被淹死的人 德文版 Aquis Submersus
特奥多.施托姆 Theodor Storm
Aquis Submersus Page 4

 

Aber Katharina zog mich leise fort. "Laß uns nicht trotzen, meinJohannes!" sagte sie.--Mit Selbigem hörte ich im Treppenhause einGeräusch, und war es, als wenn etwas mit dreien Beinen sichmühselig die Stiegen heraufarbeitete. Als Katharina und ich unsdeshalb wieder an unsern Platz gesetzet und ich Pinsel und Palettezur Hand genommen hatte, öffnete sich die Thür, und Bas' Ursel, diewir wohl zuletzt erwartet hätten, kam an ihrem Stock hereingehustet."Ich höre", sagte sie, "Er will nach Hamburg, um den Rahmen zubesorgen; da muß ich mir nachgerade doch Sein Werk besehen!"

Es ist wohl männiglich bekannt, daß alte Jungfrauen in Liebessachendie allerfeinsten Sinne haben und so der jungen Welt gar oftBedrang und Trübsal bringen. Als Bas' Ursel auf Katharinens Bild,das sie bislang noch nicht gesehen, kaum einen Blick geworfen hatte,zuckte sie gar stolz empor mit ihrem runzeligen Angesicht und frugmich allsogleich: "Hat denn das Fräulein Ihn so angesehen, als wiesie da im Bilde sitzet?"

Ich entgegnete, es sei ja eben die Kunst der edlen Malerei, nichtbloß die Abschrift des Gesichts zu geben. Aber schon mußte anunsern Augen oder Wangen ihr Sonderliches aufgefallen sein, dennihre Blicke gingen spähend hin und wider. "Die Arbeit ist wohlbald am Ende?" sagte sie dann mit ihrer höchsten Stimme. "DeineAugen haben kranken Glanz, Katharina; das lange Sitzen hat dirnicht wohl gedienet."

Ich entgegnete, das Bild sei bald vollendet, nur an dem Gewande seinoch hie und da zu schaffen.

"Nun, da braucht Er wohl des Fräuleins Gegenwart nicht mehr dazu!--Komm, Katharina, dein Arm ist besser als der dumme Stecken hier!"

Und so mußt ich von der dürren Alten meines Herzens holdseligKleinod mir entführen sehen, da ich es eben mir gewonnen glaubte;kaum daß die braunen Augen mir noch einen stummen Abschied sendenkonnten.

Am andern Morgen, am Montage vor Johannis, trat ich meine Reise an.Auf einem Gaule, den Dieterich mir besorget, trabte ich in derFrühe aus dem Thorweg; als ich durch die Tannen ritt, brach einervon des Junkers Hunden herfür und fuhr meinem Thiere nach denFlechsen, wannschon selbiges aus ihrem eigenen Stalle war; aber deroben im Sattel saß, schien ihnen allzeit noch verdächtig. Kamengleichwohl ohne Blessur davon, ich und der Gaul, und langetenabends bei guter Zeit in Hamburg an.

Am andern Vormittage machte ich mich auf und befand auch bald einenSchnitzer, so der Bilderleisten viele fertig hatte, daß man sie nurzusammenzustellen und in den Ecken die Zierathen daraufzuthunbrauchte. Wurden also handelseinig, und versprach der Meister, mirdas alles wohl verpacket nachzusenden.

Nun war zwar in der berühmten Stadt vor einen Neubegierigen garvieles zu beschauen, so in der Schiffergesellschaft des SeeräubersStörtebeker silberner Becher, welcher das zweite Wahrzeichen derStadt genennet wird, und ohne den gesehen zu haben, wie es in einemBuche heißer, niemand sagen dürfe, daß er in Hamburg sei gewesen;sodann auch der Wunderfisch mit eines Adlers richtigen Krallen undFluchten, so eben um diese Zeit in der Elbe war gefangen worden undden die Hamburger, wie ich nachmalen hörete, auf einen Seesiegwider die türkischen Piraten deuteten; allein, obschon ein rechterReisender solcherlei Seltsamkeiten nicht vorbeigehen soll, so wardoch mein Gemüthe, beides, von Sorge und von Herzenssehnen, allzusehr beschweret. Derohalben, nachdem ich bei einem Kaufherrn nochmeinen Wechsel umgesetzet und in meiner Nachtherbergen Richtigkeitgetroffen hatte, bestieg ich um Mittage wieder meinen Gaul undhatte allsobald allen Lärmen des großen Hamburg hinter mir.

Am Nachmittage danach langete ich in Preetz an, meldete mich imStifte bei der hochwürdigen Dame und wurde auch alsbald vorgelassen.Ich erkannte in ihrer stattlichen Person allsogleich dieSchwester meines theueren seligen Herrn Gerhardus; nur, wie es sichan unverehelichten Frauen oftmals zeiget, waren die Züge desAntlitzes gleichwohl strenger als die des Bruders. Ich hatte,selbst nachdem ich Katharinens Schreiben überreichet, ein lang undhart Examen zu bestehen; dann aber verhieß sie ihren Beistand undsetzete sich zu ihrem Schreibgeräthe, indeß die Magd mich in einander Zimmer führen mußte, allwo man mich gar wohl bewirthete.

Es war schon spät am Nachmittage, da ich wieder fortritt; dochrechnete ich, obschon mein Gaul die vielen Meilen hinter unsbereits verspürete, noch gegen Mitternacht beim alten Dieterichanzuklopfen.--Das Schreiben, das die alte Dame mir für Katharinenmitgegeben, trug ich wohl verwahret in einem Ledertäschlein untermWamse auf der Brust. So ritt ich fürbaß in die aufsteigendeDämmerung hinein; gar bald an sie, die eine, nur gedenkend undimmer wieder mein Herz mit neuen lieblichen Gedanken schreckend.

Es war aber eine lauwarme Juninacht; von den dunkelen Feldern erhubsich der Ruch der Wiesenblumen, aus den Knicken duftete dasGeißblatt; in Luft und Laub schwebete ungesehen das kleineNachtgeziefer oder flog auch wohl surrend meinem schnaubenden Gaulean die Nüstern; droben aber an der blauschwarzen ungeheuerenHimmelsglocke über mir strahlte im Südost das Sternenbild desSchwanes in seiner unberührten Herrlichkeit.

Da ich endlich wieder auf Herrn Gerhardus' Grund und Boden war,resolvirte ich mich sofort, noch nach dem Dorfe hinüberzureiten,welches seitwärts von der Fahrstraßen hinterm Wald belegen ist.Denn ich gedachte, daß der Krüger Hans Ottsen einen paßlichenHandwagen habe; mit dem solle er morgen einen Boten in die Stadtschicken, um die Hamburger Kiste für mich abzuholen; ich aberwollte nur an sein Kammerfenster klopfen, um ihm solches zubestellen.

Also ritte ich am Waldesrande hin, die Augen fast verwirret von dengrünlichen Johannisfünkchen, die mit ihren spielerischen Lichternmich hier umflogen. Und schon ragete groß und finster die Kirchevor mir auf, in deren Mauern Herr Gerhardus bei den Seinen ruhte;ich hörte, wie im Thurm soeben der Hammer ausholete, und vonder Glocken scholl die Mitternacht ins Dorf hinunter. 'Abersie schlafen alle', sprach ich bei mir selber, 'die Todtenin der Kirchen oder unter dem hohen Sternenhimmel hieneben aufdem Kirchhof, die Lebenden noch unter den niedern Dächern, diedort stumm und dunkel vor dir liegen.' So ritt ich weiter. Alsich jedoch an den Teich kam, von wo aus man Hans Ottsens Kruggewahren kann, sahe ich von dorten einen dunstigen Lichtschein aufden Weg hinausbrechen, und Fiedeln und Klarinetten schalleten mirentgegen.

Da ich gleichwohl mit dem Wirthe reden wollte, so ritt ich herzuund brachte meinen Gaul im Stalle unter. Als ich danach auf dieTenne trat, war es gedrang voll von Menschen, Männern und Weibern,und ein Geschrei und wüst Getreibe, wie ich solches, auchbeim Tanz, in früheren Jahren nicht vermerket. Der Schein derUnschlittkerzen, so unter einem Balken auf einem Kreuzholzschwebten, hob manch bärtig und verhauen Antlitz aus dem Dunkel,dem man lieber nicht allein im Wald begegnet wäre.--Aber nicht nurStrolche und Bauerbursche schienen hier sich zu vergnügen; bei denMusikanten, die drüben vor der Döns auf ihren Tonnen saßen, stundder Junker von der Risch; er hatte seinen Mantel über dem einen Arm,an dem andern hing ihm eine derbe Dirne. Aber das Stückleinschien ihm nicht zu gefallen; denn er riß dem Fiedler seine Geigenaus den Händen, warf eine Handvoll Münzen auf seine Tonne undverlangte, daß sie ihm den neumodischen Zweitritt aufspielensollten. Als dann die Musikanten ihm gar rasch gehorchten und wietoll die neue Weise klingen ließen, schrie er nach Platz undschwang sich in den dichten Haufen; und die Bauerburschen glotztendrauf hin, wie ihm die Dirne im Arme lag, gleich einer Tauben vordem Geier.

Ich aber wandte mich ab und trat hinten in die Stube, um mit demWirth zu reden. Da saß der Junker Wulf beim Kruge Wein und hatteden alten Ottsen neben sich, welchen er mit allerhand Späßen inBedrängniß brachte; so drohete er, ihm seinen Zins zu steigern, undschüttelte sich vor Lachen, wenn der geängstete Mann gar jämmerlichum Gnad und Nachsicht supplicirte.--Da er mich gewahr worden, ließer nicht ab, bis ich selbdritt mich an den Tisch gesetzet; frugnach meiner Reise, und ob ich in Hamburg mich auch wohl vergnüget;ich aber antwortete nur, ich käme eben von dort zurück, und werdeder Rahmen in Kürze in der Stadt eintreffen, von wo Hans Ottsen ihnmit seinem Handwäglein leichtlich möge holen lassen.

Indeß ich mit letzterem solches nun verhandelte, kam auch der vonder Risch hereingestürmet und schrie dem Wirthe zu, ihm einenkühlen Trunk zu schaffen. Der Junker Wulf aber, dem bereits dieZunge schwer im Munde wühlete, faßte ihn am Arm und riß ihn auf denleeren Stuhl hernieder.

"Nun, Kurt!" rief er. "Bist du noch nicht satt von deinen Dirnen!Was soll die Katharina dazu sagen? Komm, machen wir alamode einehrbar hazard mitsammen!" Dabei hatte er ein Kartenspiel untermWams hervorgezogen. "Allons donc!--Dix et dame!--Dame et valet!"

Ich stand noch und sah dem Spiele zu, so dermalen eben Mode worden;nur wünschend, daß die Nacht vergehen und der Morgen kommen möchte.--Der Trunkene schien aber dieses Mal des Nüchternen Übermann; demvon der Risch schlug nach einander jede Karte fehl.

"Tröste dich, Kurt!" sagte der Junker Wulf, indeß er schmunzelnddie Speciesthaler auf einen Haufen scharrte:

"Glück in der LiebUnd Glück im Spiel,Bedenk, für einenIst's zu viel!

"Laß den Maler dir hier von deiner schönen Braut erzählen! Der weißsie auswendig; da kriegst du's nach der Kunst zu wissen."

Dem andern, wie mir am besten kund war, mochte aber noch nicht vielvon Liebesglück bewußt sein; denn er schlug fluchend auf den Tischund sah gar grimmig auf mich her.

"Ei, du bist eifersüchtig, Kurt!" sagte der Junker Wulf vergnüglich,als ob er jedes Wort auf seiner schweren Zunge schmeckete; "abergetröste dich, der Rahmen ist schon fertig zu dem Bilde; deinFreund, der Maler, kommt eben erst von Hamburg."

Bei diesem Worte sah ich den von der Risch aufzucken gleich einemSpürhund bei der Witterung. "Von Hamburg heut?--So muß er FaustiMantel sich bedienet haben; denn mein Reitknecht sah ihn heut zuMittag noch in Preetz! Im Stift, bei deiner Base ist er auf Besuchgewesen."

Meine Hand fuhr unversehens nach der Brust, wo ich das Täschleinmit dem Brief verwahret hatte; denn die trunkenen Augen des JunkersWulf lagen auf mir; und war mir's nicht anders, als sähe er damitmein ganz Geheimniß offen vor sich liegen. Es währete auch nichtlange, so flogen die Karten klatschend auf den Tisch. "Oho!"schrie er. "Im Stift, bei meiner Base! Du treibst wohl gardoppelt Handwerk, Bursch! Wer hat dich auf den Botenganggeschickt?"

"Ihr nicht, Junker Wulf!" entgegnet ich; "und das muß Euch genugsein!"--Ich wollt nach meinem Degen greifen, aber er war nicht da;fiel mir auch bei nun, daß ich ihn an den Sattelknopf gehänget, daich vorhin den Gaul zu Stalle brachte.

Und schon schrie der Junker wieder zu seinem jüngeren Kumpan: "Reißihm das Wams auf, Kurt! Es gilt den blanken Haufen hier; dufindest eine saubere Briefschaft, die du ungern möchtst bestelletsehen!"

Im selbigen Augenblick fühlte ich auch schon die Hände des von derRisch an meinem Leibe, und ein wüthend Ringen zwischen uns begann.Ich fühlte wohl, daß ich so leicht, wie in der Bubenzeit, ihm nichtmehr über würde; da aber fügete es sich zu meinem Glücke, daß ichihm beide Handgelenke packte und er also wie gefesselt vor mirstund. Es hatte keiner von uns ein Wort dabei verlauten lassen;als wir uns aber itzund in die Augen sahen, da wußte jeder wohl,daß er's mit seinem Todfeind vor sich habe.

Solches schien auch der Junker Wulf zu meinen; er strebte vonseinem Stuhl empor, als wolle er dem von der Risch zu Hülfe kommen;mochte aber zu viel des Weins genossen haben, denn er taumelte aufseinen Platz zurück. Da schrie er, so laut seine lallende Zunge esnoch vermochte: "He, Tartar! Türk! Wo steckt ihr! Tartar, Türk!"Und ich wußte nun, daß die zwo grimmen Köter, so ich vorhin auf derTenne an dem Ausschank hatte lungern sehen, mir an die nackte Kehlespringen sollten. Schon hörete ich sie durch das Getümmel derTanzenden daherschnaufen, da riß ich mit einem Rucke jählingsmeinen Feind zu Boden, sprang dann durch eine Seitenthür aus demZimmer, die ich schmetternd hinter mir zuwarf, und gewann also dasFreie.

Und um mich her war plötzlich wieder die stille Nacht und Mond- undSternenschimmer. In den Stall zu meinem Gaul wagt ich nicht erstzu gehen, sondern sprang flugs über einen Wall und lief über dasFeld dem Walde zu. Da ich ihn bald erreichet, suchte ich dieRichtung nach dem Herrenhofe einzuhalten; denn es zieht sich dieHolzung bis hart zur Gartenmauer. Zwar war die Helle derHimmelslichter hier durch das Laub der Bäume ausgeschlossen, abermeine Augen wurden der Dunkelheit gar bald gewohnt, und da ich dasTäschlein sicher unter meinem Wamse fühlte, so tappte ich rüstigvorwärts; denn ich gedachte den Rest der Nacht noch einmal inmeiner Kammer auszuruhen, dann aber mit dem alten Dieterich zuberathen, was allfort geschehen solle; maßen ich wohl sahe, daßmeines Bleibens hier nicht fürder sei.

Bisweilen stund ich auch und horchte; aber ich mochte bei meinemAbgang wohl die Thür ins Schloß geworfen und so einen gutenVorsprung mir gewonnen haben: von den Hunden war kein Lautvernehmbar. Wohl aber, da ich eben aus dem Schatten auf eine vomMond erhellete Lichtung trat, hörete ich nicht gar fern dieNachtigallen schlagen; und von wo ich ihren Schall hörte, dahinrichtete ich meine Schritte, denn mir war wohl bewußt, sie hattenhier herum nur in den Hecken des Herrengartens ihre Nester;erkannte nun auch, wo ich mich befand, und daß ich bis zum Hofenicht gar weit mehr hatte.

Ging also dem lieblichen Schallen nach, das immer heller vor miraus dem Dunkel drang. Da plötzlich schlug was anderes an mein Ohr,das jählings näher kam und mir das Blut erstarren machte. Nichtzweifeln konnt ich mehr, die Hunde brachen durch das Unterholz; siehielten fest auf meiner Spur, und schon hörete ich deutlich hintermir ihr Schnaufen und ihre gewaltigen Sätze in dem dürren Laub desWaldbodens. Aber Gott gab mir seinen gnädigen Schutz; aus demSchatten der Bäume stürzte ich gegen die Gartenmauer, und an einesFliederbaums Geäste schwang ich mich hinüber. Da sangen hier imGarten immer noch die Nachtigallen; die Buchenhecken warfen tiefeSchatten. In solcher Mondnacht war ich einst vor meiner Ausfahrtin die Welt mit Herrn Gerhardus hier gewandelt. "Sieh dir's nocheinmal an, Johannes!" hatte dermalen er gesprochen; "es könntgeschehen, daß du bei deiner Heimkehr mich nicht daheim mehrfändest, und daß alsdann ein Willkomm nicht für dich am Thorgeschrieben stünde;--ich aber möcht nicht, daß du diese Stätte hiervergäßest."

Das flog mir itzund durch den Sinn, und ich mußte bitter lachen;denn nun war ich hier als ein gehetzet Wild; und schon hörete ichdie Hunde des Junker Wulf gar grimmig draußen an der Gartenmauerrennen. Selbige aber war, wie ich noch tags zuvor gesehen, nichtüberall so hoch, daß nicht das wüthige Gethier hinüber konnte; undrings im Garten war kein Baum, nichts als die dichten Hecken unddrüben gegen das Haus die Blumenbeete des seligen Herrn. Da, alseben das Bellen der Hunde wie ein Triumphgeheule innerhalb derGartenmauer scholl, ersahe ich in meiner Noth den alten Epheubaum,der sich mit starkem Stamme an dem Thurm hinaufreckt; und da danndie Hunde aus den Hecken auf den mondhellen Platz hinaus raseten,war ich schon hoch genug, daß sie mit ihrem Anspringen mich nichtmehr erreichen konnten; nur meinen Mantel, so von der Schultergeglitten, hatten sie mit ihren Zähnen mir herabgerissen.

indeß er schmunzelnddie Speciesthaler auf einen Haufen scharrte:abermeine Augen wurden der Dunkelheit gar bald gewohnt.

Ich aber, also angeklammert und fürchtend, es werde das nach obenschwächere Geäste mich auf die Dauer nicht ertragen, blicktesuchend um mich, ob ich nicht irgend besseren Halt gewinnen möchte;aber es war nichts zu sehen als die dunklen Epheublätter um michher.--Da, in solcher Noth, hörete ich ober mir ein Fenster öffnen,und eine Stimme scholl zu mir herab--möchte ich sie wieder hören,wenn du, mein Gott, mich bald nun rufen läßt aus diesem Erdenthal!--"Johannes!" rief sie; leis, doch deutlich hörete ich meinen Namen,und ich kletterte höher an dem immer schwächeren Gezweige, indeßdie schlafenden Vögel um mich auffuhren und die Hunde von unten einGeheul heraufstießen.--"Katharina! Bist du es wirklich, Katharina?"

Aber schon kam ein zitternd Händlein zu mir herab und zog michgegen das offene Fenster; und ich sah in ihre Augen, die vollEntsetzen in die Tiefe starrten.

Da flog ein schmerzlich Lächeln über ihr Gesicht: "Ich glaub wohlfast, Johannes!--Das Leben ist so hart; der Traum ist süß!"

Als aber von unten aus dem Garten das Geheul aufs Neu heraufkam,fuhr sie erschreckt empor. "Die Hunde, Johannes!" rief sie. "Wasist das mit den Hunden?"

"Katharina", sagte ich, "wenn ich Euch dienen soll, so glaub ich,es muß bald geschehen; denn es fehlt viel, daß ich noch einmaldurch die Thür in dieses Haus gelangen sollte." Dabei hatte ich denBrief aus meinem Täschlein hervorgezogen und erzählete auch, wieich im Kruge drunten mit den Junkern sei in Streit gerathen.

Sie hielt das Schreiben in den hellen Mondenschein und las; dannschaute sie mich voll und herzlich an, und wir beredeten, wie wiruns morgen in dem Tannenwalde treffen wollten; denn Katharinasollte noch zuvor erkunden, auf welchen Tag des Junker WulfenAbreise zum Kieler Johannismarkte festgesetzet sei.

"Und nun, Katharina", sprach ich, "habt Ihr nicht etwas, das einerWaffe gleich sieht, ein eisern Ellenmaß oder so dergleichen, damitich der beiden Thiere drunten mich erwehren könne?"

Sie aber schrak jäh wie aus einem Traum empor. "Was sprichst du,Johannes!" rief sie; und ihre Hände, so bislang in ihrem Schoßgeruhet, griffen nach den meinen. "Nein, nicht fort, nicht fort!Da drunten ist der Tod; und gehst du, so ist auch hier der Tod!"

Da war ich vor ihr hingeknieet und lag an ihrer jungen Brust, undwir umfingen uns in großer Herzensnoth. "Ach, Käthe", sprach ich,"was vermag die arme Liebe denn! Wenn auch dein Bruder Wulf nichtwäre; ich bin kein Edelmann und darf nicht um dich werben."

Sehr süß und sorglich schauete sie mich an; dann aber kam es wieSchelmerei aus ihrem Munde: "Kein Edelmann, Johannes?--Ich dächte,du seiest auch das! Aber--ach nein! Dein Vater war nur der Freunddes meinen--das gilt der Welt wohl nicht!"

"Nein, Käthe; nicht das, und sicherlich nicht hier", entgegnete ichund umfaßte fester ihren jungfräulichen Leib; "aber drüben inHolland, dort gilt ein tüchtiger Maler wohl einen deutschenEdelmann; die Schwelle von Mynherr van Dycks Palaste zu Amsterdamist wohl dem Höchsten ehrenvoll zu überschreiten. Man hat michdrüben halten wollen, mein Meister van der Helst und andre! Wennich dorthin zurückginge, ein Jahr noch oder zwei; dann--wir kommendann schon von hier fort; bleib mir nur feste gegen euere wüstenJunker!"

 

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