被淹死的人 德文版 Aquis Submersus
特奥多.施托姆 Theodor Storm
Aquis Submersus Page 7

 

Weshalb rühreten diese Augen so an meine Seele?--Einmal garüberraschete mich ein finsterer Blick des Pastors, da ich denPinsel müßig auf der Leinewand ruhen ließ. Es war etwas in diesesKindes Antlitz, das nicht aus seinem kurzen Leben kommen konnte;aber es war kein froher Zug. So, dachte ich, sieht ein Kind, dasunter einem kummerschweren Herzen ausgewachsen. Ich hätte oft dieArme nach ihm breiten mögen; aber ich scheuete mich vor dem hartenManne, der es gleich einem Kleinod zu behüten schien. Wohldachte ich oft: 'Welch eine Frau mag dieses Knaben Muttersein?'--

Des Küsters alte Magd hatte ich einmal nach des Predigers Fraubefraget; aber sie hatte mir kurzen Bescheid gegeben: "Die kenntman nicht; in die Bauernhäuser kommt sie kaum, wenn Kindelbierund Hochzeit ist."--Der Pastor selbst sprach nicht von ihr.Aus dem Garten der Küsterei, welcher in eine dichte Gruppe vonFliederbüschen ausläuft, sahe ich sie einmal langsam über diePriesterkoppel nach ihrem Hause gehen; aber sie hatte mir denRücken zugewendet, so daß ich nur ihre schlanke, jugendlicheGestalt gewahren konnte, und außerdem ein paar gekräuselte Löckchen,in der Art, wie sie sonst nur von den Vornehmeren getragen werdenund die der Wind von ihren Schläfen wehte. Das Bild ihresfinsteren Ehgesponsen trat mir vor die Seele, und mir schien, espasse dieses Paar nicht wohl zusammen.

--An den Tagen, wo ich nicht da draußen war, hatte ich auch dieArbeit an meinem Lazarus wieder aufgenommen, so daß nach einigerZeit diese Bilder mit einander nahezu vollendet waren.

So saß ich eines Abends nach vollbrachtem Tagewerke mit meinemBruder unten in unserem Wohngemache. Auf dem Tisch am Ofen war dieKerze fast herabgebrannt, und die holländische Schlaguhr hatteschon auf Eilf gewarnt; wir aber saßen am Fenster und hatten derGegenwart vergessen; denn wir gedachten der kurzen Zeit, die wirmitsammen in unserer Eltern Haus verlebet hatten; auch unsereseinzigen lieben Schwesterleins gedachten wir, das im erstenKindbette verstorben und nun seit lange schon mit Vater und Muttereiner fröhlichen Auferstehung entgegenharrete.--Wir hatten dieLäden nicht vorgeschlagen; denn es that uns wohl, durch das Dunkel,so draußen auf den Erdenwohnungen der Stadt lag, in dasSternenlicht des ewigen Himmels hinauszublicken.

Am Ende verstummten wir beide in uns selber, und wie auf einemdunkeln Strome trieben meine Gedanken zu ihr, bei der sie allzeitRast und Unrast fanden.--Da, gleich einem Stern aus unsichtbarenHöhen, fiel es mir jählings in die Brust: Die Augen des schönenblassen Knaben, es waren ja ihre Augen! Wo hatte ich meine Sinnedenn gehabt!--Aber dann, wenn sie es war, wenn ich sie selber schongesehen?--Welch schreckbare Gedanken stürmten auf mich ein!

Indem legte sich die eine Hand meines Bruders mir auf die Schulter,mit der andern wies er auf den dunkeln Markt hinaus, von wannenaber itzt ein heller Schein zu uns herüberschwankte. "Sieh nur!"sagte er. "Wie gut, daß wir das Pflaster mit Sand und Heideausgestopfet haben! Die kommen von des Glockengießers Hochzeit;aber an ihren Stockleuchten sieht man, daß sie gleichwohl hin undwider stolpern."

Mein Bruder hatte recht. Die tanzenden Leuchten zeugeten deutlichvon der Trefflichkeit des Hochzeitschmauses; sie kamen uns so nahe,daß die zwei gemalten Scheiben, so letzlich von meinem Bruder alseines Glasers Meisterstück erstanden waren, in ihren satten Farbenwie in Feuer glühten. Als aber dann die Gesellschaft an unseremHause laut redend in die Krämerstraße einbog, hörete ich einenunter ihnen sagen: "Ei freilich; das hat der Teufel uns verpurret!Hatte mich leblang darauf gespitzet, einmal eine richtige Hex so inder Flammen singen zu hören!"

Die Leuchten und die lustigen Leute gingen weiter, und draußen dieStadt lag wieder still und dunkel.

"O weh!" sprach mein Bruder; "den trübet, was mich tröstet."

Da fiel es mir erst wieder bei, daß am nächsten Morgen die Stadtein grausam Spectacul vor sich habe. Zwar war die junge Person, sowegen einbekannten Bündnisses mit dem Satan zu Aschen sollteverbrannt werden, am heutigen Morgen vom Frone todt in ihrem Kerkeraufgefunden worden; aber dem todten Leibe mußte gleichwohl seinpeinlich Recht geschehen.

Das war nun vielen Leuten gleich einer kalt gestellten Suppen.Hatte doch auch die Buchführer-Witwe Liebernickel, so unter demThurm der Kirche den grünen Bücherschranken hat, mir am Mittage, daich wegen der Zeitung bei ihr eingetreten, aufs heftigste geklaget,daß nun das Lied, so sie im voraus darüber habe anfertigen unddrucken lassen, nur kaum noch passen werde wie die Faust aufs Auge.Ich aber, und mit mir mein viellieber Bruder, hatte so meineeigenen Gedanken von dem Hexenwesen und freuete mich, daß unserHerrgott--denn der war es doch wohl gewesen--das arme junge Menschso gnädiglich in seinen Schoß genommen hatte.

Mein Bruder, welcher weichen Herzens war, begann gleichwohl derPflichten seines Amts sich zu beklagen; denn er hatte drüben vonder Rathhaustreppe das Urthel zu verlesen, sobald der Racker dentodten Leichnam davor aufgefahren, und hernach auch derJustification selber zu assistiren. "Es schneidet mir schon itzundin das Herz", sagte er, "das greuelhafte Gejohle, wenn sie mit demKarren die Straße herabkommen; denn die Schulen werden ihre Bubenund die Zunftmeister ihre Lehrburschen loslassen.--An deiner Statt",fügete er bei, "der du ein freier Vogel bist, würde ich aufs Dorfhinausmachen und an dem Conterfey des schwarzen Pastors weitermalen!"

Nun war zwar festgesetzet worden, daß ich am nächstfolgenden Tageerst wieder hinauskäme; aber mein Bruder redete mir zu, unwissend,wie er die Ungeduld in meinem Herzen schürete; und so geschah es,daß alles sich erfüllen mußte, was ich getreulich in diesenBlättern niederschreiben werde.

Am andern Morgen, als drüben vor meinem Kammerfenster nur kaum derKirchthurmhahn in rothem Frühlicht blinkte, war ich schon vonmeinem Lager aufgesprungen; und bald schritt ich über den Markt,allwo die Bäcker, vieler Käufer harrend, ihre Brotschragen schongeöffnet hatten; auch sahe ich, wie an dem Rathhause derWachtmeister und die Fußknechte in Bewegung waren, und hatte Einerbereits einen schwarzen Teppich über das Geländer der großen Treppeaufgehangen; ich aber ging durch den Schwibbogen, so unter demRathause ist, eilends zur Stadt hinaus.

Als ich hinter dem Schloßgarten auf dem Steige war, sahe ich drübenbei der Lehmkuhle, wo sie den neuen Galgen hingesetzet, einenmächtigen Holzstoß aufgeschichtet. Ein paar Leute hantirten nochdaran herum, und mochten das der Fron und seine Knechte sein, dieleichten Brennstoff zwischen die Hölzer thaten; von der Stadt heraber kamen schon die ersten Buben über die Felder ihnen zugelaufen.Ich achtete deß nicht weiter, sondern wanderte rüstig fürbaß, undda ich hinter den Bäumen hervortrat, sahe ich mir zur Linken dasMeer im ersten Sonnenstrahl entbrennen, der im Osten über die Heideemporstieg. Da mußte ich meine Hände falten:

O Herr, mein Gott und Christ,Sei gnädig mit uns allen,Die wir in Sünd gefallen,Der du die Liebe bist!--

Als ich draußen war, wo die breite Landstraße durch die Heideführte, begegneten mir viele Züge von Bauern; sie hatten ihrekleinen Jungen und Dirnen an den Händen und zogen sie mit sich fort.

"Wohin strebet ihr denn so eifrig?" fragte ich den einen Haufen;"es ist ja doch kein Markttag heute in der Stadt."

Nun, wie ich's wohl zum voraus wußte, sie wollten die Hexe, dasjunge Satansmensch, verbrennen sehen.

--"Aber die Hexe ist ja todt!"

"Freilich, das ist ein Verdruß", meineten sie; "aber es ist unsererHebamme, der alten Mutter Siebenzig, ihre Schwestertochter; dakönnen wir nicht außen bleiben und müssen mit dem Reste schonfürlieb nehmen."--

--Und immer neue Scharen kamen daher; und itzund taucheten auchschon Wagen aus dem Morgennebel, die statt mit Kornfrucht heut mitMenschen voll geladen waren.--Da ging ich abseits über die Heide,obwohl noch der Nachtthau von dem Kraute rann; denn mein Gemüthverlangte nach der Einsamkeit; und ich sahe von fern, wie es denAnschein hatte, das ganze Dorf des Weges nach der Stadt ziehen.Als ich auf dem Hünenhügel stund, der hier inmitten der Heide liegt,überfiel es mich, als müsse auch ich zur Stadt zurückkehren oderetwan nach links hinab an die See gehen, oder nach dem kleinenDorfe, das dort unten hart am Strande liegt; aber vor mir in derLuft schwebete etwas wie ein Glück, wie eine rasende Hoffnung, undes schüttelte mein Gebein, und meine Zähne schlugen an einander.'Wenn sie es wirklich war, so letzlich mit meinen eigenenAugen ich erblicket, und wenn dann heute--' Ich fühlte meinHerz gleich einem Hammer an den Rippen; ich ging weit um durch dieHeide; ich wollte nicht sehen, ob auf der Wagen einem auch derPrediger nach der Stadt fahre.--Aber ich ging dennoch endlichseinem Dorfe zu.

Als ich es erreichet hatte, schritt ich eilends nach der Thür desKüsterhauses. Sie war verschlossen. Eine Weile stund ichunschlüssig; dann hub ich mit der Faust zu klopfen an. Drinnenblieb alles ruhig; als ich aber stärker klopfte, kam des Küstersalte halb blinde Trienke aus einem Nachbarhause.

"Wo ist der Küster?" fragte ich.

--"Der Küster? Mit dem Priester in die Stadt gefahren."

Ich starrete die Alte an; mir war, als sei ein Blitz durch michdahin geschlagen.

"Fehler Euch etwas, Herr Maler?" frug sie.

Ich schüttelte den Kopf und sagte nur: "So ist wohl heute keineSchule, Trienke?"

--"Bewahre! Die Hexe wird ja verbrannt!"

Ich ließ mir von der Alten das Haus aufschließen, holte meinMalergeräthe und das fast vollendete Bildniß aus des KüstersSchlafkammer und richtete, wie gewöhnlich, meine Staffelei in demleeren Schulzimmer. Ich pinselte etwas an der Gewandung; aber ichsuchte damit nur mich selber zu belügen; ich hatte keinen Sinn zumMalen; war ja um dessen willen auch nicht hieher gekommen.

Die Alte kam hereingelaufen, stöhnte über die arge Zeit und redeteüber Bauern- und Dorfsachen, die ich nicht verstund; mich selberdrängete es, sie wieder einmal nach des Predigers Frau zu fragen,ob selbige alt oder jung, und auch, woher sie gekommen sei; alleinich brachte das Wort nicht über meine Zungen. Dagegen begann dieAlte ein lang Gespinste von der Hex und ihrer Sippschaft hier imDorfe und von der Mutter Siebenzig, so mit Vorspuksehen behaftetsei; erzählete auch, wie selbige zur Nacht, da die Gicht dem altenWeibe keine Ruh gelassen, drei Leichlaken über des Pastors Hausdachhabe fliegen sehen: es gehe aber solch Gesichte allzeit richtig aus,und Hoffart komme vor dem Falle; denn sei die Frau Pastorin beialler ihrer Vornehmheit doch nur eine blasse und schwächlicheKreatur.

Ich mochte solch Geschwätz nicht fürder hören; ging daher aus demHause und auf dem Wege herum, da wo das Pastorat mit seiner Frontegegen die Dorfstraße liegt; wandte auch unter bangem Sehnen meineAugen nach den weißen Fenstern, konnte aber hinter den blindenScheiben nichts gewahren als ein paar Blumenscherben, wie sieüberall zu sehen sind.--Ich hätte nun wohl umkehren mögen; aber ichging dennoch weiter. Als ich auf den Kirchhof kam, trug von derStadtseite der Wind ein wimmernd Glockenläuten an mein Ohr; ichaber wandte mich und blickte hinab nach Westen, wo wiederum dasMeer wie lichtes Silber am Himmelssaume hinfloß, und war doch eintobend Unheil dort gewesen, worin in einer Nacht des Höchsten Handviel tausend Menschenleben hingeworfen hatte. Was krümmete dennich mich so gleich einem Wurme?--Wir sehen nicht, wie seine Wegeführen!

Ich weiß nicht mehr, wohin mich damals meine Füße noch getragenhaben; ich weiß nur, daß ich in einem Kreis gegangen bin; denn dadie Sonne fast zur Mittagshöhe war, langete ich wieder bei derKüsterei an. Ich ging aber nicht in das Schulzimmer an meineStaffelei, sondern durch das Hinterpförtlein wieder zum Hausehinaus.--

sanft: "Ich bin des anderenMannes Weib; vergiß!

Das ärmliche Gärtlein ist mir unvergessen, obschon seit jenem Tagemeine Augen es nicht mehr gesehen.--Gleich dem des Predigerhausesvon der anderen Seite, trat es als ein breiter Streifen in diePriesterkoppel; inmitten zwischen beiden aber war eine Gruppedichter Weidenbüsche, welche zur Einfassung einer Wassergrubedienen mochten; denn ich hatte einmal eine Magd mit vollem Eimerwie aus einer Tiefe daraus hervorsteigen sehen.

Als ich ohne viel Gedanken, nur mein Gemüthe erfüllet von nicht zuzwingender Unrast, an des Küsters abgeheimseten Bohnenbeetenhinging, hörete ich von der Koppel draußen eine Frauenstimme vongar holdem Klang, und wie sie liebreich einem Kinde zusprach.

Unwillens schritt ich solchem Schalle nach; so mochte einstder griechische Heidengott mit seinem Stabe die Todten nachsich gezogen haben. Schon war ich am jenseitigen Rande desHolundergebüsches, das hier ohne Verzäunung in die Koppel ausläuft,da sahe ich den kleinen Johannes mit einem Ärmchen voll Moos, wiees hier in dem kümmerlichen Grase wächst, gegenüber hinter dieWeiden gehen; er mochte sich dort damit nach Kinderart ein Gärtchenangeleget haben. Und wieder kam die holde Stimme an mein Ohr: "Nunheb nur an; nun hast du einen ganzen Haufen! Ja, ja; ich suchderweil noch mehr; dort am Holunder wächst genug!"

Und dann trat sie selber hinter den Weiden hervor; ich hatte jalängst schon nicht gezweifelt.--Mit den Augen auf dem Boden suchend,schritt sie zu mir her, so daß ich ungestöret sie betrachtendurfte; und mir war, als gliche sie nun gar seltsam dem Kindewieder, das sie einst gewesen war, für das ich den "Buhz" einst vondem Baum herabgeschossen hatte; aber dieses Kinderantlitz von heutewar bleich und weder Glück noch Muth darin zu lesen.

So war sie mählich näher kommen, ohne meiner zu gewahren; dannkniete sie nieder an einem Streifen Moos, der unter den Büschenhinlief; doch ihre Hände pflückten nicht davon; sie ließ das Hauptauf ihre Brust sinken, und es war, als wolle sie nur ungesehen vordem Kinde in ihrem Leide ausruhen.

Da rief ich leise: "Katharina!"

Sie blickte auf, ich aber ergriff ihre Hand und zog sie gleicheiner Willenlosen zu mir unter den Schatten der Büsche. Doch alsich sie endlich also nun gefunden hatte und keines Wortes mächtigvor ihr stund, da sahen ihre Augen weg von mir, und mit fast einerfremden Stimme sagte sie: "Es ist nun einmal so, Johannes! Ichwußte wohl, du seiest der fremde Maler; ich dachte nur nicht, daßdu heute kommen würdest."

Ich hörete das, und dann sprach ich es aus: "Katharina,--so bist dudes Predigers Eheweib?"

Sie nickte nicht; sie sah mich starr und schmerzlich an. "Er hatdas Amt dafür bekommen", sagte sie, "und dein Kind den ehrlichenNamen."

--"Mein Kind, Katharina?"

"Und fühltest du das nicht? Er hat ja doch auf deinem Schoßgesessen; einmal doch, er selbst hat es mir erzählet."

zurückgetreten, und ihre Augen.

--Möge keines Menschen Brust ein solches Weh zerfleischen!--"Und du,du und mein Kind, ihr solltet mir verloren sein!"

Sie sah mich an, sie weinte nicht, sie war nur gänzlichtodtenbleich.

"Ich will das nicht!" schrie ich; "ich will ..." Und eine wildeGedankenjagd rasete mir durchs Hirn.

Aber ihre kleine Hand hatte gleich einem kühlen Blatte sich aufmeine Stirn gelegt, und ihre braunen Augensterne auf dem blassenAntlitz sahen mich flehend an. "Du, Johannes", sagte sie, "duwirst es nicht sein, der mich noch elender machen will."

--"Und kannst denn du so leben, Katharina?"

"Leben?--Es ist ja doch ein Glück dabei; er liebt das Kind;--wasist denn mehr noch zu verlangen?"

--"Und von uns, von dem, was einst gewesen ist, weiß er davon?"

"Nein, nein!" rief sie heftig. "Er nahm die Sünderin zum Weibe:mehr nicht. O Gott, ist's denn nicht genug, daß jeder neue Tag ihmangehört!"

In diesem Augenblicke tönete ein zarter Gesang zu uns herüber.--"Das Kind", sagte sie. "Ich muß zu dem Kinde; es könnte ihm einLeids geschehen!"

Aber meine Sinne zieleten nur auf das Weib, das sie begehrten."Bleib doch", sagte ich, "es spielet ja fröhlich dort mit seinemMoose."

Sie war an den Rand des Gebüsches getreten und horchete hinaus.Die goldene Herbstsonne schien so warm hernieder, nur leichterHauch kam von der See herauf Da hörten wir von jenseits durch dieWeiden das Stimmlein unseres Kindes singen:

Zwei Englein, die mich decken,Zwei Englein, die mich strecken,Und zweie, so mich weisenIn das himmlische Paradeisen.

Katharina war zurückgetreten, und ihre Augen sahen groß undgeisterhaft mich an. "Und nun leb wohl, Johannes", sprach sieleise; "auf Nimmerwiedersehen hier auf Erden!"

Ich wollte sie an mich reißen; ich streckte beide Arme nach ihr aus;doch sie wehrete mich ab und sagte sanft: "Ich bin des anderenMannes Weib; vergiß das nicht."

Mich aber hatte auf diese Worte ein fast wilder Zorn ergriffen."Und wessen, Katharina", sprach ich hart, "bist du gewesen, ehebevor du sein geworden?"

Ein weher Klaglaut brach aus ihrer Brust; sie schlug die Hände vorihr Angesicht und rief. "Weh mir! O wehe, mein entweihter armerLeib!"

Da wurd ich meiner schier unmächtig; ich riß sie jäh an meine Brust,ich hielt sie wie mit Eisenklammern und hatte sie endlich, endlichwieder! Und ihre Augen sanken in die meinen, und ihre rothenLippen duldeten die meinen; wir umschlangen uns inbrünstiglich; ichhätte sie tödten mögen, wenn wir also mit einander hätten sterbenkönnen. Und als dann meine Blicke voll Seligkeit auf ihrem Antlitzweideten, da sprach sie, fast erstickt von meinen Küssen: "Es istein langes, banges Leben! O Jesu Christ, vergib mir diese Stunde!"

--Es kam eine Antwort; aber es war die harte Stimme jenes Mannes,aus dessen Munde ich itzt zum ersten Male ihren Namen hörte. DerRuf kam von drüben aus dem Predigergarten, und noch einmal undhärter rief es: "Katharina!"

Da war das Glück vorbei; mit einem Blicke der Verzweiflung sahe siemich an; dann stille wie ein Schatten war sie fort.

--Als ich in die Küsterei trat, war auch schon der Küster wieder da.Er begann sofort von der Justification der armen Hexe auf micheinzureden. "Ihr haltet wohl nicht viel davon", sagte er; "sonstwäret Ihr heute nicht aufs Dorf gegangen, wo der Herr Pastor gardie Bauern und ihre Weiber in die Stadt getrieben."

Ich hatte nicht die Zeit zur Antwort; ein gellender Schreidurchschnitt die Luft; ich werde ihn leblang in den Ohren haben.

Katharina", sprach ich hart, "bist du gewesen, ehebevor du sein !

"Was war das, Küster?" rief ich.

trübet, was mich tröstet."von uns, von dem, was einst gewesen ist, weiß?

Der Mann riß ein Fenster auf und horchete hinaus, aber es geschahnichts weiter. "So mir Gott", sagte er, "es war ein Weib, das sogeschrien hat; und drüben von der Priesterkoppel kam's."

Indem war auch die alte Trienke in die Thür gekommen. "Nun, Herr?"rief sie mir zu. "Die Leichlaken sind auf des Pastors Dachgefallen!"

--"Was soll das heißen, Trienke?"

"Das soll heißen, daß sie des Pastors kleinen Johannes soeben ausdem Wasser ziehen."

Ich stürzete aus dem Zimmer und durch den Garten auf diePriesterkoppel; aber unter den Weiden fand ich nur das dunkleWasser und Spuren feuchten Schlammes daneben auf dem Grase.--Ichbedachte mich nicht, es war ganz wie von selber, daß ich durch dasweiße Pförtchen in des Pastors Garten ging. Da ich eben ins Hauswollte, trat er selber mir entgegen.

Der große knochige Mann sah gar wüste aus; seine Augen warengeröthet, und das schwarze Haar hing wirr ihm ins Gesicht. "Waswollt Ihr?" sagte er.

 

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