被淹死的人 德文版 Aquis Submersus
特奥多.施托姆 Theodor Storm
Aquis Submersus Page 8

 

Ich starrete ihn an; denn mir fehlete das Wort. Ja, was wollte ichdenn eigentlich?

"Ich kenne Euch!" fuhr er fort. "Das Weib hat endlich allesausgeredet."

Katharina stund mirgegenüber, zwar in schwarzen Trauerkleidern!

Das machte mir die Zunge frei. "Wo ist mein Kind!" rief ich.

Er sagte: "Die beiden Eltern haben es ertrinken lassen."

--"So laßt mich zu meinem todten Kinde!"

Allein, da ich an ihm vorbei in den Hausflur wollte, drängete ermich zurück. "Das Weib", sprach er, "liegt bei dem Leichnam undschreit zu Gott aus ihren Sünden. Ihr sollt nicht hin, um ihrerarmen Seelen Seligkeit!"

Was dermalen selber ich gesprochen, ist mir schier vergessen; aberdes Predigers Worte gruben sich in mein Gedächtniß. "Höret mich!"sprach er. "So von Herzen ich Euch hasse, wofür dereinst mich Gottin seiner Gnade wolle büßen lassen, und Ihr vermuthendlich auchmich--noch ist Eines uns gemeinsam.--Geht itzo heim und bereiteteine Tafel oder Leinewand! Mit solcher kommet morgen in der Frühewieder und malet darauf des todten Knaben Antlitz. Nicht mir odermeinem Hause; der Kirchen hier, wo er sein kurz unschuldig Lebenausgelebet, möget Ihr das Bildniß stiften. Mög es dort dieMenschen mahnen, daß vor der knöchern Hand des Todes alles Staubist!"

Ich blickte auf den Mann, der kurz vordem die edle Malerkunst einBuhlweib mit der Welt gescholten; aber ich sagte zu, daß alles sogeschehen möge.

--Daheim indessen wartete meiner eine Kunde, so meines LebensSchuld und Buße gleich einem Blitze jählings aus dem Dunkel hob, sodaß ich Glied um Glied die ganze Kette vor mir leuchten sahe.

Mein Bruder, dessen schwache Constitution von dem abscheulichenSpectacul, dem er heute assistiren müssen, hart ergriffen war,hatte sein Bette aufgesucht. Da ich zu ihm eintrat, richtete ersich auf "Ich muß noch eine Weile ruhen", sagte er, indem er einBlatt der Wochenzeitung in meine Hand gab; "aber lies doch dieses!Da wirst du sehen, daß Herrn Gerhardus' Hof in fremde Hände kommen,maßen Junker Wulf ohn Weib und Kind durch eines tollen Hundes Bißgar jämmerlichen Todes verfahren ist."

Ich griff nach dem Blatte, das mein Bruder mir entgegenhielt; aberes fehlte nicht viel, daß ich getaumelt wäre. Mir war's bei dieserSchreckenspost, als sprängen des Paradieses Pforten vor mir auf;aber schon sahe ich am Eingange den Engel mit dem Feuerschwertestehen, und aus meinem Herzen schrie es wieder: O Hüter, Hüter, wardein Ruf so fern!--Dieser Tod hätte uns das Leben werden können;nun war's nur ein Entsetzen zu den andern.

Ich saß oben auf meiner Kammer. Es wurde Dämmerung, es wurde Nacht;ich schaute in die ewigen Gestirne, und endlich suchte auch ichmein Lager. Aber die Erquickung des Schlafes ward mir nicht zuTheil. In meinen erregten Sinnen war es mir gar seltsamlich, alssei der Kirchthurm drüben meinem Fenster nah gerückt; ich fühltedie Glockenschläge durch das Holz der Bettstatt dröhnen, und ichzählete sie alle die ganze Nacht entlang. Doch endlich dämmerteder Morgen. Die Balken an der Decke hingen noch wie Schatten übermir, da sprang ich auf, und ehbevor die erste Lerche aus denStoppelfeldern stieg, hatte ich allbereits die Stadt im Rücken.

Aber so frühe ich auch ausgegangen, ich traf den Prediger schon aufder Schwelle seines Hauses stehen. Er geleitete mich auf den Flurund sagte, daß die Holztafel richtig angelanget, auch meineStaffelei und sonstiges Malergeräth aus dem Küsterhauseherübergeschaffet sei. Dann legte er seine Hand auf die Klinkeeiner Stubenthür.

Ich jedoch hielt ihn zurück und sagte: "Wenn es in diesem Zimmerist, so wollet mir vergönnen, bei meinem schweren Werke allein zusein!"

"Es wird Euch niemand stören", entgegnete er und zog die Handzurück. "Was Ihr zur Stärkung Eueres Leibes bedürfet, werdet Ihrdrüben in jenem Zimmer finden." Er wies auf eine Thür an deranderen Seite des Flures; dann verließ er mich.

Meine Hand lag itzund statt der des Predigers auf der Klinke. Eswar todtenstill im Hause; eine Weile mußte ich mich sammeln, bevorich öffnete.

Es war ein großes, fast leeres Gemach, wohl für denConfirmandenunterricht bestimmt, mit kahlen weißgetünchten Wänden;die Fenster sahen über öde Felder nach dem fernen Strand hinaus.Inmitten des Zimmers aber stund ein weißes Lager aufgebahret. Aufdem Kissen lag ein bleiches Kinderangesicht; die Augen zu; diekleinen Zähne schimmerten gleich Perlen aus den blassen Lippen.

Ich fiel an meines Kindes Leiche nieder und sprach ein brünstiglichGebet. Dann rüstete ich alles, wie es zu der Arbeit nöthig war;und dann malte ich--rasch, wie man die Todten malen muß, die nichtzum zweitenmal dasselbig Antlitz zeigen. Mitunter wurd ich wie vonder andauernden großen Stille aufgeschrecket; doch wenn ich innehielt und horchte, so wußte ich bald, es sei nichts da gewesen.Einmal auch war es, als drängen leise Odemzüge an mein Ohr.--Ichtrat an das Bette des Todten, aber da ich mich zu dem bleichenMündlein niederbeugete, berührte nur die Todeskälte meine Wangen.

Ich sahe um mich; es war noch eine Thür im Zimmer; sie mochte zueiner Schlafkammer führen, vielleicht daß es von dort gekommen war!Allein so scharf ich lauschte, ich vernahm nichts wieder; meineeigenen Sinne hatten wohl ein Spiel mit mir getrieben.

So setzete ich mich denn wieder, sahe auf den kleinen Leichnamund malete weiter; und da ich die leeren Händchen ansahe, wiesie auf dem Linnen lagen, so dachte ich: 'Ein klein Geschenkdoch mußt du deinem Kinde geben!' Und ich malete auf seinemBildniß ihm eine weiße Wasserlilie in die Hand, als sei es spielenddamit eingeschlafen. Solcher Art Blumen gab es selten in derGegend hier, und mocht es also ein erwünschet Angebinde sein.

Endlich trieb mich der Hunger von der Arbeit auf, mein ermüdeterLeib verlangte Stärkung. Legete sonach den Pinsel und die Palettefort und ging über den Flur nach dem Zimmer, so der Prediger mirangewiesen hatte. Indem ich aber eintrat, wäre ich vorÜberraschung bald zurückgewichen; denn Katharina stund mirgegenüber, zwar in schwarzen Trauerkleidern und doch in all demZauberschein, so Glück und Liebe in eines Weibes Antlitz wirkenmögen.

Ach, ich wußte es nur zu bald; was ich hier sahe, war nur ihrBildniß, das ich selber einst gemalet. Auch für dieses war alsonicht mehr Raum in ihres Vaters Haus gewesen.--Aber wo war sieselber denn? Hatte man sie fortgebracht, oder hielt man sie auchhier gefangen?--Lang, gar lange sahe ich das Bildniß an; die alteZeit stieg auf und quälete mein Herz. Endlich, da ich mußte, brachich einen Bissen Brot und stürzete ein paar Gläser Wein hinab; dannging ich zurück zu unserem todten Kinde.

Als ich drüben eingetreten und mich an die Arbeit setzen wollte,zeigete es sich, daß in dem kleinen Angesicht die Augenlider um einweniges sich gehoben hatten. Da bückete ich mich hinab, im Wahne,ich möchte noch einmal meines Kindes Blick gewinnen; als aber diekalten Augensterne vor mir lagen, überlief mich Grausen; mir war,als sähe ich die Augen jener Ahne des Geschlechtes, als wollten sienoch hier aus unseres Kindes Leichenantlitz künden: "Mein Fluch hatdoch euch beide eingeholet!" Aber zugleich--ich hätte es um alleWelt nicht lassen können--umfing ich mit beiden Armen den kleinenblassen Leichnam und hob ihn auf an meine Brust und herzete unterbitteren Thränen zum ersten Male mein geliebtes Kind. "Nein, nein,mein armer Knabe, deine Seele, die gar den finstern Mann zur Liebezwang, die blickte nicht aus solchen Augen; was hier herausschaut,ist alleine noch der Tod. Nicht aus der Tiefe schreckbarerVergangenheit ist es heraufgekommen; nichts anderes ist da alsdeines Vaters Schuld; sie hat uns alle in die schwarze Fluthhinabgerissen."

Sorgsam legte ich dann wieder mein Kind in seine Kissen und drückteihm sanft die beiden Augen zu. Dann tauchete ich meinen Pinsel inein dunkles Roth und schrieb unten in den Schatten des Bildes dieBuchstaben: C. P. A. S. Das sollte heißen: Culpa Patris AquisSubmersus, "Durch Vaters Schuld in der Fluth versunken".--Und mitdem Schalle dieser Worte in meinem Ohre, die wie ein schneidendSchwert durch meine Seele fuhren, malete ich das Bild zu Ende.

Während meiner Arbeit hatte wiederum die Stille im Hausefortgedauert, nur in der letzten Stunde war abermalen durch dieThür, hinter welcher ich eine Schlafkammer vermuthet hatte, einleises Geräusch hereingedrungen.--War Katharina dort, um ungesehenbei meinem schweren Werk mir nah zu sein? Ich konnte es nichtenträthseln.

Es war schon spät. Mein Bild war fertig, und ich wollte mich zumGehen wenden; aber mir war, als müsse ich noch einen Abschiednehmen, ohne den ich nicht von hinnen könne.

So stand ich zögernd und schaute durch das Fenster auf die ödenFelder draußen, wo schon die Dämmerung begunnte sich zu breiten; daöffnete sich vom Flure her die Thür und der Prediger trat zu mirherein.

Er grüßte schweigend; dann mit gefalteten Händen blieb er stehenund betrachtete wechselnd das Antlitz auf dem Bilde und das deskleinen Leichnams vor ihm, als ob er sorgsame Vergleichung halte.Als aber seine Augen auf die Lilie in der gemalten Hand des Kindesfielen, hub er wie im Schmerze seine beiden Hände auf, und ich sahe,wie seinen Augen jählings ein reicher Thränenquell entstürzete.

Da streckte auch ich meine Arme nach dem Todten und rief überlaut:"Leb wohl, mein Kind! O mein Johannes, lebe wohl!"

Doch in demselben Augenblicke vernahm ich leise Schritte in derNebenkammer; es tastete wie mit kleinen Händen an der Thür; ichhörte deutlich meinen Namen rufen--oder war es der des todtenKindes?--Dann rauschte es wie von Frauenkleidern hinter der Thürenieder, und das Geräusch vom Falle eines Körpers wurde hörbar.

"Katharina!" rief ich. Und schon war ich hinzugesprungen undrüttelte an der Klinke der fest verschlossenen Thür; da legte dieHand des Pastors sich auf meinen Arm: "Das ist meines Amtes!" sagteer. "Gehet itzo! Aber gehet in Frieden; und möge Gott uns allengnädig sein!"

--Ich bin dann wirklich fortgegangen; ehe ich es selbst begriff,wanderte ich schon draußen auf der Heide auf dem Weg zur Stadt.

Noch einmal wandte ich mich um und schaute nach dem Dorf zurück,das nur noch wie Schatten aus dem Abenddunkel ragte. Dort lag meintodtes Kind--Katharina--alles, alles!--Meine alte Wunde brannte mirin meiner Brust; und seltsam, was ich niemals hier vernommen, ichwurde plötzlich mir bewußt, daß ich vom fernen Strand die Brandungtösen hörete. Kein Mensch begegnete mir, keines Vogels Ruf vernahmich; aber aus dem dumpfen Brausen des Meeres tönete es mirimmerfort, gleich einem finsteren Wiegenliede: Aquis submersusaquis submersus!

Hier endete die Handschrift.

Dessen Herr Johannes sich einstens im Vollgefühl seiner Kraftvermessen, daß er's wohl auch einmal in seiner Kunst den Größerengleichzutun verhoffe, das sollten Worte bleiben, in die leere Luftgesprochen.

Sein Name gehört nicht zu denen, die genannt werden; kaum dürfte erin einem Künstlerlexikon zu finden sein; ja selbst in seinerengeren Heimat weiß niemand von einem Maler seines Namens. Desgroßen Lazarusbildes tut zwar noch die Chronik unserer StadtErwähnung, das Bild selbst aber ist zu Anfang dieses Jahrhundertsnach dem Abbruch unserer alten Kirche gleich den anderenKunstschätzen derselben verschleudert und verschwunden.

Aquis submersus

 

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