威尼斯之死 德文版 Der Tod in Venedig
托马斯.曼 Thomas Mann
Zweites Kapitel

 

Der Autor der klaren und mächtigen Prosa-Epopöe vom Leben Friedrichsvon Preußen; der geduldige Künstler, der in langem Fleiß denfigurenreichen, so vielerlei Menschenschicksal im Schatten einer Ideeversammelnden Romanteppich, »Maja« mit Namen, wob; der Schöpferjener starken Erzählung, die »Ein Elender« überschrieben ist und einerganzen dankbaren Jugend die Möglichkeit sittlicher Entschlossenheitjenseits der tiefsten Erkenntnis zeigte; der Verfasser endlich (unddamit sind die Werke seiner Reifezeit kurz bezeichnet) derleidenschaftlichen Abhandlung über »Geist und Kunst«, derenordnende Kraft und antithetische Beredsamkeit ernste Beurteilervermochte, sie unmittelbar neben Schillers Raisonnement über naiveund sentimentalische Dichtung zu stellen: Gustav Aschenbach also warzu L., einer Kreisstadt der Provinz Schlesien, als Sohn eines höherenJustizbeamten geboren. Seine Vorfahren waren Offiziere, Richter,Verwaltungsfunktionäre gewesen, Männer, die im Dienste des Königs, desStaates, ihr straffes, anständig karges Leben geführt hatten. InnigereGeistigkeit hatte sich einmal, in der Person eines Predigers, unterihnen verkörpert; rascheres, sinnlicheres Blut war der Familie in dervorigen Generation durch die Mutter des Dichters, Tochter einesböhmischen Kapellmeisters, zugekommen. Von ihr stammten die Merkmalefremder Rasse in seinem Äußern. Die Vermählung dienstlich nüchternerGewissenhaftigkeit mit dunkleren, feurigeren Impulsen ließ einenKünstler und diesen besonderen Künstler erstehen. Da sein ganzesWesen auf Ruhm gestellt war, zeigte er sich, wenn nicht eigentlichfrüh reif, so doch, dank der Entschiedenheit und persönlichen Prägnanzseines Tonfalls früh für die Öffentlichkeit reif und geschickt. Beinahenoch Gymnasiast, besaß er einen Namen. Zehn Jahre später hatteer gelernt, von seinem Schreibtische aus zu repräsentieren, seinenRuhm zu verwalten in einem Briefsatz, der kurz sein mußte (denn vieleAnsprüche drängen auf den Erfolgreichen, den Vertrauenswürdigen ein),gütig und bedeutend zu sein. Der Vierziger hatte, ermattet von denStrapazen und Wechselfällen der eigentlichen Arbeit, alltäglich einePost zu bewältigen, die Wertzeichen aus aller Herren Ländern trug.

Ebensoweit entfernt vom Banalen wie vom Exzentrischen, war sein Talentgeschaffen, den Glauben des breiten Publikums und die bewundernde,fordernde Teilnahme der Wählerischen zugleich zu gewinnen. So, schonals Jüngling von allen Seiten auf die Leistung--und zwar dieaußerordentliche--verpflichtet, hatte er niemals den Müßiggang,niemals die Fahrlässigkeit der Jugend gekannt. Als er um seinfünfunddreißigstes Jahr in Wien erkrankte, äußerte ein feiner Beobachterüber ihn in Gesellschaft: »Sehen Sie, Aschenbach hat von jeher nur sogelebt«--und der Sprecher schloß die Finger seiner Linken fest zurFaust--; »niemals so«--und er ließ die geöffnete Hand bequemvon der Lehne des Sessels hängen. Das traf zu; und dasTapfer-Sittliche daran war, daß seine Natur von nichts weniger alsrobuster Verfassung und zur ständigen Anspannung nur berufen, nichteigentlich geboren war.

Ärztliche Fürsorge hatte den Knaben vom Schulbesuch ausgeschlossenund auf häuslichen Unterricht gedrungen. Einzeln, ohne Kameradschaftwar er aufgewachsen und hatte doch zeitig erkennen müssen, daß ereinem Geschlecht angehörte, in dem nicht das Talent, wohl aber diephysische Basis eine Seltenheit war, deren das Talent zu seinerErfüllung bedarf,--einem Geschlechte, das früh sein Bestes zu gebenpflegt und in dem das Können es selten zu Jahren bringt. Aber seinLieblingswort war »Durchhalten«,--er sah in seinem Friedrich-Romannichts anderes als die Apotheose dieses Befehlswortes, das ihm als derInbegriffleitend-tätiger Tugend erschien. Auch wünschte er sehnlichst,alt zu werden, denn er hatte von jeher dafür gehalten, daß wahrhaftgroß, umfassend, ja wahrhaft ehrenwert nur das Künstlertum zu nennensei, dem es beschieden war, auf allen Stufen des Menschlichencharakteristisch fruchtbar zu sein.

Da er also die Aufgaben, mit denen sein Talent ihn belud, auf zartenSchultern tragen und weit gehen wollte, so bedurfte er höchlich derZucht,--und Zucht war ja zum Glücke sein eingeborenes Erbteil vonväterlicher Seite. Mit vierzig, mit fünfzig Jahren wie schon in einemAlter, wo andere verschwenden, schwärmen, die Ausführung großer Plänegetrost verschieben, begann er seinen Tag beizeiten mit Stürzenkalten Wassers über Brust und Rücken und brachte dann, ein Paar hoherWachskerzen in silbernen Leuchtern zu Häupten des Manuskripts, dieKräfte, die er im Schlaf gesammelt, in zwei oder drei inbrünstiggewissenhaften Morgenstunden der Kunst zum Opfer dar. Es warverzeihlich, ja, es bedeutete recht eigentlich den Sieg seinerMoralität, wenn Unkundige die Maja-Welt oder die epischen Massen,in denen sich Friedrichs Heldenleben entrollte, für das Erzeugnisgedrungener Kraft und eines langen Atems hielten, während sie vielmehrin kleinen Tagewerken aus hundert Einzelinspirationen zur Größeemporgeschichtet und nur darum so durchaus und an jedem Punktevortrefflich waren, weil ihr Schöpfer mit einer Willensdauer undZähigkeit, derjenigen ähnlich, die seine Heimatprovinz eroberte,jahrelang unter der Spannung eines und desselben Werkes ausgehaltenund an die eigentliche Herstellung ausschließlich seine stärksten undwürdigsten Stunden gewandt hatte.

Damit ein bedeutendes Geistesprodukt auf der Stelle eine breite undtiefe Wirkung zu üben vermöge, muß eine tiefe Verwandtschaft, jaÜbereinstimmung zwischen dem persönlichen Schicksal seines Urhebersund dem allgemeinen des mitlebenden Geschlechtes bestehen. DieMenschen wissen nicht, warum sie einem Kunstwerk Ruhm bereiten. Weitentfernt von Kennerschaft, glauben sie hundert Vorzüge daran zuentdecken, um so viel Teilnahme zu rechtfertigen; aber dereigentliche Grund ihres Beifalls ist ein Unwägbares, ist Sympathie.Aschenbach hatte es einmal an wenig sichtbarer Stelle unmittelbarausgesprochen, daß beinahe alles Große, was dastehe, als ein Trotzdemdastehe, trotz Kummer und Qual, Armut, Verlassenheit, Körperschwäche,Laster, Leidenschaft und tausend Hemmnissen zustande gekommen sei.Aber das war mehr als eine Bemerkung, es war eine Erfahrung, wargeradezu die Formel seines Lebens und Ruhmes, der Schlüssel zu seinemWerk; und was Wunder also, wenn es auch der sittliche Charakter, dieäußere Gebärde seiner eigentümlichsten Figuren war?

Über den neuen, in mannigfach individuellen Erscheinungenwiederkehrenden Heldentyp, den dieser Schriftsteller bevorzugte, hatteschon frühzeitig ein kluger Zergliederer geschrieben: daß er dieKonzeption »einer intellektuellen und jünglinghaften Männlichkeit«sei, »die in stolzer Scham die Zähne aufeinanderbeißt und ruhigdasteht, während ihr die Schwerter und Speere durch den Leib gehen«.Das war schön, geistreich und exakt, trotz seiner scheinbar allzupassivischen Prägung. Denn Haltung im Schicksal, Anmut in der Qualbedeutet nicht nur ein Dulden; sie ist eine aktive Leistung, einpositiver Triumph, und die Sebastian-Gestalt ist das schönsteSinnbild, wenn nicht der Kunst überhaupt, so doch gewiß der in Redestehenden Kunst. Blickte man hinein in diese erzählte Welt, sah mandie elegante Selbstbeherrschung, die bis zum letzten Augenblick eineinnere Unterhöhlung, den biologischen Verfall vor den Augen der Weltverbirgt; die gelbe, sinnlich benachteiligte Häßlichkeit, die esvermag, ihre schwelende Brunst zur reinen Flamme zu entfachen, ja,sich zur Herrschaft im Reiche der Schönheit aufzuschwingen; diebleiche Ohnmacht, welche aus den glühenden Tiefen des Geistes dieKraft holt, ein ganzes übermütiges Volk zu Füßen des Kreuzes, zu_ihren_ Füßen niederzuwerfen; die liebenswürdige Haltung im leeren undstrengen Dienste der Form; das falsche, gefährliche Leben, die raschentnervende Sehnsucht und Kunst des gebornen Betrügers: betrachteteman all dies Schicksal und wieviel gleichartiges noch, so konnte manzweifeln, ob es überhaupt einen anderen Heroismus gäbe, als denjenigender Schwäche. Welches Heldentum aber jedenfalls wäre zeitgemäßer alsdieses? Gustav Aschenbach war der Dichter all derer, die am Rande derErschöpfung arbeiten, der Überbürdeten, schon Aufgeriebenen, sich nochAufrechthaltenden, all dieser Moralisten der Leistung, die, schmächtigvon Wuchs und spröde von Mitteln, durch Willensverzückung und klugeVerwaltung sich wenigstens eine Zeitlang die Wirkungen der Größeabgewinnen. Ihrer sind viele, sie sind die Helden des Zeitalters. Undsie alle erkannten sich wieder in seinem Werk, sie fanden sichbestätigt, erhoben, besungen darin, sie wußten ihm Dank, sieverkündeten seinen Namen.

Er war jung und roh gewesen mit der Zeit und, schlecht beraten vonihr, war er öffentlich gestrauchelt, hatte Mißgriffe getan, sichbloßgestellt, Verstöße gegen Takt und Besonnenheit begangen in Wortund Werk. Aber er hatte die Würde gewonnen, nach welcher, wie erbehauptete, jedem großen Talente ein natürlicher Drang und Stacheleingeboren ist, ja, man kann sagen, daß seine ganze Entwicklung einbewußter und trotziger, alle Hemmungen des Zweifels und der Ironiezurücklassender Aufstieg zur Würde gewesen war.

Lebendige, geistig unverbindliche Greifbarkeit der Gestaltung bildetdas Ergötzen der bürgerlichen Massen, aber leidenschaftlich unbedingteJugend wird nur durch das Problematische gefesselt: und Aschenbachwar problematisch, war unbedingt gewesen wie nur irgendein Jüngling.Er hatte dem Geiste gefrönt, mit der Erkenntnis Raubbau getrieben,Saatfrucht vermahlen, Geheimnisse preisgegeben, das Talentverdächtigt, die Kunst verraten,--ja, während seine Bildwerke diegläubig Genießenden unterhielten, erhoben, belebten, hatte er, derjugendliche Künstler, die Zwanzigjährigen durch seine Zynismen überdas fragwürdige Wesen der Kunst, des Künstlertums selbst in Atemgehalten.

Aber es scheint, daß gegen nichts ein edler und tüchtiger Geist sichrascher, sich gründlicher abstumpft als gegen den scharfen undbitteren Reiz der Erkenntnis; und gewiß ist, daß die schwermütiggewissenhafteste Gründlichkeit des Jünglings Seichtheit bedeutet imVergleich mit dem tiefen Entschlusse des Meister gewordenen Mannes,das Wissen zu leugnen, es abzulehnen, erhobenen Hauptes darüberhinwegzusehen, sofern es den Willen, die Tat, das Gefühl und selbstdie Leidenschaft im Geringsten zu lähmen, zu entmutigen, zuentwürdigen geeignet ist. Wie wäre die berühmte Erzählung vom»Elenden« wohl anders zu deuten denn als Ausbruch des Ekels gegenden unanständigen Psychologismus der Zeit, verkörpert in der Figurjenes weichen und albernen Halbschurken, der sich ein Schicksalerschleicht, indem er sein Weib, aus Ohnmacht, aus Lasterhaftigkeit,aus ethischer Velleität, in die Arme eines Unbärtigen treibt und ausTiefe Nichtswürdigkeiten begehen zu dürfen glaubt? Die Wucht des Wortes,mit welchem hier das Verworfene verworfen wurde, verkündete die Abkehrvon allem moralischen Zweifelsinn, von jeder Sympathie mit dem Abgrund,die Absage an die Laxheit des Mitleidssatzes, daß alles verstehenalles verzeihen heiße, und was sich hier vorbereitete, ja schon vollzog,war jenes »Wunder der wiedergeborenen Unbefangenheit«, aufwelches ein wenig später in einem der Dialoge des Autors ausdrücklichund nicht ohne geheimnisvolle Betonung die Rede kam. SeltsameZusammenhänge! War es eine geistige Folge dieser »Wiedergeburt«,dieser neuen Würde und Strenge, daß man um dieselbe Zeit ein fastübermäßiges Erstarken seines Schönheitssinnes beobachtete, jeneadelige Reinheit, Einfachheit und Ebenmäßigkeit der Formgebung,welche seinen Produkten fortan ein so sinnfälliges, ja gewolltesGepräge der Meisterlichkeit und Klassizität verlieh? Aber moralischeEntschlossenheit jenseits des Wissens, der auflösenden und hemmendenErkenntnis,--bedeutet sie nicht wiederum eine Vereinfachung, einesittliche Vereinfältigung der Welt und der Seele und also auch einErstarken zum Bösen, Verbotenen, zum sittlich Unmöglichen? Und hatForm nicht zweierlei Gesicht? Ist sie nicht sittlich und unsittlichzugleich,--sittlich als Ergebnis und Ausdruck der Zucht, unsittlichaber und selbst widersittlich, sofern sie von Natur eine moralischeGleichgültigkeit in sich schließt, ja, wesentlich bestrebt ist, dasMoralische unter ihr stolzes und unumschränktes Szepter zu beugen?

Wie dem auch sei! Eine Entwicklung ist ein Schicksal; und wie solltenicht diejenige anders verlaufen, die von der Teilnahme, demMassenzutrauen einer weiten Öffentlichkeit begleitet wird, als jene,die sich ohne den Glanz und die Verbindlichkeiten des Ruhmesvollzieht? Nur ewiges Zigeunertum findet es langweilig und ist zuspotten geneigt, wenn ein großes Talent dem libertinischenPuppenstande entwächst, die Würde des Geistes ausdrucksvollwahrzunehmen sich gewöhnt und die Hofsitten einer Einsamkeit annimmt,die voll unberatener, hart selbständiger Leiden und Kämpfe war und eszu Macht und Ehren unter den Menschen brachte. Wieviel Spiel, Trotz,Genuß ist übrigens in der Selbstgestaltung des Talentes! EtwasAmtlich-Erzieherisches trat mit der Zeit in Gustav AschenbachsVorführungen ein, sein Stil entriet in späteren Jahren derunmittelbaren Kühnheiten, der subtilen und neuen Abschattungen, erwandelte sich ins Mustergültig-Feststehende, Geschliffen-Herkömmliche,Erhaltende, Formelle, selbst Formelhafte, und wie die Überlieferung esvon Ludwig dem Vierzehnten wissen will, so verbannte der Alternde ausseiner Sprachweise jedes gemeine Wort: Damals geschah es, daß dieUnterrichtsbehörde ausgewählte Seiten von ihm in die vorgeschriebenenSchullesebücher übernahm. Es war ihm innerlich gemäß, und er lehntenicht ab, als ein deutscher Fürst, soeben zum Throne gelangt, demDichter des »Friedrich« zu seinem fünfzigsten Geburtstag denpersönlichen Adel verlieh.

Nach einigen Jahren der Unruhe, einigen Versuchsaufenthalten da unddort wählte er frühzeitig München zum dauernden Wohnsitz und lebtedort in bürgerlichem Ehrenstande, wie er dem Geiste in besonderenEinzelfällen zuteil wird. Die Ehe, die er in noch jugendlichem Altermit einem Mädchen aus gelehrter Familie eingegangen, wurde nach kurzerGlücksfrist durch den Tod getrennt. Eine Tochter, schon Gattin, warihm geblieben. Einen Sohn hatte er nie besessen.

Gustav von Aschenbach war ein wenig unter Mittelgröße, brünett,rasiert. Sein Kopf erschien ein wenig zu groß im Verhältnis zu derfast zierlichen Gestalt. Sein rückwärts gebürstetes Haar, am Scheitelgelichtet, an den Schläfen sehr voll und stark ergraut, umrahmte einehohe, zerklüftete und gleichsam narbige Stirn. Der Bügel einerGoldbrille mit randlosen Gläsern schnitt in die Wurzel dergedrungenen, edel gebogenen Nase ein. Der Mund war groß, oft schlaff,oft plötzlich schmal und gespannt; die Wangenpartie mager undgefurcht, das wohlausgebildete Kinn weich gespalten. BedeutendeSchicksale schienen über dies meist leidend seitwärts geneigte Haupthinweggegangen zu sein, und doch war die Kunst es gewesen, die hierjene physiognomische Durchbildung übernommen hatte, welche sonst dasWerk eines schweren, bewegten Lebens ist. Hinter dieser Stirn warendie blitzenden Repliken des Gesprächs zwischen Voltaire und dem Königeüber den Krieg geboren; diese Augen, müde und tief durch die Gläserblickend, hatten das blutige Inferno der Lazarette des SiebenjährigenKrieges gesehen. Auch persönlich genommen ist ja die Kunst einerhöhtes Leben. Sie beglückt tiefer, sie verzehrt rascher. Sie gräbtin das Antlitz ihres Dieners die Spuren imaginärer und geistigerAbenteuer, und sie erzeugt, selbst bei klösterlicher Stille desäußeren Daseins, auf die Dauer eine Verwöhntheit, Überfeinerung,Müdigkeit und Neugier der Nerven, wie ein Leben voll ausschweifendsterLeidenschaften und Genüsse sie kaum hervorzubringen vermag.

 

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