und Angestellte der Office,zeigte sich lauschend an den Türen zur Halle. Die russische Familie,eifrig und genau im Genuß, hatte sich Rohrstühle in den Gartenhinabstellen lassen, um den Ausübenden näher zu sein, und saß dortdankbar im Halbkreise. Hinter der Herrschaft, in turbanartigemKopftuch, stand ihre alte Sklavin.

Mandoline, Guitarre, Harmonika und eine quinkelierende Geige warenunter den Händen der Bettelvirtuosen in Tätigkeit. Mit instrumentalenDurchführungen wechselten Gesangsnummern, wie denn das jüngere derWeiber, scharf und quäkend von Stimme, sich mit dem süßfalsettierenden Tenor zu einem verlangenden Liebesduett zusammentat.Aber als das eigentliche Talent und Haupt der Vereinigung zeigte sichunzweideutig der andere der Männer, Inhaber der Guitarre und imCharakter eine Art Baryton-Buffo, fast ohne Stimme dabei, aber mimischbegabt und von bemerkenswerter komischer Energie. Oftmals löste ersich, sein großes Instrument im Arm, von der Gruppe der anderen losund drang agierend gegen die Rampe vor, wo man seine Eulenspiegeleienmit aufmunterndem Lachen belohnte. Namentlich die Russen, in ihremParterre, zeigten sich entzückt über soviel südliche Beweglichkeit undermutigten ihn durch Beifall und Zurufe, immer kecker und sicherer aussich heraus zu gehen.

Aschenbach saß an der Balustrade und kühlte zuweilen die Lippen miteinem Gemisch aus Granatapfelsaft und Soda, das vor ihm rubinrot imGlase funkelte. Seine Nerven nahmen die dudelnden Klänge, die vulgärenund schmachtenden Melodien begierig auf, denn die Leidenschaft lähmtden wählerischen Sinn und läßt sich allen Ernstes mit Reizen ein,welche die Nüchternheit humoristisch aufnehmen oder unwillig ablehnenwürde. Seine Züge waren durch die Sprünge des Gauklers zu einem fixgewordenen und schon schmerzenden Lächeln verrenkt. Er saß lässig da,während eine äußerste Aufmerksamkeit sein Inneres spannte, denn sechsSchritte von ihm lehnte Tadzio am Steingeländer.

Er stand dort in dem weißen Gürtelanzug, den er zuweilen zurHauptmahlzeit anlegte, in unvermeidlicher und anerschaffener Grazie,den linken Unterarm auf der Brüstung, die Füße gekreuzt, die rechteHand in der tragenden Hüfte, und blickte mit einem Ausdruck, der kaumein Lächeln, nur eine entfernte Neugier, ein höfliches Entgegennehmenwar, zu den Bänkelsängern hinab. Manchmal richtete er sich gerade aufund zog, indem er die Brust dehnte, mit einer schönen Bewegung beiderArme den weißen Kittel durch den Ledergürtel hinunter. Manchmal aberauch, und der Alternde gewahrte es mit Triumph, mit einem Taumelnseiner Vernunft und auch mit Entsetzen, wandte er zögernd und behutsamoder auch rasch und plötzlich, als gelte es eine Überrumpelung, denKopf über die linke Schulter gegen den Platz seines Liebhabers. Erfand nicht dessen Augen, denn eine schmähliche Besorgnis zwang denVerwirrten, seine Blicke ängstlich im Zaum zu halten. Im Grund derTerrasse saßen die Frauen, die Tadzio behüteten, und es war dahingekommen, daß der Verliebte fürchten mußte, auffällig geworden undbeargwöhnt zu sein. Ja, mit einer Art von Erstarrung hatte ermehrmals, am Strande, in der Hotelhalle und auf der Piazza San Marco,zu bemerken gehabt, daß man Tadzio aus seiner Nähe zurückrief, ihn vonihm fernzuhalten bedacht war--und eine furchtbare Beleidigung darausentnehmen müssen, unter der sein Stolz sich in ungekannten Qualenwand, und welche von sich zu weisen sein Gewissen ihn hinderte.

Unterdessen hatte der Guitarrist zu eigener Begleitung ein Solobegonnen, einen mehrstrophigen, eben in ganz Italien florierendenGassenhauer, in dessen Kehrreim seine Gesellschaft jedesmal mitGesang und sämtlichem Musikzeug einfiel und den er auf eineplastisch-dramatische Art zum Vortrag zu bringen wußte. Schmächtiggebaut und auch von Antlitz mager und ausgemergelt, stand er,abgetrennt von den Seinen, den schäbigen Filz im Nacken, so daß einWulst seines roten Haars unter der Krempe hervorquoll, in einerHaltung von frecher Bravour auf dem Kies und schleuderte zum Schollernder Saiten in eindringlichem Sprechgesang seine Späße zur Terrasseempor, indes vor produzierender Anstrengung die Adern auf seinerStirne schwollen. Er schien nicht venezianischen Schlages, vielmehrvon der Rasse der neapolitanischen Komiker, halb Zuhälter, halbKomödiant, brutal und verwegen, gefährlich und unterhaltend. SeinLied, lediglich albern dem Wortlaut nach, gewann in seinem Munde,durch sein Mienenspiel, seine Körperbewegungen, seine Art, andeutendzu blinzeln und die Zunge schlüpfrig im Mundwinkel spielen zu lassen,etwas Zweideutiges, unbestimmt Anstößiges. Dem weichen Kragen desSporthemdes, das er zu übrigens städtischer Kleidung trug, entwuchssein hagerer Hals mit auffallend groß und nackt wirkendem Adamsapfel.Sein bleiches, stumpfnäsiges Gesicht, aus dessen bartlosen Zügenschwer auf sein Alter zu schließen war, schien durchpflügt vonGrimassen und Laster, und sonderbar wollten zum Grinsen seinesbeweglichen Mundes die beiden Furchen passen, die trotzig, herrisch,fast wild zwischen seinen rötlichen Brauen standen. Was jedoch desEinsamen tiefe Achtsamkeit eigentlich auf ihn lenkte, war dieBemerkung, daß die verdächtige Figur auch ihre eigene verdächtigeAtmosphäre mit sich zu führen schien. Jedesmal nämlich, wenn derRefrain wieder einsetzte, unternahm der Sänger unter Faxen undgrüßendem Handschütteln einen grotesken Rundmarsch, der ihnunmittelbar unter Aschenbachs Platz vorüberführte, und jedesmal, wenndas geschah, wehte, von seinen Kleidern, seinem Körper ausgehend, einSchwaden starken Karbolgeruchs zur Terrasse empor.

 

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