威尼斯之死 德文版 Der Tod in Venedig
托马斯.曼 Thomas Mann
Drittes Kapitel Page 1

 

Mehrere Geschäfte weltlicher und literarischer Natur hielten denReiselustigen noch etwa zwei Wochen nach jenem Spaziergang in Münchenzurück. Er gab endlich Auftrag, sein Landhaus binnen vier Wochen zumEinzuge instandzusetzen und reiste an einem Tage zwischen Mitte undEnde des Mai mit dem Nachtzuge nach Triest, wo er nur vierundzwanzigStunden verweilte und sich am nächstfolgenden Morgen nach Polaeinschiffte. Was er suchte, war das Fremdartige und Bezuglose,welches jedoch rasch zu erreichen wäre, und so nahm er Aufenthalt aufeiner seit einigen Jahren gerühmten Insel der Adria, unfern deristrischen Küste gelegen, mit farbig zerlumptem, in wildfremden Lautenredendem Landvolk und schön zerrissenen Klippenpartien dort, wo dasMeer offen war. Allein Regen und schwere Luft, eine kleinweltliche,geschlossen österreichische Hotelgesellschaft und der Mangel jenesruhevoll innigen Verhältnisses zum Meere, das nur ein sanfter,sandiger Strand gewährt, verdrossen ihn, ließen ihn nicht dasBewußtsein gewinnen, den Ort seiner Bestimmung getroffen zu haben; einZug seines Innern, ihm war noch nicht deutlich, wohin, beunruhigteihn, er studierte Schiffsverbindungen, er blickte suchend umher, undauf einmal, zugleich überraschend und selbstverständlich, stand ihmsein Ziel vor Augen. Wenn man über Nacht das Unvergleichliche, dasmärchenhaft Abweichende zu erreichen wünschte, wohin ging man? Aberdas war klar. Was sollte er hier? Er war fehlgegangen. Dorthin hatteer reisen wollen. Er säumte nicht, den irrigen Aufenthalt zu kündigen.Anderthalb Wochen nach seiner Ankunft auf der Insel trug eingeschwindes Motorboot ihn und sein Gepäck in dunstiger Frühe über dieWasser in den Kriegshafen zurück, und er ging dort nur an Land, umsogleich über einen Brettersteg das feuchte Verdeck eines Schiffes zubeschreiten, das unter Dampf zur Fahrt nach Venedig lag.

Es war ein betagtes Fahrzeug italienischer Nationalität, veraltet,rußig und düster. In einer höhlenartigen, künstlich erleuchteten Kojedes inneren Raumes, wohin Aschenbach sofort nach Betreten des Schiffesvon einem buckligen und unreinlichen Matrosen mit grinsenderHöflichkeit genötigt wurde, saß hinter einem Tische, den Hut schief inder Stirn und einen Zigarettenstummel im Mundwinkel, einziegenbärtiger Mann von der Physiognomie eines altmodischenZirkusdirektors, der mit grimassenhaft leichtem Geschäftsgebaren diePersonalien der Reisenden aufnahm und ihnen die Fahrscheineausstellte. »Nach Venedig!« wiederholte er Aschenbachs Ansuchen, indemer den Arm reckte und die Feder in den breiigen Restinhalt einesschräg geneigten Tintenfasses stieß. »Nach Venedig erster Klasse! Siesind bedient, mein Herr!« Und er schrieb große Krähenfüße, streute auseiner Büchse blauen Sand auf die Schrift, ließ ihn in eine tönerneSchale ablaufen, faltete das Papier mit gelben und knochigen Fingernund schrieb aufs neue. »Ein glücklich gewähltes Reiseziel!« schwatzteer unterdessen. »Ah, Venedig! Eine herrliche Stadt! Eine Stadt vonunwiderstehlicher Anziehungskraft für den Gebildeten, ihrer Geschichtesowohl wie ihrer gegenwärtigen Reize wegen!« Die glatte Raschheitseiner Bewegungen und das leere Gerede, womit er sie begleitete,hatten etwas Betäubendes und Ablenkendes, etwa als besorgte er, derReisende möchte in seinem Entschluß, nach Venedig zu fahren, nochwankend werden. Er kassierte eilig und ließ mit Croupiergewandtheitden Differenzbetrag auf den fleckigen Tuchbezug des Tisches fallen.»Gute Unterhaltung, mein Herr!« sagte er mit schauspielerischerVerbeugung. »Es ist mir eine Ehre, Sie zu befördern... Meine Herren!«rief er sogleich mit erhobenem Arm und tat, als sei das Geschäft imflottesten Gange, obgleich niemand mehr da war, der nach Abfertigungverlangt hätte. Aschenbach kehrte auf das Verdeck zurück.

Einen Arm auf die Brüstung gelehnt, betrachtete er das müßige Volk,das, der Abfahrt des Schiffes beizuwohnen, am Quai lungerte, und diePassagiere an Bord. Diejenigen der zweiten Klasse kauerten, Männer undWeiber, auf dem Vorderdeck, indem sie Kisten und Bündel als Sitzebenutzten. Eine Gruppe junger Leute bildete die Reisegesellschaft desersten Verdecks, Polenser Handelsgehülfen, wie es schien, die sich inangeregter Laune zu einem Ausflug nach Italien vereinigt hatten. Siemachten nicht wenig Aufhebens von sich und ihrem Unternehmen,schwatzten, lachten, genossen selbstgefällig das eigene Gebärdenspielund riefen den Kameraden, die, Portefeuilles unterm Arm, in Geschäftendie Hafenstraße entlang gingen und den Feiernden mit dem Stöckchendrohten, über das Geländer gebeugt, zungengeläufige Spottreden nach.Einer, in hellgelbem, übermodisch geschnittenem Sommeranzug, roterKrawatte und kühn aufgebogenem Panama, tat sich mit krähender Stimmean Aufgeräumtheit vor allen andern hervor. Kaum aber hatte Aschenbachihn genauer ins Auge gefaßt, als er mit einer Art von Entsetzenerkannte, daß der Jüngling falsch war. Er war alt, man konnte nichtzweifeln. Runzeln umgaben ihm Augen und Mund. Das matte Karmesin derWangen war Schminke, das braune Haar unter dem farbig umwundenenStrohhut Perücke, sein Hals verfallen und sehnig, sein aufgesetztesSchnurrbärtchen und die Fliege am Kinn gefärbt, sein gelbes undvollzähliges Gebiß, das er lachend zeigte, ein billiger Ersatz, undseine Hände, mit Siegelringen an beiden Zeigefingern, waren die einesGreises. Schauerlich angemutet sah Aschenbach ihm und seinerGemeinschaft mit den Freunden zu. Wußten, bemerkten sie nicht, daß eralt war, daß er zu Unrecht ihre stutzerhafte und bunte Kleidung trug,zu Unrecht einen der Ihren spielte? Selbstverständlich undgewohnheitsmäßig, wie es schien, duldeten sie ihn in ihrer Mitte,behandelten ihn als ihresgleichen, erwiderten ohne Abscheu seineneckischen Rippenstöße. Wie ging das zu? Aschenbach bedeckte seineStirn mit der Hand und schloß die Augen, die heiß waren, da er zuwenig geschlafen hatte. Ihm war, als lasse nicht alles sich ganzgewöhnlich an, als beginne eine träumerische Entfremdung, eineEntstellung der Welt ins Sonderbare um sich zu greifen, der vielleichtEinhalt zu tun wäre, wenn er sein Gesicht ein wenig verdunkelte undaufs neue um sich schaute. In diesem Augenblick jedoch berührte ihndas Gefühl des Schwimmens, und mit unvernünftigem Erschreckenaufsehend, gewahrte er, daß der schwere und düstere Körper desSchiffes sich langsam vom gemauerten Ufer löste. Zollweise, unter demVorwärts-und Rückwärtsarbeiten der Maschine, verbreitete sich derStreifen schmutzig schillernden Wassers zwischen Quai und Schiffswand,und nach schwerfälligen Manövern kehrte der Dampfer seinen Bugsprietdem offenen Meere zu. Aschenbach ging nach der Steuerbordseitehinüber, wo der Bucklige ihm einen Liegestuhl aufgeschlagen hatte undein Steward in fleckigem Frack nach seinen Befehlen fragte.

Der Himmel war grau, der Wind feucht; Hafen und Inseln warenzurückgeblieben, und rasch verlor sich aus dem dunstigenGesichtskreise alles Land. Flocken von Kohlenstaub gingen, gedunsenvon Nässe, auf das gewaschene Deck nieder, das nicht trocknen wollte.Schon nach einer Stunde spannte man ein Segeldach aus, da es zu regnenbegann.

In seinen Mantel geschlossen, ein Buch im Schoße, ruhte der Reisende,und die Stunden verrannen ihm unversehens. Es hatte zu regnenaufgehört; man entfernte das leinene Dach. Der Horizont warvollkommen. Unter der breiten Kuppel des Himmels dehnte sich rings dieungeheure Scheibe des öden Meeres; aber im leeren, ungegliedertenRaume fehlt unserem Sinn auch das Maß der Zeit, und wir dämmern imUngemessenen. Schattenhaft sonderbare Gestalten, der greise Geck, derZiegenbart aus dem Schiffsinnern, gingen mit unbestimmten Gebärden,mit verwirrten Traumworten durch den Geist des Ruhenden, und erschlief ein.

Um Mittag nötigte man ihn hinab, damit er in dem korridorartigenSpeisesaal, auf den die Türen der Schlafkojen mündeten, zu Häupteneines langen Tisches, an dessen unterem Ende die Handelsgehülfen,einschließlich des Alten, seit zehn Uhr mit dem munteren Kapitänpokulierten, die bestellte Mahlzeit nähme. Sie war armselig, und erbeendete sie rasch. Es trieb ihn ins Freie, nach dem Himmel zu sehen:ob er denn nicht über Venedig sich erhellen wollte.

Er hatte nicht anders gedacht, als daß dies geschehen müsse, dennstets hatte die Stadt ihn im Glanze empfangen. Aber Himmel und Meerblieben trüb und bleiern, zeitweilig ging neblichter Regen nieder, under fand sich darein, auf dem Wasserwege ein anderes Venedig zuerreichen, als er, zu Lande sich nähernd, je angetroffen hatte. Erstand am Fockmast, den Blick im Weiten, das Land erwartend. Ergedachte des schwermütig-enthusiastischen Dichters, dem vormals dieKuppeln und Glockentürme seines Traumes aus diesen Fluten gestiegenwaren, er wiederholte im Stillen einiges von dem, was damals anEhrfurcht, Glück und Trauer zu maßvollem Gesange geworden, und vonschon gestalteter Empfindung mühelos bewegt, prüfte er sein ernstesund müdes Herz, ob eine erneuernde Begeisterung und Verwirrung, einspätes Abenteuer des Gefühles dem fahrenden Müßiggänger vielleichtnoch vorbehalten sein könne.

Da tauchte zur Rechten die flache Küste auf, Fischerboote belebten dasMeer, die Bäderinsel erschien, der Dampfer ließ sie zur Linken, glittverlangsamten Ganges durch den schmalen Port, der nach ihr benanntist, und auf der Lagune, angesichts bunt armseliger Behausungen hielter ganz, da die Barke des Sanitätsdienstes erwartet werden mußte.

Eine Stunde verging, bis sie erschien. Man war angekommen und war esnicht; man hatte keine Eile und fühlte sich doch von Ungeduldgetrieben. Die jungen Polenser, patriotisch angezogen auch wohl vonden militärischen Hornsignalen, die aus der Gegend der öffentlichenGärten her über das Wasser klangen, waren auf Deck gekommen, und, vomAsti begeistert, brachten sie Lebehochs auf die drüben exerzierendenBersaglieri aus. Aber widerlich war es zu sehen, in welchen Zustandden aufgestutzten Greisen seine falsche Gemeinschaft mit der Jugendgebracht hatte. Sein altes Hirn hatte dem Weine nicht wie diejugendlich rüstigen Stand zu halten vermocht, er war kläglichbetrunken. Verblödeten Blicks, eine Zigarette zwischen den zitterndenFingern, schwankte er, mühsam das Gleichgewicht haltend, auf derStelle, vom Rausche vorwärts und rückwärts gezogen. Da er beim erstenSchritte gefallen wäre, getraute er sich nicht vom Fleck, doch zeigteer einen jammervollen Übermut, hielt jeden, der sich ihm näherte, amKnopfe fest, lallte, zwinkerte, kicherte, hob seinen beringten,runzeligen Zeigefinger zu alberner Neckerei und leckte auf abscheulichzweideutige Art mit der Zungenspitze die Mundwinkel. Aschenbach sahihm mit finsteren Brauen zu, und wiederum kam ein Gefühl vonBenommenheit ihn an, so, als zeige die Welt eine leichte, doch nichtzu hemmende Neigung, sich ins Sonderbare und Fratzenhafte zuentstellen; ein Gefühl, dem nachzuhängen freilich die Umstände ihnabhielten, da eben die stampfende Tätigkeit der Maschine aufs neuebegann und das Schiff seine so nah dem Ziel unterbrochene Fahrt durchden Kanal von San Marco wieder aufnahm. So sah er ihn denn wieder,den erstaunlichsten Landungsplatz, jene blendende Kompositionphantastischen Bauwerks, welche die Republik den ehrfürchtigen Blickennahender Seefahrer entgegenstellte: die leichte Herrlichkeit desPalastes und die Seufzerbrücke, die Säulen mit Löw' und Heiligem amUfer, die prunkend vortretende Flanke des Märchentempels, denDurchblick auf Torweg und Riesenuhr, und anschauend bedachte er, daßzu Lande, auf dem Bahnhof in Venedig anlangen, einen Palast durch eineHintertür betreten heiße, und daß man nicht anders als wie nun er, alszu Schiffe, als über das hohe Meer die unwahrscheinlichste der Städteerreichen sollte.

Die Maschine stoppte, Gondeln drängten herzu, die Fallreepstreppe wardherabgelassen, Zollbeamte stiegen an Bord und walteten obenhin ihresAmtes; die Ausschiffung konnte beginnen. Aschenbach gab zu verstehen,daß er eine Gondel wünsche, die ihn und sein Gepäck zur Station jenerkleinen Dampfer bringen solle, welche zwischen der Stadt und dem Lidoverkehren; denn er gedachte am Meere Wohnung zu nehmen. Man billigtsein Vorhaben, man schreit seinen Wunsch zur Wasserfläche hinab, wodie Gondelführer im Dialekt mit einander zanken. Er ist nochgehindert, hinabzusteigen, sein Koffer hindert ihn, der eben mitMühsal die leiterartige Treppe hinunter gezerrt und geschleppt wird.So sieht er sich minutenlang außerstande, den Zudringlichkeiten desschauderhaften Alten zu entkommen, den die Trunkenheit dunkelantreibt, dem Fremden Abschiedshonneurs zu machen. »Wir wünschen denglücklichsten Aufenthalt«, meckert er unter Kratzfüßen. »Man empfiehltsich geneigter Erinnerung! Au revoir, excusez und bon jour, EuerExzellenz!« Sein Mund wässert, er drückt die Augen ein, er leckt dieMundwinkel, und die gefärbte Bartfliege an seiner Greisenlippe sträubtsich empor. »Unsere Komplimente«, lallt er, zwei Fingerspitzen amMunde, »unsere Komplimente dem Liebchen, dem allerliebsten, demschönsten Liebchen...« Und plötzlich fällt ihm das falsche Obergebißvom Kiefer auf die Unterlippe. Aschenbach konnte entweichen. »DemLiebchen, dem feinen Liebchen«, hörte er in girrenden, hohlen undbehinderten Lauten in seinem Rücken, während er, am Strickgeländersich haltend, die Fallreepstreppe hinabklomm.

Wer hätte nicht einen flüchtigen Schauder, eine geheime Scheu undBeklommenheit zu bekämpfen gehabt, wenn es zum ersten Male oder nachlanger Entwöhnung galt, eine venezianische Gondel zu besteigen? Dasseltsame Fahrzeug, aus balladesken Zeiten ganz unverändert überkommenund so eigentümlich schwarz, wie sonst unter allen Dingen nur Särgesind, es erinnert an lautlose und verbrecherische Abenteuer inplätschernder Nacht, es erinnert noch mehr an den Tod selbst, an Bahreund düsteres Begängnis und letzte, schweigsame Fahrt. Und hat manbemerkt, daß der Sitz einer solchen Barke, dieser sargschwarzlackierte, mattschwarz gepolsterte Armstuhl, der weichste, üppigste,der erschlaffendste Sitz von der Welt ist? Aschenbach ward es gewahr,als er zu Füßen des Gondoliers, seinem Gepäck gegenüber, das amSchnabel reinlich beisammen lag, sich niedergelassen hatte. DieRuderer zankten immer noch, rauh, unverständlich, mit drohendenGebärden. Aber die besondere Stille der Wasserstadt schien ihreStimmen sanft aufzunehmen, zu entkörpern, über der Flut zu zerstreuen.Es war warm hier im Hafen. Lau angerührt vom Hauch des Scirocco, aufdem nachgiebigen Element in Kissen gelehnt, schloß der Reisende dieAugen im Genuß einer so ungewohnten als süßen Lässigkeit. Die Fahrtwird kurz sein, dachte er; möchte sie immer währen! In leisemSchwanken fühlte er sich dem Gedränge, dem Stimmengewirr entgleiten.

Wie still und stiller es um ihn wurde! Nichts war zu vernehmen als dasPlätschern des Ruders, das hohle Aufschlagen der Wellen gegen denSchnabel der Barke, der steil, schwarz und an der Spitzehellebardenartig bewehrt über dem Wasser stand und noch ein Drittes,ein Reden, ein Raunen,--das Flüstern des Gondoliers, der zwischen denZähnen, stoßweise, in Lauten, die von der Arbeit seiner Arme gepreßtwaren, zu sich selber sprach. Aschenbach blickte auf, und mit leichterBefremdung gewahrte er, daß um ihn her die Lagune sich weitete undseine Fahrt dem offenen Meere zugekehrt war. Es schien folglich, daßer nicht allzu sehr ruhen dürfe, sondern auf den Vollzug seinesWillens ein wenig bedacht sein müsse.

--Zur Dampferstation also! sagte er mit einer halben Wendungrückwärts. Das Raunen verstummte. Er erhielt keine Antwort.

--Zur Dampferstation also! wiederholte er, indem er sich vollendsumwandte und in das Gesicht des Gondoliers emporblickte, der hinterihm, auf erhöhtem Borde stehend, vor dem fahlen Himmel aufragte. Eswar ein Mann von ungefälliger, ja brutaler Physiognomie, seemännischblau gekleidet, mit einer gelben Schärpe gegürtet und einen formlosenStrohhut, dessen Geflecht sich aufzulösen begann, verwegen schief aufdem Kopfe. Seine Gesichtsbildung, sein blonder, lockiger Schnurrbartunter der kurz aufgeworfenen Nase ließen ihn durchaus nichtitalienischen Schlages erscheinen. Obgleich eher schmächtig vonLeibesbeschaffenheit, so daß man ihn für seinen Beruf nicht sonderlichgeschickt geglaubt hätte, führte er das Ruder, bei jedem Schlage denganzen Körper einsetzend, mit großer Energie. Ein paarmal zog er vorAnstrengung die Lippen zurück und entblößte seine weißen Zähne. Dierötlichen Brauen gerunzelt, blickte er über den Gast hinweg, indem erbestimmten, fast groben Tones erwiderte:

--Sie fahren zum Lido.

Aschenbach entgegnete:

--Allerdings. Aber ich habe die Gondel nur genommen, um mich nach SanMarco übersetzen zu lassen. Ich wünsche den Vaporetto zu benutzen.

--Sie können den Vaporetto nicht benutzen, mein Herr.

--Und warum nicht?

--Weil der Vaporetto kein Gepäck befördert.

Das war richtig; Aschenbach erinnerte sich. Er schwieg. Aber dieschroffe, überhebliche, einem Fremden gegenüber so wenig landesüblicheArt des Menschen schien unleidlich. Er sagte:

--Das ist meine Sache. Vielleicht will ich mein Gepäck in Verwahrunggeben. Sie werden umkehren. Er blieb still. Das Ruder plätscherte,das Wasser schlug dumpf an den Bug. Und das Reden und Raunen begannwieder: der Gondolier sprach zwischen den Zähnen mit sich selbst.

Was war zu tun? Allein auf der Flut mit dem sonderbar unbotmäßigen,unheimlich entschlossenen Menschen, sah der Reisende kein Mittel,seinen Willen durchzusetzen. Wie weich er übrigens ruhen durfte, wenner sich nicht empörte. Hatte er nicht gewünscht, daß die Fahrt lange,daß sie immer dauern möge? Es war das Klügste, den Dingen ihren Laufzu lassen, und es war hauptsächlich höchst angenehm. Ein Bann derTrägheit schien auszugehen von seinem Sitz, von diesem niedrigen,schwarzgepolsterten Armstuhl, so sanft gewiegt von den Ruderschlägendes eigenmächtigen Gondoliers in seinem Rücken. Die Vorstellung, einemVerbrecher in die Hände gefallen zu sein, streifte träumerischAschenbachs Sinn,--unvermögend, seine Gedanken zu tätiger Abwehraufzurufen. Verdrießlicher schien die Möglichkeit, daß alles aufsimple Geldschneiderei angelegt sei. Eine Art Pflichtgefühl oderStolz, die Erinnerung gleichsam, daß man dem vorbeugen müsse,vermochte ihn, sich noch einmal aufzuraffen. Er fragte:

--Was fordern Sie für die Fahrt?

Und über ihn hinsehend antwortete der Gondolier:

--Sie werden bezahlen.

Es stand fest, was hierauf zurückzugeben war. Aschenbach sagtemechanisch:

--Ich werde nichts bezahlen, durchaus nichts, wenn Sie mich fahren,wohin ich nicht will.

--Sie wollen zum Lido.

--Aber nicht mit Ihnen.

--Ich fahre Sie gut.

Das ist wahr, dachte Aschenbach und spannte sich ab. Das ist wahr, dufährst mich gut. Selbst, wenn du es auf meine Barschaft abgesehen hastund mich hinterrücks mit einem Ruderschlage ins Haus des Aidesschickst, wirst du mich gut gefahren haben. Allein nichts dergleichengeschah. Sogar Gesellschaft stellte sich ein, ein Boot mitmusikalischen Wegelagerern, Männern und Weibern, die zur Guitarre,zur Mandoline sangen, aufdringlich Bord an Bord mit der Gondel fuhrenund die Stille über den Wassern mit ihrer gewinnsüchtigenFremdenpoesie erfüllten. Aschenbach warf Geld in den hingehaltenenHut. Sie schwiegen dann und fuhren davon. Und das Flüstern desGondoliers war wieder wahrnehmbar, der stoßweise und abgerissen mitsich selber sprach.

 

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