被淹死的人 德文版 Aquis Submersus
特奥多.施托姆 Theodor Storm
Aquis Submersus Page 5

 

Katharinens weiße Hände strichen über meine Locken; sie herzetemich und sagte leise: "Da ich in meine Kammer dich gelassen, sowerd ich doch dein Weib auch werden müssen."

--Ihr ahnete wohl nicht, welch einen Feuerstrom dies Wort in meineAdern goß, darin ohnedies das Blut in heißen Pulsen ging.--Vondreien furchtbaren Dämonen, von Zorn und Todesangst und Liebe einverfolgter Mann, lag nun mein Haupt in des viel geliebten WeibesSchoß.

Da schrillte ein geller Pfiff, die Hunde drunten wurden jählingsstille, und da es noch einmal gellte, hörete ich sie wie toll undwild davon rennen.

Vom Hofe her wurden Schritte laut; wir horchten auf, daß uns derAthem stille stund. Bald aber wurde dorten eine Thür erst auf-,dann zugeschlagen und dann ein Riegel vorgeschoben. "Das ist Wulf",sagte Katharina leise; "er hat die beiden Hunde in den Stallgesperrt."--Bald hörten wir auch unter uns die Thür des Hausflursgehen, den Schlüssel drehen und danach Schritte in dem unternCorridor, die sich verloren, wo der Junker seine Kammer hatte.Dann wurde alles still.

Es war nun endlich sicher, ganz sicher; aber mit unserem Plaudernwar es mit einem Male schier zu Ende. Katharina hatte den Kopfzurückgelehnt; nur unser beider Herzen hörete ich klopfen.--"Sollich nun gehen, Katharina?" sprach ich endlich.

Aber die jungen Arme zogen mich stumm zu ihrem Mund empor; und ichging nicht.

Kein Laut war mehr, als aus des Gartens Tiefe das Schlagen derNachtigallen und von fern das Rauschen des Wässerleins, das hintenum die Hecken fließt.--

Wenn, wie es in den Liedern heißt, mitunter noch in Nächten dieschöne heidnische Frau Venus aufersteht und umgeht, um die armenMenschenherzen zu verwirren, so war es dazumalen eine solche Nacht.Der Mondschein war am Himmel ausgethan, ein schwüler Ruch vonBlumen hauchte durch das Fenster, und dorten überm Walde spieletedie Nacht in stummen Blitzen.--O Hüter, Hüter, war dein Ruf so fern?

--Wohl weiß ich noch, daß vom Hofe her plötzlich scharf die Hähnekrähten, und daß ich ein blaß und weinend Weib in meinen Armenhielt, die mich nicht lassen wollte, unachtend, daß überm Gartender Morgen dämmerte und rothen Schein in unsre Kammer warf. Dannaber, da sie deß inne wurde, trieb sie, wie von Todesangstgeschreckt, mich fort.

Noch einen Kuß, noch hundert; ein flüchtig Wort noch: wann für dasGesind zu Mittage geläutet würde, dann wollten wir im Tannenwalduns treffen; und dann--ich wußte selber kaum, wie mir's geschehen--stund ich im Garten, unten in der kühlen Morgenluft.

Noch einmal, indem ich meinen von den Hunden zerfetzten Mantelaufhob, schaute ich empor und sah ein blasses Händlein mir zumAbschied winken. Nahezu erschrocken aber wurd ich, da meine Augenbei einem Rückblick aus dem Gartensteig von ungefähr die unterenFenster neben dem Thurme streiften; denn mir war, als sähe hintereinem derselbigen ich gleichfalls eine Hand; aber sie drohete nachmir mit aufgehobenem Finger und schien mir farblos und knöcherngleich der Hand des Todes. Doch war's nur wie im Husch, daßsolches über meine Augen ging; dachte zwar erstlich des Märleinsvon der wieder gehenden Urahne; redete mir dann aber ein, es seiennur meine eigenen aufgestörten Sinne, die solch Spiel mirvorgegaukelt hätten.

So, deß nicht weiter achtend, schritt ich eilends durch den Garten,merkete aber bald, daß in der Hast ich auf den Binsensumpf gerathen;sank auch der eine Fuß bis übers Änkel ein, gleichsam, als obihn was hinunterziehen wollte. 'Ei', dachte ich, 'faßt dasHausgespenste doch nach dir!' Machte mich aber auf und sprang überdie Mauer in den Wald hinab.

Die Finsterniß der dichten Bäume sagte meinem träumenden Gemüthe zu;hier um mich her war noch die selige Nacht, von welcher meineSinne sich nicht lösen mochten.--Erst da ich nach geraumer Zeit vomWaldesrande in das offene Feld hinaustrat, wurd ich völlig wach.Ein Häuflein Rehe stund nicht fern im silbergrauen Thau, und übermir vom Himmel scholl das Tageslied der Lerche. Da schüttelte ichall müßig Träumen von mir ab; im selbigen Augenblick stieg aberauch wie heiße Noth die Frage mir ins Hirn: 'Was weiter nun,Johannes? Du hast ein theures Leben an dich rissen; nun wisse, daßdein Leben nichts gilt als nur das ihre!'

Doch was ich sinnen mochte, es deuchte mir allfort das beste, wennKatharina im Stifte sichern Unterschlupf gefunden, daß ich dannzurück nach Holland ginge, mich dort der Freundeshülf versicherteund allsobald zurückkäm, um sie nachzuholen. Vielleicht, daß siegar der alten Base Herz erweichet'; und schlimmsten Falles--esmußte auch gehen ohne das!

Schon sahe ich uns auf einem fröhlichen Barkschiff die Wellen desgrünen Zuidersees befahren, schon hörete ich das Glockenspiel vomRathhausthurme Amsterdams und sah am Hafen meine Freunde aus demGewühl hervorbrechen und mich und meine schöne Frau mit hellemZuruf grüßen und im Triumph nach unserem kleinen, aber trauten Heimgeleiten. Mein Herz war voll von Muth und Hoffnung; und kräftigerund rascher schritt ich aus, als könnte ich bälder so das Glückerreichen.

--Es ist doch anders kommen.

In meinen Gedanken war ich allmählich in das Dorf hinabgelanget undtrat hier in Hans Ottsens Krug, von wo ich in der Nacht so jählingshatte flüchten müssen.--"Ei, Meister Johannes", rief der Alte aufder Tenne mir entgegen, "was hattet Ihr doch gestern mit unserengestrengen Junkern? Ich war just draußen bei dem Ausschank; aberda ich wieder eintrat, flucheten sie schier grausam gegen Euch; undauch die Hunde raseten an der Thür, die Ihr hinter Euch ins Schloßgeworfen hattet."

Da ich aus solchen Worten abnahm, daß der Alte den Handel nichtwohl begriffen habe, so entgegnete ich nur: "Ihr wisset, der vonder Risch und ich, wir haben uns schon als Jungen oft einmalgezauset; da mußt's denn gestern noch so einen Nachschmack geben."

"Ich weiß, ich weiß!" meinte der Alte; "aber der Junker sitzt heutauf seines Vaters Hof; Ihr solltet Euch hüten, Herr Johannes; mitsolchen Herren ist nicht sauber Kirschen essen."

Dem zu widersprechen, hatte ich nicht Ursach, sondern ließ mir Brotund Frühtrunk geben und ging dann in den Stall, wo ich mir meinenDegen holete, auch Stift und Skizzenbüchlein aus dem Ranzen nahm.

würde.Dieterich, daß ich allsogleich mit ihm ?

Aber es war noch lange bis zum Mittagläuten. Also bat ich HansOttsen, daß er den Gaul mit seinem Jungen mög zum Hofe bringenlassen; und als er mir solches zugesaget, schritt ich wieder hinauszum Wald. Ich ging aber bis zu der Stelle auf dem Heidenhügel, vonwo man die beiden Giebel des Herrenhauses über die Gartenheckenragen sieht, wie ich solches schon für den Hintergrund zuKatharinens Bildniß ausgewählet hatte. Nun gedachte ich, daß, wannin zu verhoffender Zeit sie selber in der Fremde leben und wohl dasVaterhaus nicht mehr betreten würde, sie seines Anblicks doch nichtganz entrathen solle; zog also meinen Stift herfür und begann zuzeichnen, gar sorgsam jedes Winkelchen, woran ihr Auge einmal mochtgehaftet haben. Als farbig Schilderei sollt es dann in Amsterdamgefertigt werden, damit es ihr sofort entgegen grüße, wann ich siedort in unsre Kammer führen würde.

Nach ein paar Stunden war die Zeichnung fertig. Ich ließ noch wiezum Gruß ein zwitschernd Vögelein darüber fliegen; dann suchte ichdie Lichtung auf, wo wir uns finden wollten, und streckte michnebenan im Schatten einer dichten Buche, sehnlich verlangend, daßdie Zeit vergehe.

Ich mußte gleichwohl darob eingeschlummert sein; denn ich erwachtevon einem fernen Schall und wurd deß inne, daß es das Mittagläutenvon dem Hofe sei. Die Sonne glühte schon heiß hernieder undverbreitete den Ruch der Himbeeren, womit die Lichtung überdecktwar. Es fiel mir bei, wie einst Katharina und ich uns hier beiunseren Waldgängen süße Wegzehrung geholet hatten; und nun begannein seltsam Spiel der Phantasie; bald sahe ich drüben zwischen denSträuchern ihre zarte Kindsgestalt, bald stund sie vor mir, michanschauend mit den seligen Frauenaugen, wie ich sie letzlich erstgesehen, wie ich sie nun gleich, im nächsten Augenblicke, schonleibhaftig an mein klopfend Herze schließen würde.

Da plötzlich überfiel mich's wie ein Schrecken. Wo blieb sie denn?Es war schon lang, daß es geläutet hatte. Ich war aufgesprungen,ich ging umher, ich stund und spähete scharf nach aller Richtungdurch die Bäume; die Angst kroch mir zum Herzen; aber Katharina kamnicht; kein Schritt im Laube raschelte; nur oben in denBuchenwipfeln rauschte ab und zu der Sommerwind.

Böser Ahnung voll ging ich endlich fort und nahm einen Umweg nachdem Hofe zu. Da ich unweit dem Thore zwischen die Eichen kam,begegnete mir Dieterich. "Herr Johannes", sagte er und trat hastigauf mich zu, "Ihr seid die Nacht schon in Hans Ottsens Krug gewesen;sein Junge brachte mir Euren Gaul zurück;--was habet Ihr mitunsern Junkern vorgehabt?"

"Warum fragst du, Dieterich?"

--"Warum, Herr Johannes?--Weil ich Unheil zwischen euch verhütenmöcht."

"Was soll das heißen, Dieterich?" frug ich wieder; aber mir warbeklommen, als sollte das Wort mir in der Kehle sticken.

"Ihr werdet's schon selber wissen, Herr Johannes!" entgegnete derAlte. "Mir hat der Wind nur so einen Schall davon gebracht, voreiner Stund mag's gewesen sein; ich wollte den Burschen rufen, derim Garten an den Hecken putzte. Da ich an den Thurm kam, wo drobenunser Fräulein ihre Kammer hat, sah ich dorten die alte Bas' Urselmit unserem Junker dicht beisammen stehen. Er hatte die Armeunterschlagen und sprach kein einzig Wörtlein; die Alte aber redeteeinen um so größeren Haufen und jammerte ordentlich mit ihrerfeinen Stimme. Dabei wies sie bald nieder auf den Boden, baldhinauf in den Epheu, der am Turm hinaufwächst.--Verstanden, HerrJohannes, hab ich von dem allem nichts; dann aber, und nun merketwohl auf, hielt sie mit ihrer knöchern Hand, als ob sie damitdrohete, dem Junker was vor Augen; und da ich näher hinsah, war'sein Fetzen Grauwerk, just wie Ihr's da an Euerem Mantel traget."

"Weiter, Dieterich!" sagte ich; denn der Alte hatte die Augen aufmeinen zerrissenen Mantel, den ich auf dem Arme trug.

"Es ist nicht viel mehr übrig", erwiderte er; "denn der Junkerwandte sich jählings nach mir zu und frug mich, wo Ihr anzutreffenwäret. Ihr möget mir es glauben, wäre er in Wirklichkeit ein Wolfgewesen, die Augen hätten blutiger nicht funkeln können."

Da frug ich: "Ist der Junker im Hause, Dieterich?"

--"Im Haus? Ich denke wohl; doch was sinnet ihr, Herr Johannes?"

"Ich sinne, Dieterich, daß ich allsogleich mit ihm zu reden habe."

Aber Dieterich hatte bei beiden Händen mich ergriffen. "Gehetnicht, Johannes", sagte er dringend; "erzählet mir zum wenigsten,was geschehen ist; der Alte hat Euch ja sonst wohl guten Rathgewußt!"

"Hernach, Dieterich, hernach!" entgegnete ich. Und also mit diesenWorten riß ich meine Hände aus den seinen.

Der Alte schüttelte den Kopf. "Hernach, Johannes", sagte er, "dasweiß nur unser Herrgott!"

Ich aber schritt nun über den Hof dem Hause zu. Der Junker seieben in seinem Zimmer, sagte eine Magd, so ich im Hausflur drumbefragte.

Ich hatte dieses Zimmer, das im Unterhause lag, nur einmal erstbetreten. Statt wie bei seinem Vater sel. Bücher und Karten, warhier vielerlei Gewaffen, Handröhre und Arkebusen, auch allerartJagdgeräthe an den Wänden angebracht; sonst war es ohne Zier undzeigete an ihm selber, daß niemand auf die Dauer und mit seinenganzen Sinnen hier verweile.

Fast wär ich an der Schwelle noch zurückgewichen, da ich auf desJunkers "Herein" die Thür geöffnet; denn als er sich vom Fenster zumir wandte, sah ich eine Reiterpistole in seiner Hand, an derenRadschloß er hantirete. Er schauete mich an, als ob ich von denTollen käme. "So?" sagte er gedehnet; "wahrhaftig, Sieur Johannes,wenn's nicht schon sein Gespenste ist!"

"Ihr dachtet, Junker Wulf", entgegnet ich, indem ich näher zu ihmtrat, "es möcht der Straßen noch andre für mich geben, als die inEuere Kammer fahren!"

--"So dachte ich, Sieur Johannes! Wie Ihr gut rathen könnt! Dochimmerhin, Ihr kommt mir eben recht; ich hab Euch suchen lassen!"

In seiner Stimme bebte was, das wie ein lauernd Raubthier auf demSprunge lag, so daß die Hand mir unversehens nach dem Degen fuhr.Jedennoch sprach ich: "Hörer mich und gönnet mir ein ruhig Wort,Herr Junker!"

Stimme bebte was, das wie ein lauernd Raubthier auf demSprunge lag, so daß die Hand mir unversehens?

Er aber unterbrach meine Rede: "Du wirst gewogen sein, micherstlich auszuhören! Sieur Johannes"--und seine Worte, die erstlangsam waren, wurden allmählich gleichwie ein Gebrüll--, "vor einpaar Stunden, da ich mit schwerem Kopf erwachte, da fiel's mir beiund reuete mich gleich einem Narren, daß ich im Rausch die wildenHunde dir auf die Fersen gesetzet hatte;--seit aber Bas' Ursel mirden Fetzen vorgehalten, den sie dir aus deinem Federbalg gerissen,--beim Höllenelement! mich reut's nur noch, daß mir die Bestiensolch Stück Arbeit nachgelassen!"

Noch einmal suchte ich zu Worte zu kommen; und da der Junkerschwieg, so dachte ich, daß er auch hören würde. "Junker Wulf",sagte ich, "es ist schon wahr, ich bin kein Edelmann; aber ich binkein geringer Mann in meiner Kunst und hoffe, es auch wohl nocheinmal den Größeren gleichzuthun; so bitte ich Euch geziementlich,gehet Euere Schwester Katharina mir zum Ehgemahl--"

Da stockte mir das Wort im Munde. Aus seinem bleichen Antlitzstarrten mich die Augen des alten Bildes an; ein gellend Lachenschlug mir in das Ohr, ein Schuß--dann brach ich zusammen undhörete nur noch, wie mir der Degen, den ich ohn Gedanken fastgezogen hatte, klirrend aus der Hand zu Boden fiel.

Es war manche Woche danach, daß ich in dem schon bleicherenSonnenschein auf einem Bänkchen vor dem letzten Haus des Dorfes saß,mit matten Blicken nach dem Wald hinüberschauend, an dessenjenseitigem Rande das Herrenhaus belegen war. Meine thörichtenAugen suchten stets aufs Neue den Punkt, wo, wie ich mirvorstellete, Katharinens Kämmerlein von drüben auf die schonherbstlich gelben Wipfel schaue; denn von ihr selber hatte ichkeine Kunde.

Man hatte mich mit meiner Wunde in dies Haus gebracht, das von desJunkers Waldhüter bewohnt wurde; und außer diesem Mann und seinemWeibe und einem mir unbekannten Chirurgus war während meines langenLagers niemand zu mir gekommen.--Von wannen ich den Schuß in meineBrust erhalten, darüber hat mich niemand befragt, und ich habeniemandem Kunde gegeben; des Herzogs Gerichte gegen HerrnGerhardus' Sohn und Katharinens Bruder anzurufen, konnte nimmer mirzu Sinnen kommen. Er mochte sich dessen auch wohl getrösten; nochglaubhafter jedoch, daß er allen diesen Dingen trotzete.

Nur einmal war mein guter Dieterich da gewesen; er hatte mir in desJunkers Auftrage zwei Rollen Ungarischer Dukaten überbracht alsLohn für Katharinens Bild, und ich hatte das Gold genommen, inGedanken, es sei ein Theil von deren Erbe, von dem sie als meinWeib wohl später nicht zu viel empfahen würde. Zu einem traulichenGespräch mit Dieterich, nach dem mich sehr verlangete, hatte es mirnicht gerathen wollen, maßen das gelbe Fuchsgesicht meines Wirthesallaugenblicks in meine Kammer schaute; doch wurde so viel mir kund,daß der Junker nicht nach Kiel gereiset und Katharina seither vonniemandem weder in Hof noch Garten war gesehen worden; kaum konnteich noch den Alten bitten, daß er dem Fräulein, wenn sich's treffenmöchte, meine Grüße sage, und daß ich bald nach Holland zu reisen,aber bälder noch zurückzukommen dächte, was alles in Treuenauszurichten er mir dann gelobete.

Überfiel mich aber danach die allergrößeste Ungeduld, so daß ich,gegen den Willen des Chirurgus und bevor im Walde drüben noch dieletzten Blätter von den Bäumen fielen, meine Reise ins Werk setzete;langete auch schon nach kurzer Frist wohlbehalten in derholländischen Hauptstadt an, allwo ich von meinen Freunden garliebreich empfangen wurde, und mochte es auch ferner vor einglücklich Zeichen wohl erkennen, daß zwo Bilder, so ich dortzurückgelassen, durch die hilfsbereite Vermittelung meines theuerenMeisters van der Helst beide zu ansehnlichen Preisen verkaufetwaren. Ja, es war dessen noch nicht genug: ein mir schon früherwohl gewogener Kaufherr ließ mir sagen, er habe nur auf michgewartet, daß ich für sein nach dem Haag verheirathetes Töchterleinsein Bildniß malen möge; und wurde mir auch sofort ein reicher Lohndafür versprochen. Da dachte ich, wenn ich solches noch vollendete,daß dann genug des helfenden Metalles in meinen Händen wäre, umauch ohne andere Mittel Katharinen in ein wohl bestellet Heimweseneinzufahren.

Machte mich also, da mein freundlicher Gönner desselbigen Sinneswar, mit allem Eifer an die Arbeit, so daß ich bald den Tag meinerAbreise gar fröhlich nah und näher rücken sahe, unachtend, mit wasvor üblen Anständen ich drüben noch zu kämpfen hätte.

Aber des Menschen Augen sehen das Dunkel nicht, das vor ihm ist.--Als nun das Bild vollendet war und reichlich Lob und Gold um dessenwillen mir zu Theil geworden, da konnte ich nicht fort. Ich hattein der Arbeit meiner Schwäche nicht geachtet, die schlecht geheilteWunde warf mich wiederum danieder. Eben wurden zum Weihnachtsfesteauf allen Straßenplätzen die Waffelbuden aufgeschlagen, da begannmein Siechthum und hielt mich länger als das erste Mal gefesselt.Zwar der besten Arzteskunst und liebreicher Freundespflege war keinMangel, aber in Ängsten sahe ich Tag um Tag vergehen, und keineKunde konnte von ihr, keine zu ihr kommen.

Endlich nach harter Winterzeit, da der Zuidersee wieder seinegrünen Wellen schlug, geleiteten die Freunde mich zum Hafen; aberstatt des frohen Muthes nahm ich itzt schwere Herzensorge mit anBord. Doch ging die Reise rasch und gut von Statten.

Von Hamburg aus fuhr ich mit der königlichen Post; dann, wie vornun fast einem Jahre hiebevor, wanderte ich zu Fuße durch den Wald,an dem noch kaum die ersten Spitzen grüneten. Zwar probten schondie Finken und die Ammern ihren Lenzgesang; doch was kümmerten siemich heute!--Ich ging aber nicht nach Herrn Gerhardus' Herrengut;sondern, so stark mein Herz auch klopfete, ich bog seitwärts ab undschritt am Waldesrand entlang dem Dorfe zu. Da stund ich bald inHans Ottsens Krug und ihm gar selber gegenüber.

Der Alte sah mich seltsam an, meinete aber dann, ich lasse ja rechtmunter. "Nur", fügte er bei, "mit den Schießbüchsen müsset Ihrnicht wieder spielen; die machen ärgere Flecken als so einMalerpinsel."

Ich ließ ihn gern bei solcher Meinung, so, wie ich wohl merkete,hier allgemein verbreitet war, und that vors erste eine Frage nachdem alten Dieterich.

Da mußte ich vernehmen, daß er noch vor dem ersten Winterschnee,wie es so starken Leuten wohl passiret, eines plötzlichen, wennauch gelinden Todes verfahren sei. "Der freuet sich", sagte HansOttsen, "daß er zu seinem alten Herrn da droben kommen; und ist fürihn auch besser so."

"Amen!" sagte ich; "mein herzlieber alter Dieterich!"

Indeß aber mein Herz nur, und immer banger, nach einer Kundschaftvon Katharinen seufzete, nahm meine furchtsam Zunge einen Umweg,und ich sprach beklommen: "Was machet denn Euer Nachbar, der vonder Risch?"

"Oho", lachte der Alte; "der hat ein Weib genommen, und eine, dieihn schon zu Richte setzen wird."

Nur im ersten Augenblick erschrak ich, denn ich sagte mir sogleich,daß er nicht so von Katharinen reden würde; und da er dann denNamen nannte, so war's ein ältlich, aber reiches Fräulein aus derNachbarschaft; forschete also muthig weiter, wie's drüben in HerrnGerhardus' Haus bestellet sei, und wie das Fräulein und der Junkermit einander hauseten.

 

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