



So kam man denn an, geschaukelt vom Kielwasser eines zur Stadtfahrenden Dampfers. Zwei Munizipalbeamte, die Hände auf dem Rücken,die Gesichter der Lagune zugewandt, gingen am Ufer auf und ab.Aschenbach verließ am Stege die Gondel, unterstützt von jenem Alten,der an jedem Landungsplatze Venedigs mit seinem Enterhaken zur Stelleist; und da es ihm an kleinerem Gelde fehlte, ging er hinüber in dasder Dampferbrücke benachbarte Hotel, um dort zu wechseln und denRuderer nach Gutdünken abzulohnen. Er wird in der Halle bedient, erkehrt zurück, er findet sein Reisegut auf einem Karren am Quai, undGondel und Gondolier sind verschwunden.
--Er hat sich fortgemacht, sagte der Alte mit dem Enterhaken. Einschlechter Mann, ein Mann ohne Konzession, gnädiger Herr. Er ist dereinzige Gondolier, der keine Konzession besitzt. Die andern habenhierher telephoniert. Er sah, daß er erwartet wurde. Da hat er sichfortgemacht.
Aschenbach zuckte die Achseln.
--Der Herr ist umsonst gefahren, sagte der Alte und hielt den Hut hin.Aschenbach warf Münzen hinein. Er gab Weisung, sein Gepäck insBäder-Hotel zu bringen, und folgte dem Karren durch die Allee, dieweißblühende Allee, welche, Tavernen, Bazare, Pensionen zu beidenSeiten, quer über die Insel zum Strande läuft.
Er betrat das weitläufige Hotel von hinten, von der Gartenterrasse ausund begab sich durch die große Halle und die Vorhalle ins Office. Daer angemeldet war, wurde er mit dienstfertigem Einverständnisempfangen. Ein Manager, ein kleiner, leiser, schmeichelnd höflicherMann mit schwarzem Schnurrbart und in französisch geschnittenemGehrock, begleitete ihn im Lift zum zweiten Stockwerk hinauf und wiesihm sein Zimmer an, einen angenehmen, in Kirschholz möblierten Raum,den man mit starkduftenden Blumen geschmückt hatte und dessen hoheFenster die Aussicht aufs offene Meer gewährten. Er trat an einesdavon, nachdem der Angestellte sich zurückgezogen, und während manhinter ihm sein Gepäck hereinschaffte und im Zimmer unterbrachte,blickte er hinaus auf den nachmittäglich menschenarmen Strand und dieunbesonnte See, die Flutzeit hatte und niedrige, gestreckte Wellen inruhigem Gleichtakt gegen das Ufer sandte.
Die Beobachtungen und Begegnisse des Einsam-Stummen sind zugleichverschwommener und eindringlicher als die des Geselligen, seineGedanken schwerer, wunderlicher und nie ohne einen Anflug vonTraurigkeit. Bilder und Wahrnehmungen, die mit einem Blick, einemLachen, einem Urteilsaustausch leichthin abzutun wären, beschäftigenihn über Gebühr, vertiefen sich im Schweigen, werden bedeutsam,Erlebnis, Abenteuer, Gefühl. Einsamkeit zeitigt das Originale, dasgewagt und befremdend Schöne, das Gedicht. Einsamkeit zeitigt aberauch das Verkehrte, das Unverhältnismäßige, das Absurde undUnerlaubte.--So beunruhigten die Erscheinungen der Herreise, dergräßliche alte Stutzer mit seinem Gefasel vom Liebchen, der verpönte,um seinen Lohn geprellte Gondolier, noch jetzt das Gemüt desReisenden. Ohne der Vernunft Schwierigkeiten zu bieten, ohneeigentlich Stoff zum Nachdenken zu geben, waren sie dennochgrundsonderbar von Natur, wie es ihm schien, und beunruhigend wohleben durch diesen Widerspruch. Dazwischen grüßte er das Meer mit denAugen und empfand Freude, Venedig in so leicht erreichbarer Nahe zuwissen. Er wandte sich endlich, badete sein Gesicht, traf gegen dasZimmermädchen einige Anordnungen zur Vervollständigung seinerBequemlichkeit und ließ sich von dem grün gekleideten Schweizer, derden Lift bediente, ins Erdgeschoß hinunterfahren.
Er nahm seinen Tee auf der Terrasse der Seeseite, stieg dann hinab undverfolgte den Promenaden-Quai eine gute Strecke in der Richtung aufdas Hotel Excelsior. Als er zurückkehrte, schien es schon an derZeit, sich zur Abendmahlzeit umzukleiden. Er tat es langsam und genau,nach seiner Art, da er bei der Toilette zu arbeiten gewöhnt war, undfand sich trotzdem ein wenig verfrüht in der Halle ein, wo er einengroßen Teil der Hotelgäste, fremd untereinander und in gespieltergegenseitiger Teilnahmslosigkeit, aber in der gemeinsamen Erwartungdes Essens, versammelt fand. Er nahm eine Zeitung vom Tische, ließsich in einen Ledersessel nieder und betrachtete die Gesellschaft, diesich von derjenigen seines ersten Aufenthaltes in einer ihm angenehmenWeise unterschied.
Ein weiter, duldsam vieles umfassender Horizont tat sich auf.Gedämpft, vermischten sich die Laute der großen Sprachen. Derweltgültige Abendanzug, eine Uniform der Gesittung, faßte äußerlichdie Spielarten des Menschlichen zu anständiger Einheit zusammen. Mansah die trockene und lange Miene des Amerikaners, die vielgliedrigerussische Familie, englische Damen, deutsche Kinder mit französischenBonnen. Der slavische Bestandteil schien vorzuherrschen. Gleich in derNähe ward polnisch gesprochen.
Es war eine Gruppe halb und kaum Erwachsener, unter der Obhut einerErzieherin oder Gesellschafterin um ein Rohrtischchen versammelt: dreijunge Mädchen, fünfzehn-bis siebzehnjährig, wie es schien, und einlanghaariger Knabe von vielleicht vierzehn Jahren. Mit Erstaunenbemerkte Aschenbach, daß der Knabe vollkommen schön war. SeinAntlitz,--bleich und anmutig verschlossen, von honigfarbenem Haarumringelt, mit der gerade abfallenden Nase, dem lieblichen Munde, demAusdruck von holdem und göttlichem Ernst, erinnerte an griechischeBildwerke aus edelster Zeit, und bei reinster Vollendung der Form wares von so einmalig-persönlichem Reiz, daß der Schauende weder in Naturnoch bildender Kunst etwas ähnlich Geglücktes angetroffen zu habenglaubte. Was ferner auffiel, war ein offenbar grundsätzlicher Kontrastzwischen den erzieherischen Gesichtspunkten, nach denen dieGeschwister gekleidet und allgemein gehalten schienen. Die Herrichtungder drei Mädchen, von denen die Älteste für erwachsen gelten konnte,war bis zum Entstellenden herb und keusch. Eine gleichmäßigklösterliche Tracht, schieferfarben, halblang, nüchtern und gewolltunkleidsam von Schnitt, mit weißen Fallkrägen als einziger Aufhellung,unterdrückte und verhinderte jede Gefälligkeit der Gestalt. Das glattund fest an den Kopf geklebte Haar ließ die Gesichter nonnenhaft leerund nichtssagend erscheinen. Gewiß, es war eine Mutter, die hierwaltete, und sie dachte nicht einmal daran, auch auf den Knaben diepädagogische Strenge anzuwenden, die ihr den Mädchen gegenüber gebotenschien. Weichheit und Zärtlichkeit bestimmten ersichtlich seineExistenz. Man hatte sich gehütet, die Scheere an sein schönes Haar zulegen; wie beim Dornauszieher lockte es sich in die Stirn, über dieOhren und tiefer noch in den Nacken. Ein englisches Matrosenkostüm,dessen bauschige Ärmel sich nach unten verengerten und die feinenGelenke seiner noch kindlichen, aber schmalen Hände knapp umspannten,verlieh mit seinen Schnüren, Maschen und Stickereien der zartenGestalt etwas Reiches und Verwöhntes. Er saß, im Halbprofil gegen denBetrachtenden, einen Fuß im schwarzen Lackschuh vor den anderngestellt, einen Ellenbogen auf die Armlehne seines Korbsesselsgestützt, die Wange an die geschlossene Hand geschmiegt, in einerHaltung von lässigem Anstand und ganz ohne die fast untergeordneteSteifheit, an die seine weiblichen Geschwister gewöhnt schienen. Warer leidend? Denn die Haut seines Gesichtes stach weiß wie Elfenbeingegen das goldige Dunkel der umrahmenden Locken ab. Oder war ereinfach ein verzärteltes Vorzugskind, von parteilicher und launischerLiebe getragen? Aschenbach war geneigt, dies zu glauben. Fast jedemKünstlernaturell ist ein üppiger und verräterischer Hang eingeboren,Schönheit schaffende Ungerechtigkeit anzuerkennen und aristokratischerBevorzugung Teilnahme und Huldigung entgegenzubringen.
Ein Kellner ging umher und meldete auf englisch, daß die Mahlzeitbereit sei. Allmählich verlor sich die Gesellschaft durch die Glastürin den Speisesaal. Nachzügler, vom Vestibül, von den Lifts kommend,gingen vorüber. Man hatte drinnen zu servieren begonnen, aber diejungen Polen verharrten noch um ihr Rohrtischchen, und Aschenbach, intiefem Sessel behaglich aufgehoben und übrigens das Schöne vor Augen,wartete mit ihnen.
Die Gouvernante, eine kleine und korpulente Halbdame mit rotemGesicht, gab endlich das Zeichen, sich zu erheben. Mit hochgezogenenBrauen schob sie ihren Stuhl zurück und verneigte sich, als eine großeFrau, grau-weiß gekleidet und sehr reich mit Perlen geschmückt, dieHalle betrat. Die Haltung dieser Frau war kühl und gemessen, dieAnordnung ihres leicht gepuderten Haares sowohl wie die Machart ihresKleides von jener Einfachheit, die überall da den Geschmack bestimmt,wo Frömmigkeit als Bestandteil der Vornehmheit gilt. Sie hätte dieFrau eines hohen deutschen Beamten sein können. Etwas vonphantastischem Aufwand kam in ihre Erscheinung einzig durch ihrenSchmuck, der in der Tat kaum schätzbar war und aus Ohrgehängen, sowieeiner dreifachen, sehr langen Kette kirschengroßer, mild schimmernderPerlen bestand.
Die Geschwister waren rasch aufgestanden. Sie beugten sich zum Kußüber die Hand ihrer Mutter, die mit einem zurückhaltenden Lächelnihres gepflegten, doch etwas müden und spitznäsigen Gesichtes überihre Köpfe hinwegblickte und einige Worte in französischer Sprache andie Erzieherin richtete. Dann schritt sie zur Glastür. Die Geschwisterfolgten ihr: die Mädchen in der Reihenfolge ihres Alters, nach ihnendie Gouvernante, zuletzt der Knabe. Aus irgend einem Grunde wandte ersich um, bevor er die Schwelle überschritt, und da niemand sonst mehrin der Halle sich aufhielt, begegneten seine eigentümlich dämmergrauenAugen denen Aschenbachs, der, seine Zeitung auf den Knien, inAnschauung versunken, der Gruppe nachblickte.
Was er gesehen, war gewiß in keiner Einzelheit auffallend gewesen. Manwar nicht vor der Mutter zu Tische gegangen, man hatte sie erwartet,sie ehrerbietig begrüßt und beim Eintritt in den Saal gebräuchlicheFormen beobachtet. Allein das alles hatte sich so ausdrücklich, miteinem solchen Akzent von Zucht, Verpflichtung und Selbstachtungdargestellt, daß Aschenbach sich sonderbar ergriffen fühlte. Erzögerte noch einige Augenblicke, ging dann auch seinerseits in denSpeisesaal hinüber und ließ sich sein Tischchen anweisen, das, wie ermit einer kurzen Regung des Bedauerns feststellte, sehr weit von demder polnischen Familie entfernt war.
Müde und dennoch geistig bewegt, unterhielt er sich während derlangwierigen Mahlzeit mit abstrakten, ja transzendenten Dingen, sannnach über die geheimnisvolle Verbindung, welche das Gesetzmäßige mitdem Individuellen eingehen müsse, damit menschliche Schönheitentstehe, kam von da aus auf allgemeine Probleme der Form und derKunst und fand am Ende, daß seine Gedanken und Funde gewissenscheinbar glücklichen Einflüsterungen des Traumes glichen, die sichbei ernüchtertem Sinn als vollständig schal und untauglich erweisen.Er hielt sich nach Tische rauchend, sitzend, umherwandelnd, in demabendlich duftenden Parke auf, ging zeitig zur Ruhe und verbrachte dieNacht in anhaltend tiefem, aber von Traumbildern verschiedentlichbelebtem Schlaf.
Das Wetter ließ sich am folgenden Tage nicht günstiger an. Landwindging. Unter fahlem, bedecktem Himmel lag das Meer in stumpfer Ruhe,verschrumpft gleichsam, mit nüchtern nahem Horizont und so weit vomStrande zurückgetreten, daß es mehrere Reihen langer Sandbänkefreiließ. Als Aschenbach sein Fenster öffnete, glaubte er den fauligenGeruch der Lagune zu spüren.
Verstimmung befiel ihn. Schon in diesem Augenblick dachte er anAbreise. Einmal, vor Jahren, hatte nach zwei heiteren Frühlingswochenhier dies Wetter ihn heimgesucht und sein Befinden so schwergeschädigt, daß er Venedig wie ein Fliehender hatte verlassen müssen.Stellte nicht schon wieder die fiebrige Unlust von damals, der Druckin den Schläfen, die Schwere der Augenlider sich ein? Noch einmal denAufenthalt zu wechseln würde lästig sein; wenn aber der Wind nichtumschlug, so war seines Bleibens hier nicht. Er packte zur Sicherheitnicht völlig aus. Um neun Uhr frühstückte er in dem hierfürvorbehaltenen Büfettzimmer zwischen Halle und Speisesaal.
In dem Raum herrschte die feierliche Stille, die zum Ehrgeiz dergroßen Hotels gehört. Die bedienenden Kellner gingen auf leisen Sohlenumher. Ein Klappern des Teegerätes, ein halbgeflüstertes Wort waralles, was man vernahm. In einem Winkel, schräg gegenüber der Tür undzwei Tische von seinem entfernt, bemerkte Aschenbach die polnischenMädchen mit ihrer Erzieherin. Sehr aufrecht, das aschblonde Haar neugeglättet und mit geröteten Augen, in steifen blauleinenen Kleidernmit kleinen weißen Fallkrägen und Manschetten saßen sie da undreichten einander ein Glas mit Eingemachtem. Sie waren mit ihremFrühstück fast fertig. Der Knabe fehlte.
Aschenbach lächelte. Nun kleiner Phäake! dachte er. Du scheinst vordiesen das Vorrecht beliebigen Ausschlafens zu genießen. Und plötzlichaufgeheitert rezitierte er bei sich selbst den Vers:
»Oft veränderten Schmuck und warme Bäder und Ruhe.«
Er frühstückte ohne Eile, empfing aus der Hand des Portiers, der mitgezogener Tressenmütze in den Saal kam, einige nachgesandte Post undöffnete, eine Zigarette rauchend, ein paar Briefe. So geschah es, daßer dem Eintritt des Langschläfers noch beiwohnte, den man dort drübenerwartete.
Er kam durch die Glastür und ging in der Stille schräg durch den Raumzum Tisch seiner Schwestern. Sein Gehen war sowohl in der Haltung desOberkörpers wie in der Bewegung der Kniee, dem Aufsetzen desweißbeschuhten Fußes von außerordentlicher Anmut, sehr leicht,zugleich zart und stolz und verschönt noch durch die kindlicheVerschämtheit, in welcher er zweimal unterwegs, mit einer Kopfwendungin den Saal, die Augen aufschlug und senkte. Lächelnd, mit einemhalblauten Wort in seiner weich verschwommenen Sprache nahm er seinenPlatz ein, und jetzt zumal, da er dem Schauenden sein genaues Profilzuwandte, erstaunte dieser aufs neue, ja erschrak über die wahrhaftgottähnliche Schönheit des Menschenkindes. Der Knabe trug heute einenleichten Blusenanzug aus blau und weiß gestreiftem Waschstoff mitrotseidener Masche auf der Brust und am Halse von einem einfachenweißen Stehkragen abgeschlossen. Auf diesem Kragen aber, der nichteinmal sonderlich elegant zum Charakter des Anzugs passen wollte,ruhte die Blüte des Hauptes in unvergleichlichem Liebreiz,--das Hauptdes Eros, vom gelblichen Schmelze parischen Marmors, mit feinen undernsten Brauen, Schläfen und Ohr vom rechtwinklig einspringendenGeringel des Haares dunkel und weich bedeckt.
Gut, gut, dachte Aschenbach mit jener fachmännisch kühlen Billigung,in welche Künstler zuweilen einem Meisterwerk gegenüber ihr Entzücken,ihre Hingerissenheit kleiden. Und weiter dachte er: Wahrhaftig,erwarteten mich nicht Meer und Strand, ich bliebe hier, so lange dubleibst! So aber ging er denn, ging unter den Aufmerksamkeiten desPersonals durch die Halle, die große Terrasse hinab und gerade ausüber den Brettersteg zum abgesperrten Strand der Hotelgäste. Er ließsich von dem barfüßigen Alten, der sich in Leinwandhose, Matrosenbluseund Strohhut dort unten als Bademeister tätig zeigte, die gemieteteStrandhütte zuweisen, ließ Tisch und Sessel hinaus auf die sandigbretterne Plattform stellen und machte sich's bequem in demLiegestuhl, den er weiter zum Meere hin in den wachsgelben Sandgezogen hatte.
Das Strandbild, dieser Anblick sorglos sinnlich genießender Kultur amRande des Elementes, unterhielt und erfreute ihn wie nur je. Schon wardie graue und flache See belebt von watenden Kindern, Schwimmern,bunten Gestalten, welche, die Arme unter dem Kopf verschränkt, auf denSandbänken lagen. Andere ruderten in kleinen rot und blau gestrichenenBooten ohne Kiel und kenterten lachend. Vor der gedehnten Zeile derCapannen, auf deren Plattformen man wie auf kleinen Veranden saß, gabes spielende Bewegung und träg hingestreckte Ruhe, Besuche undGeplauder, sorgfältige Morgeneleganz neben der Nacktheit, diekeck-behaglich die Freiheiten des Ortes genoß. Vorn auf dem feuchtenund festen Sande lustwandelten Einzelne in weißen Bademänteln, inweiten, starkfarbigen Hemdgewändern. Eine vielfältige Sandburg zurRechten, von Kindern hergestellt, war rings mit kleinen Flaggen in denFarben aller Länder besteckt. Verkäufer von Muscheln, Kuchen undFrüchten breiteten kniend ihre Waren aus. Links, vor einer der Hütten,die quer zur Reihe der übrigen und zum Meere standen und auf dieserSeite einen Abschluß des Strandes bildeten, kampierte eine russischeFamilie: Männer mit Bärten und großen Zähnen, mürbe und träge Frauen,ein baltisches Fräulein, das an einer Staffelei sitzend unter Ausrufender Verzweiflung das Meer malte, zwei gutmütig-häßliche Kinder, einealte Magd im Kopftuch und mit zärtlich unterwürfigen Sklavenmanieren.Dankbar genießend lebten sie dort, riefen unermüdlich die Namen derunfolgsam sich tummelnden Kinder, scherzten vermittelst wenigeritalienischer Worte lange mit dem humoristischen Alten, von dem sieZuckerwerk kauften, küßten einander auf die Wangen und kümmerten sichum keinen Beobachter ihrer menschlichen Gemeinschaft.
Ich will also bleiben, dachte Aschenbach. Wo wäre es besser? Und dieHände im Schoß gefaltet, ließ er seine Augen sich in den Weiten desMeeres verlieren, seinen Blick entgleiten, verschwimmen, sich brechenim eintönigen Dunst der Raumeswüste. Er liebte das Meer aus tiefenGründen: aus dem Ruheverlangen des schwer arbeitenden Künstlers, dervon der anspruchsvollen Vielgestalt der Erscheinungen an der Brust desEinfachen, Ungeheueren sich zu bergen begehrt; aus einem verbotenen,seiner Aufgabe gerade entgegengesetzten und eben darum verführerischenHange zum Ungegliederten, Maßlosen, Ewigen, zum Nichts. AmVollkommenen zu ruhen, ist die Sehnsucht dessen, der sich um dasVortreffliche müht; und ist nicht das Nichts eine Form desVollkommenen? Wie er nun aber so tief ins Leere träumte, wardplötzlich die Horizontale des Ufersaumes von einer menschlichenGestalt überschnitten, und als er seinen Blick aus dem Unbegrenzteneinholte und sammelte, da war es der schöne Knabe, der von linkskommend vor ihm im Sande vorüberging. Er ging barfuß, zum Watenbereit, die schlanken Beine bis über die Knie entblößt, langsam, aberso leicht und stolz, als sei er ohne Schuhwerk sich zu bewegen ganzgewöhnt, und schaute sich nach den querstehenden Hütten um. Kaum aberhatte er die russische Familie bemerkt, die dort in dankbarerEintracht ihr Wesen trieb, als ein Unwetter zorniger Verachtung seinGesicht überzog. Seine Stirn verfinsterte sich, sein Mund wardemporgehoben, von den Lippen nach einer Seite ging ein erbittertesZerren, daß die Wange zerriß, und seine Brauen waren so schwergerunzelt, daß unter ihrem Druck die Augen eingesunken schienen undböse und dunkel darunter hervor die Sprache des Hasses führten. Erblickte zu Boden, blickte noch einmal drohend zurück, tat dann mit derSchulter eine heftig wegwerfende Bewegung und ließ die Feinde imRücken.
Eine Art Zartgefühl oder Erschrockenheit, etwas wie Achtung und Scham,veranlaßte Aschenbach, sich abzuwenden, als ob er nichts gesehenhätte; denn dem ernsten Zufallsbeobachter der Leidenschaft widerstrebtes, von seinen Wahrnehmungen auch nur vor sich selber Gebrauch zumachen. Er war aber erheitert und erschüttert zugleich, das heißt:beglückt. Dieser kindische Fanatismus, gerichtet gegen das gutmütigsteStück Leben,--er stellte das Göttlich-Nichtssagende in menschlicheBeziehungen; er ließ ein kostbares Bildwerk der Natur, das nur zurAugenweide getaugt hatte, einer tieferen Teilnahme wert erscheinen;und er verlieh der ohnehin durch Schönheit bedeutenden Gestalt desHalbwüchsigen eine politisch-geschichtliche Folie, die gestattete, ihnüber seine Jahre ernst zu nehmen.