



Noch abgewandt, lauschte Aschenbach auf die Stimme des Knaben, seinehelle, ein wenig schwache Stimme, mit der er sich von weitem schon denum die Sandburg beschäftigten Gespielen grüßend anzukündigen suchte.Man antwortete ihm, indem man ihm seinen Namen oder eine Koseformseines Namens mehrfach entgegenrief, und Aschenbach horchte mit einergewissen Neugier darauf, ohne Genaueres erfassen zu können, als zweimelodische Silben wie »Adgio« oder öfter noch »Adgiu« mit rufendgedehntem u-Laut am Ende. Er freute sich des Klanges, er fand ihn inseinem Wohllaut dem Gegenstande angemessen, wiederholte ihn im Stillenund wandte sich befriedigt seinen Briefen und Papieren zu.
Seine kleine Reiseschreibmappe auf den Knien, begann er, mit demFüllfederhalter diese und jene Korrespondenz zu erledigen. Aber nacheiner Viertelstunde schon fand er es schade, die Situation, diegenießenswerteste, die er kannte, so im Geist zu verlassen und durchgleichgültige Tätigkeit zu versäumen. Er warf das Schreibzeugbeiseite, er kehrte zum Meere zurück, und nicht lange, so wandte er,abgelenkt von den Stimmen der Jugend am Sandbau, den Kopf bequem ander Lehne des Stuhles nach rechts, um sich nach dem Treiben undBleiben des trefflichen Adgio wieder umzutun.
Der erste Blick fand ihn; die rote Masche auf seiner Brust war nichtzu verfehlen. Mit anderen beschäftigt, eine alte Planke als Brückeüber den feuchten Graben der Sandburg zu legen, gab er rufend und mitdem Kopfe winkend seine Anweisungen zu diesem Werk. Es waren da mitihm ungefähr zehn Genossen, Knaben und Mädchen, von seinem Alter undeinige jünger, die in Zungen, polnisch, französisch und auch inBalkan-Idiomen durcheinander schwatzten. Aber sein Name war es, der amöftesten erklang. Offenbar war er begehrt, umworben, bewundert. Einernamentlich, Pole gleich ihm, ein stämmiger Bursche, der ähnlich wie»Jaschu« gerufen wurde, mit schwarzem, pomadisiertem Haar und leinenemGürtelanzug, schien sein nächster Vasall und Freund. Sie gingen, alsfür diesmal die Arbeit am Sandbau beendigt war, umschlungen den Strandentlang, und der, welcher »Jaschu« gerufen wurde, küßte den Schönen.
Aschenbach war versucht, ihm mit dem Finger zu drohen. »Dir aber ratich Kritobulos«, dachte er lächelnd, »geh ein Jahr auf Reisen! Dennsoviel brauchst du mindestens Zeit zur Genesung.« Und dann frühstückteer große, vollreife Erdbeeren, die er von einem Händler erstand. Eswar sehr warm geworden, obgleich die Sonne die Dunstschicht desHimmels nicht zu durchdringen vermochte. Trägheit fesselte den Geist,indes die Sinne die ungeheure und betäubende Unterhaltung derMeeresstille genossen. Zu erraten, zu erforschen, welcher Name es sei,der ungefähr »Adgio« lautete, schien dem ernsten Mann eineangemessene, vollkommen ausfüllende Aufgabe und Beschäftigung. Und mitHilfe einiger polnischer Erinnerungen stellte er fest, daß »Tadzio«gemeint sein müsse, die Abkürzung von »Tadeusz« und im Anrufe »Tadziu«lautend. Tadzio badete. Aschenbach, der ihn aus den Augen verlorenhatte, entdeckte seinen Kopf, seinen Arm, mit dem er rudernd ausholte,weit draußen im Meer; denn das Meer mochte flach sein bis weit hinaus.Aber schon schien man besorgt um ihn, schon riefen Frauenstimmen nachihm von den Hütten, stießen wiederum diesen Namen aus, der den Strandbeinahe wie eine Losung beherrschte und mit seinen weichen Mitlauten,seinem gezogenen u-Ruf am Ende, etwas zugleich Süßes und Wildes hatte:»Tadziu, Tadziu!« Er gehorchte, er lief, das widerstrebende Wasser mitden Beinen zu Schaum schlagend, zurückgeworfenen Kopfes durch dieFlut; und zu sehen, wie die lebendige Gestalt, vormännlich hold undherb, mit triefenden Locken und schön wie ein zarter Gott, herkommendaus den Tiefen von Himmel und Meer, dem Elemente entstieg und entrann:Dieser Anblick gab mythische Vorstellungen ein, er war wieDichterkunde von anfänglichen Zeiten, vom Ursprung der Form und vonder Geburt der Götter. Aschenbach lauschte mit geschlossenen Augen aufdiesen in seinem Innern antönenden Gesang; und abermals dachte er, daßes hier gut sei und daß er bleiben wolle.
Später lag Tadzio, vom Bade ausruhend, im Sande, gehüllt in seinweißes Laken, das unter der rechten Schulter durchgezogen war, denKopf auf den bloßen Arm gebettet; und auch wenn Aschenbach ihn nichtbetrachtete, sondern einige Seiten in seinem Buche las, vergaß er fastniemals, daß jener dort lag und daß es ihn nur eine leichte Wendungdes Kopfes nach rechts kostete, um das Bewunderungswürdige zuerblicken. Beinahe schien es ihm, als säße er hier, um den Ruhenden zubehüten,--mit eigenen Angelegenheiten beschäftigt und dabei doch inbeständiger Wachsamkeit für das edle Menschenbild dort zur Rechten,nicht weit von ihm. Und eine väterliche Huld, die gerührte Hinneigungdessen, der sich opfernd im Geiste das Schöne zeugt, zu dem, der dieSchönheit hat, erfüllte und bewegte sein Herz.
Nach Mittag verließ er den Strand, kehrte ins Hotel zurück und ließsich hinauf vor sein Zimmer fahren. Er verweilte dort drinnen längereZeit vor dem Spiegel und betrachtete sein graues Haar, sein müdes undscharfes Gesicht. In diesem Augenblick dachte er an seinen Ruhm unddaran, daß Viele ihn auf den Straßen kannten und ehrerbietigbetrachteten, um seines sicher treffenden und mit Anmut gekröntenWortes willen,--rief alle, äußeren Erfolge seines Talentes auf, dieihm irgend einfallen wollten und gedachte sogar seiner Nobilitierung.Er begab sich dann zum Lunch hinab in den Saal und speiste an seinemTischchen. Als er nach beendeter Mahlzeit den Lift bestieg, drängtejunges Volk, das gleichfalls vom Frühstück kam, ihm nach in dasschwebende Kämmerchen, und auch Tadzio trat ein. Er stand ganz nahebei Aschenbach, zum ersten Male so nah, daß dieser ihn nicht inbildmäßigem Abstand, sondern genau, mit den Einzelheiten seinerMenschlichkeit wahrnahm und erkannte. Der Knabe ward angeredet vonirgend jemandem, und während er mit unbeschreiblich lieblichem Lächelnantwortete, trat er schon wieder aus, im ersten Stockwerk, rückwärts,mit niedergeschlagenen Augen. Schönheit macht schamhaft, dachteAschenbach und bedachte sehr eindringlich, warum. Er hatte jedochbemerkt, daß Tadzios Zähne nicht recht erfreulich waren: etwas zackigund blaß, ohne den Schmelz der Gesundheit und von eigentümlich spröderDurchsichtigkeit wie zuweilen bei Bleichsüchtigen. Er ist sehr zart,er ist kränklich, dachte Aschenbach. Er wird wahrscheinlich nicht altwerden. Und er verzichtete darauf, sich Rechenschaft über ein Gefühlder Genugtuung oder Beruhigung zu geben, das diesen Gedankenbegleitete.
Er verbrachte zwei Stunden auf seinem Zimmer und fuhr am Nachmittagmit dem Vaporetto über die faulriechende Lagune nach Venedig. Er stiegaus bei San Marco, nahm den Tee auf dem Platze und trat dann, seinerhiesigen Tagesordnung gemäß, einen Spaziergang durch die Straßen an.Es war jedoch dieser Gang, der einen völligen Umschwung seinerStimmung, seiner Entschlüsse herbeiführte.
Eine widerliche Schwüle lag in den Gassen, die Luft war so dick, daßdie Gerüche, die aus Wohnungen, Läden, Garküchen quollen, Öldunst,Wolken von Parfüm und viele andere in Schwaden standen, ohne sich zuzerstreuen. Zigarettenrauch hing an seinem Orte und entwich nurlangsam. Das Menschengeschiebe in der Enge belästigte denSpaziergänger, statt ihn zu unterhalten. Je länger er ging, destoquälender bemächtigte sich seiner der abscheuliche Zustand, den dieSeeluft zusammen mit dem Scirocco hervorbringen kann, und der zugleichErregung und Erschlaffung ist. Peinlicher Schweiß brach ihm aus. DieAugen versagten den Dienst, die Brust war beklommen, er fieberte, dasBlut pochte im Kopf. Er floh aus den drangvollen Geschäftsgassen überBrücken in die Gänge der Armen: dort behelligten ihn Bettler, und dieüblen Ausdünstungen der Kanäle verleideten das Atmen. Auf stillemPlatz, einer jener vergessen und verwunschen anmutenden Örtlichkeiten,die sich im Innern Venedigs finden, am Rande eines Brunnens rastend,trocknete er die Stirn und sah ein, daß er reisen müsse.
Zum zweitenmal und nun endgültig war es erwiesen, daß diese Stadt beidieser Witterung ihm höchst schädlich war. Eigensinniges Ausharrenerschien vernunftwidrig, die Aussicht auf ein Umschlagen des Windesganz ungewiß. Es galt rasche Entscheidung. Schon jetzt nach Hausezurückzukehren, verbot sich. Weder Sommer-noch Winterquartier warbereit, ihn aufzunehmen. Aber nicht nur hier gab es Meer und Strand,und anderwärts fanden sie sich ohne die böse Zutat der Lagune undihres Fieberdunstes. Er erinnerte sich eines kleinen Seebades nichtweit von Triest, das man ihm rühmlich genannt hatte. Warum nichtdorthin? Und zwar ohne Verzug, damit der abermalige Aufenthaltswechselsich noch lohne. Er erklärte sich für entschlossen und stand auf. Amnächsten Gondelhalteplatz nahm er ein Fahrzeug und ließ sich durch dastrübe Labyrinth der Kanäle, unter zierlichen Marmorbalkonen hin, dievon Löwenbildern flankiert waren, um glitschige Mauerecken, vorbei antrauernden Palastfassaden, die große Firmenschilder im Abfallschaukelnden Wasser spiegelten, nach San Marco leiten. Er hatte Mühe,dorthin zu gelangen, denn der Gondolier, der mit Spitzenfabriken undGlasbläsereien im Bunde stand, versuchte überall, ihn zu Besichtigungund Einkauf abzusetzen, und wenn die bizarre Fahrt durch Venedigihren Zauber zu üben begann, so tat der beutelschneiderischeGeschäftsgeist der gesunkenen Königin das seine, den Sinn wiederverdrießlich zu ernüchtern.
Ins Hotel zurückgekehrt, gab er noch vor dem Diner im Bureau dieErklärung ab, daß unvorhergesehene Umstände ihn nötigten, morgen frühabzureisen. Man bedauerte, man quittierte seine Rechnung. Er speisteund verbrachte den lauen Abend, Journale lesend, in einemSchaukelstuhl auf der rückwärtigen Terrasse. Bevor er zur Ruhe ging,machte er sein Gepäck vollkommen zur Abreise fertig.
Er schlief nicht zum besten, da der bevorstehende Wiederaufbruch ihnbeunruhigte. Als er am Morgen die Fenster öffnete, war der Himmelbezogen nach wie vor, aber die Luft schien frischer, und--es begannauch schon seine Reue. War diese Kündigung nicht überstürzt undirrtümlich, die Handlung eines kranken und unmaßgeblichen Zustandesgewesen? Hätte er sie ein wenig zurückbehalten, hätte er es, ohne sorasch zu verzagen, auf den Versuch einer Anpassung an dievenezianische Luft oder auf Besserung des Wetters ankommen lassen, sostand ihm jetzt, statt Hast und Last, ein Vormittag am Strande gleichdem gestrigen bevor. Zu spät. Nun mußte er fortfahren, zu wollen, waser gestern gewollt hatte. Er kleidete sich an und fuhr um acht Uhr zumFrühstück ins Erdgeschoß hinab.
Der Büfettraum war, als er eintrat, noch leer von Gästen. Einzelnekamen, während er saß und das Bestellte erwartete. Die Teetasse amMunde, sah er die polnischen Mädchen nebst ihrer Begleiterin sicheinfinden; streng und morgenfrisch, mit geröteten Augen schritten siezu ihrem Tisch in der Fensterecke. Gleich darauf näherte sich ihm derPortier mit gezogener Mütze und mahnte zum Aufbruch. Das Automobilstehe bereit, ihn und andere Reisende nach dem Hotel "Excelsior" zubringen, von wo das Motorboot die Herrschaften durch den Privatkanalder Gesellschaft zum Bahnhof befördern werde. Die Zeit dränge.--Aschenbach fand, daß sie das nicht im mindesten tue. Mehr als eineStunde blieb bis zur Abfahrt seines Zuges. Er ärgerte sich an derGasthofsitte, den Abreisenden vorzeitig aus dem Hause zu schaffen undbedeutete dem Portier, daß er in Ruhe zu frühstücken wünsche. Der Mannzog sich zögernd zurück, um nach fünf Minuten wieder aufzutreten.Unmöglich, daß der Wagen länger warte. Dann möge er fahren und seinenKoffer mitnehmen, entgegnete Aschenbach gereizt. Er selbst wolle zurgegebenen Zeit das öffentliche Dampfboot benutzen und bitte, die Sorgeum sein Fortkommen ihm selber zu überlassen. Der Angestellte verbeugtesich. Aschenbach, froh, die lästigen Mahnungen abgewehrt zu haben,beendete seinen Imbiß ohne Eile, ja ließ sich sogar noch vom KellnerTagesblätter reichen. Die Zeit war recht knapp geworden, als eraufstand. Es fügte sich, daß im selben Augenblick Tadzio durch dieGlastür hereinkam.
Er kreuzte, zum Tische der Seinen gehend, den Weg des Aufbrechenden,schlug vor dem grauhaarigen, hochgestirnten Mann bescheiden die Augennieder, um sie nach seiner lieblichen Art sogleich wieder weich undvoll zu ihm aufzuschlagen und war vorüber. Adieu, Tadzio! dachteAschenbach. Ich sah dich kurz. Und indem er gegen seine Gewohnheit dasGedachte wirklich mit den Lippen ausbildete und vor sich hinsprach,fügte er hinzu: Sei gesegnet!--Er hielt dann Abreise, verteilteTrinkgelder, ward von dem kleinen leisen Manager im französischenGehrock verabschiedet und verließ das Hotel zu Fuß, wie er gekommen,um sich, gefolgt von dem Handgepäck tragenden Hausdiener, durch dieweiß blühende Allee quer über die Insel zur Dampferbrücke zu begeben.Er erreicht sie, er nimmt Platz,--und was folgte, war eineLeidensfahrt, kummervoll, durch alle Tiefen der Reue.
Es war die vertraute Fahrt über die Lagune, an San Marco vorbei, dengroßen Kanal hinauf. Aschenbach saß auf der Rundbank am Buge, den Armaufs Geländer gestützt, mit der Hand die Augen beschattend. Dieöffentlichen Gärten blieben zurück, die Piazzetta eröffnete sich nocheinmal in fürstlicher Anmut und ward verlassen, es kam die großeFlucht der Paläste, und als die Wasserstraße sich wendete, erschiendes Rialto prächtig gespannter Marmorbogen. Der Abschiednehmendeschaute, und seine Brust war zerrissen. Die Atmosphäre der Stadt,diesen leis fauligen Geruch von Meer und Sumpf, den zu fliehen es ihnso sehr gedrängt hatte,--er atmete ihn jetzt in tiefen, zärtlichschmerzlichen Zügen. War es möglich, daß er nicht gewußt, nichtbedacht hatte, wie sehr sein Herz an dem allen hing? Was heute morgenein halbes Bedauern, ein leiser Zweifel an der Richtigkeit seines Tunsgewesen war, das wurde jetzt zum Harm, zum wirklichen Weh, zu einerSeelennot, so bitter, daß sie ihm mehrmals Tränen in die Augen trieb,und von der er sich sagte, daß er sie unmöglich habe vorhersehenkönnen. Was er als so schwer erträglich, ja, zuweilen als völligunleidlich empfand, war offenbar der Gedanke, daß er Venedig niewieder sehen solle, daß dies ein Abschied für immer sei. Denn da sichzum zweiten Male gezeigt hatte, daß die Stadt ihn krank mache, da ersie zum zweiten Male jäh zu verlassen gezwungen war, so hatte er sieja fortan als einen ihm unmöglichen und verbotenen Aufenthalt zubetrachten, dem er nicht gewachsen war und den wieder aufzusuchensinnlos gewesen wäre. Ja, er empfand, daß, wenn er jetzt abreise,Scham und Trotz ihn hindern müßten, die geliebte Stadt je wieder zusehen, der gegenüber er zweimal körperlich versagt hatte; und dieserStreitfall zwischen seelischer Neigung und körperlichem Vermögenschien dem Alternden auf einmal so schwer und wichtig, die physischeNiederlage so schmählich, so um jeden Preis hintanzuhalten, daß er dieleichtfertige Ergebung nicht begriff, mit welcher er gestern, ohneernstlichen Kampf, sie zu tragen und anzuerkennen beschlossen hatte.
Unterdessen nähert sich das Dampfboot dem Bahnhof, und Schmerzund Ratlosigkeit steigen bis zur Verwirrung. Die Abreise dünkt demGequälten unmöglich, die Umkehr nicht minder. So ganz zerrissenbetritt er die Station. Es ist sehr spät, er hat keinen Augenblick zuverlieren, wenn er den Zug erreichen will. Er will es und will esnicht. Aber die Zeit drängt, sie geißelt ihn vorwärts; er eilt, sichsein Billett zu verschaffen und sieht sich im Tumult der Halle nachdem hier stationierten Beamten der Hotelgesellschaft um. Der Menschzeigt sich und meldet, der große Koffer sei aufgegeben. Schonaufgegeben? Ja, bestens,--nach Como. Nach Como? Und aus einemhastigen Hin und Her, aus zornigen Fragen und betretenen Antwortenkommt zu Tage, daß der Koffer, schon im Gepäckbeförderungs-Amt desHotels »Excelsior« zusammen mit anderer, fremder Bagage, in völligfalsche Richtung geleitet wurde.
Aschenbach hatte Mühe, die Miene zu bewahren, die unter diesenUmständen einzig begreiflich war. Eine abenteuerliche Freude, eineunglaubliche Heiterkeit erschütterte von innen fast krampfhaft seineBrust. Der Angestellte stürzte davon, um möglicherweise den Koffernoch anzuhalten und kehrte, wie zu erwarten gewesen, unverrichteterDinge zurück. Da erklärte denn Aschenbach, daß er ohne sein Gepäcknicht zu reisen wünsche, sondern umzukehren und das Wiedereintreffendes Stückes im Bäderhotel zu erwarten entschlossen sei. Ob dasMotorboot der Gesellschaft am Bahnhof liege. Der Mann beteuerte,es liege vor der Tür. Er bestimmte in italienischer Suade denSchalterbeamten, den gelösten Fahrschein zurückzunehmen, er schwor,daß depeschiert werden, daß nichts gespart und versäumt werden solle,um den Koffer in Bälde zurückzugewinnen, und--so fand das Seltsamestatt, daß der Reisende, zwanzig Minuten nach seiner Ankunft amBahnhof, sich wieder im Großen Kanal auf dem Rückweg zum Lido sah.
Wunderlich unglaubhaftes, beschämendes, komisch traumartigesAbenteuer: Stätten, von denen man eben in tiefster Wehmut Abschied aufimmer genommen, vom Schicksal umgewandt und zurückverschlagen, inderselben Stunde noch wiederzusehen! Schaum vor dem Buge, drolligbehend zwischen Gondeln und Dampfern lavierend, schoß das kleine,eilfertige Fahrzeug seinem Ziele zu, indes sein Passagier unter derMaske ärgerlicher Resignation die ängstlich-übermütige Erregung einesentlaufenen Knaben verbarg. Noch immer, von Zeit zu Zeit, ward seineBrust bewegt von Lachen über dies Mißgeschick, das, wie er sich sagte,ein Sonntagskind nicht gefälliger hätte heimsuchen können. Es warenErklärungen zu geben, erstaunte Gesichter zu bestehen,--dann war, sosagte er sich, alles wieder gut, dann war ein Unglück verhütet, einschwerer Irrtum richtig gestellt, und alles, was er im Rücken zulassen geglaubt hatte, eröffnete sich ihm wieder, war auf beliebigeZeit wieder sein... Täuschte ihn übrigens die rasche Fahrt oder kamwirklich zum Überfluß der Wind nun dennoch vom Meere her?
Die Wellen schlugen gegen die betonierten Wände des schmalen Kanals,der durch die Insel zum Hotel »Excelsior« gelegt ist. Ein automobilerOmnibus erwartete dort den Wiederkehrenden und führte ihn oberhalb desgekräuselten Meeres auf geradem Wege zum Bäder-Hotel. Der kleineschnurrbärtige Manager im geschweiften Gehrock kam zur Begrüßung dieFreitreppe herab.
Leise schmeichelnd bedauerte er den Zwischenfall, nannte ihn äußerstpeinlich für ihn und das Institut, billigte aber mit ÜberzeugungAschenbachs Entschluß, das Gepäckstück hier zu erwarten. Freilich seisein Zimmer vergeben, ein anderes jedoch, nicht schlechter, sogleichzur Verfügung. »Pas de chance, monsieur«, sagte der schweizerischeLiftführer lächelnd, als man hinaufglitt. Und so wurde der Flüchtlingwieder einquartiert, in einem Zimmer, das dem vorigen nach Lage undEinrichtung fast vollkommen glich.
Ermüdet, betäubt von dem Wirbel dieses seltsamen Vormittags, ließ ersich, nachdem er den Inhalt seiner Handtasche im Zimmer verteilt, ineinem Lehnstuhl am offenen Fenster nieder. Das Meer hatte eineblaßgrüne Färbung angenommen, die Luft schien dünner und reiner, derStrand mit seinen Hütten und Booten farbiger, obgleich der Himmel nochgrau war. Aschenbach blickte hinaus, die Hände im Schoß gefaltet,zufrieden, wieder hier zu sein, kopfschüttelnd unzufrieden über seinenWankelmut, seine Unkenntnis der eigenen Wünsche. So saß er wohl eineStunde, ruhend und gedankenlos träumend. Um Mittag erblickte erTadzio, der in gestreiftem Leinenanzug mit roter Masche, vom Meereher, durch die Strandsperre und die Bretterwege entlang zum Hotelzurückkehrte. Aschenbach erkannte ihn aus seiner Höhe sofort, bevor erihn eigentlich ins Auge gefaßt, und wollte etwas denken, wie: »Sieh,Tadzio, da bist ja auch du wieder!« Aber im gleichen Augenblick fühlteer, wie der lässige Gruß vor der Wahrheit seines Herzens hinsank undverstummte,--fühlte die Begeisterung seines Blutes, die Freude, denSchmerz seiner Seele und erkannte, daß ihm um Tadzios willen derAbschied so schwer geworden war.
Er saß ganz still, ganz ungesehen an seinem hohen Platze und blicktein sich hinein. Seine Züge waren erwacht, seine Brauen stiegen, einaufmerksames, neugierig geistreiches Lächeln spannte seinen Mund. Dannhob er den Kopf und beschrieb mit beiden, schlaff über die Lehne desSessels hinabhängenden Armen eine langsam drehende und hebendeBewegung, die Handflächen vorwärts kehrend, so, als deute er einÖffnen und Ausbreiten der Arme an. Es war eine bereitwillig willkommenheißende, gelassen aufnehmende Gebärde.