



Ich hatte auf Katharinen in diesem Augenblicke fast vergessen. Daich mich umwandte, stand sie schier reglos mitten in dem Zimmer,und ich sah, wie unter den kleinen Händen, die sie daraufgepreßthielt, ihre Brust in ungestümer Arbeit ging. "Nicht wahr", sagtesie leise, "hier ist itzt niemand mehr; niemand als mein Bruder undseine grimmen Hunde?"
"Katharina!" rief ich; "was ist Euch? Was ist das hier in EueresVaters Haus?"
"Was es ist, Johannes?" Und fast wild ergriff sie meine beidenHände, und ihre jungen Augen sprühten wie in Zorn und Schmerz."Nein, nein; laß erst den Vater in seiner Gruft zur Ruhe kommen!Aber dann--du sollst mein Bild ja malen, du wirst eine Zeitlanghier verweilen--dann, Johannes, hilf mir; um des Todten willen,hilf mir!"
Auf solche Worte, von Mitleid und von Liebe ganz bezwungen, fielich vor der Schönen, Süßen nieder und schwur ihr mich und allemeine Kräfte zu. Da lösete sich ein sanfter Thränenquell aus ihrenAugen, und wir saßen neben einander und sprachen lange zu desEntschlafenen Gedächtniß.
Als wir sodann wieder in das Unterhaus hinabgingen, fragte ich auchdem alten Fräulein nach.
"Oh", sagte Katharina, "Bas' Ursel! Wollt Ihr sie begrüßen? Ja,die ist auch noch da; sie hat hier unten ihr Gemach, denn dieTreppen sind ihr schon längsthin zu beschwerlich."
Wir traten also in ein Stübchen, das gegen den Garten lag, wo aufden Beeten vor den grünen Heckenwänden soeben die Tulpen aus derErde brachen. Bas' Ursel saß, in der schwarzen Tracht undKrepphaube nur wie ein schwindend Häufchen anzuschauen, in einemhohen Sessel und hatte ein Nonnenspielchen vor sich, das, wie sienachmals mir erzählte, der Herr Baron--nach seines Vaters Ablebenwar er solches itzund wirklich--ihr aus Lübeck zur Verehrungmitgebracht.
"So", sagte sie, da Katharina mich genannt hatte, indeß siebehutsam die helfenbeinern Pflöcklein um einander steckte, "ist Erwieder da, Johannes? Nein, es geht nicht aus! O, c'est un jeutrès-compliqué!"
Dann warf sie die Pflöcklein über einander und schauete mich an."Ei", meinte sie, "Er ist gar stattlich angethan; aber weiß Er dennnicht, daß Er in ein Trauerhaus getreten ist?"
"Ich weiß es, Fräulein", entgegnete ich; "aber da ich in das Thortrat, wußte ich es nicht."
"Nun", sagte sie und nickte gar begütigend; "so eigentlich gehöretEr ja auch nicht zur Dienerschaft."
Über Katharinens blasses Antlitz flog ein Lächeln, wodurch ich michjeder Antwort wohl enthoben halten mochte. Vielmehr rühmte ich deralten Dame die Anmuth ihres Wohngemaches; denn auch der Epheu vondem Thürmchen, das draußen an der Mauer aufstieg, hatte sich nachdem Fenster hingesponnen und wiegete seine grünen Ranken vor denScheiben.
Aber Bas' Ursel meinete, ja, wenn nur nicht die Nachtigallen wären,die itzt schon wieder anhüben mit ihrer Nachtunruhe; sie könneohnedem den Schlaf nicht finden; und dann auch sei es schier zuabgelegen; das Gesinde sei von hier aus nicht im Aug zu halten; imGarten draußen aber passire eben nichts, als etwan, wann derGärtnerbursche an den Hecken oder Buchsrabatten putze.
--Und damit hatte der Besuch seine Endschaft; denn Katharina mahnte,es sei nachgerade an der Zeit, meinen wegemüden Leib zu stärken.
Ich war nun in meinem Kämmerchen ober dem Hofthor einlogiret, demalten Dieterich zur sondern Freude; denn am Feierabend saßen wirauf seiner Tragkist, und ließ ich mir, gleich wie in der Knabenzeit,von ihm erzählen. Er rauchte dann wohl eine Pfeife Tabak, welcheSitte durch das Kriegsvolk auch hier in Gang gekommen war, undholete allerlei Geschichten aus den Drangsalen, so sie durch diefremden Truppen auf dem Hof und unten in dem Dorf hatten erleidenmüssen; einmal aber, da ich seine Rede auf das gute FrölenKatharina gebracht und er erst nicht hatt ein Ende finden können,brach er gleichwohl plötzlich ab und schauete mich an.
"Wisset Ihr, Herr Johannes", sagte er, "'s ist grausam schad, daßIhr nicht auch ein Wappen habet gleich dem von der Risch da drüben!"
"Ihr wisset, ich soll Euer Bildniß malen.
Und da solche Rede mir das Blut ins Gesicht jagete, klopfte er mitseiner harten Hand mir auf die Schulter, meinend: "Nun, nun, HerrJohannes; 's war ein dummes Wort von mir; wir müssen freilichbleiben, wo uns der Herrgott hingesetzet."
Weiß nicht, ob ich derzeit mit solchem einverstanden gewesen,fragete aber nur, was der von der Risch denn itzund für ein Manngeworden.
Der Alte sah mich gar pfiffig an und paffte aus seinem kurzenPfeiflein, als ob das theure Kraut am Feldrain wüchse. "WolletIhr's wissen, Herr Johannes?" begann er dann. "Er gehöret zu denenmuntern Junkern, die im Kieler Umschlag den Bürgersleuten dieKnöpfe von den Häusern schießen; Ihr möget glauben, er hattreffliche Pistolen! Auf der Geigen weiß er nicht so gut zuspielen; da er aber ein lustig Stücklein liebt, so hat er letzthinden Rathsmusikanten, der überm Holstenthore wohnt, um Mitternachtmit seinem Degen aufgeklopfet, ihm auch nicht Zeit gelassen, sichWams und Hosen anzuthun. Statt der Sonnen stand aber der Mond amHimmel, es war octavis trium regum und fror Pickelsteine; und hatalso der Musikante, den Junker mit dem Degen hinter sich, imblanken Hemde vor ihm durch die Gassen geigen müssen!--Wollet Ihrmehr noch wissen, Herr Johannes?--Zu Haus bei ihm freuen sich dieBauern, wenn der Herrgott sie nicht mit Töchtern gesegnet; unddennoch--aber nach seines Vaters Tode hat er Geld, und unser Junker,Ihr wisset's wohl, hat schon vorher von seinem Erbe aufgezehrt."
Ich wußte freilich nun genug; auch hatte der alte Dieterich schonmit seinem Spruche: "Aber ich bin nur ein höriger Mann", seinerRede Schluß gemacht.
--Mit meinem Malgeräth war auch meine Kleidung aus der Stadtgekommen, wo ich im Goldenen Löwen alles abgeleget, so daß ichanitzt, wie es sich ziemete, in dunkler Tracht einherging. DieTagesstunden aber wandte ich zunächst in meinen Nutzen. Nämlich,es befand sich oben im Herrenhause neben des seligen Herrn Gemachein Saal, räumlich und hoch, dessen Wände fast völlig vonlebensgroßen Bildern verhänget waren, so daß nur noch neben demKamin ein Platz zu zweien offen stund. Es waren das die Vorelterndes Herrn Gerhardus, meist ernst und sicher blickende Männer undFrauen, mit einem Antlitz, dem man wohl vertrauen konnte; erselbsten in kräftigem Mannesalter und Katharinens früh verstorbeneMutter machten dann den Schluß. Die, beiden letzten Bilder warengar trefflich von unserem Landsmanne, dem Eiderstedter Georg Ovens,in seiner kräftigen Art gemalet; und ich suchte nun mit meinemPinsel die Züge meines edlen Beschützers nachzuschaffen; zwar inverengtem Maßstabe und nur mir selber zum Genügen; doch hat esspäter zu einem größeren Bildniß mir gedienet, das noch itzt hierin meiner einsamen Kammer die theuerste Gesellschaft meines Altersist. Das Bildniß seiner Tochter aber lebt mit mir in meinem Innern.
Oft, wenn ich die Palette hingelegt, stand ich noch lange vor denschönen Bildern. Katharinens Antlitz fand ich in dem der beidenEltern wieder: des Vaters Stirn, der Mutter Liebreiz um die Lippen;wo aber war hier der harte Mundwinkel, das kleine Auge des JunkerWulf?--Das mußte tiefer aus der Vergangenheit heraufgekommen sein!Langsam ging ich die Reih der älteren Bildnisse entlang, bis überhundert Jahre weit hinab. Und siehe, da hing im schwarzen, von denWürmern schon zerfressenen Holzrahmen ein Bild, vor dem ich schonals Knabe, als ob's mich hielte, still gestanden war. Es stelleteeine Edelfrau von etwa vierzig Jahren vor; die kleinen grauen Augensahen kalt und stechend aus dem harten Antlitz, das nur zur Hälftezwischen dem Weißen Kinntuch und der Schleierhaube sichtbarwurde. Ein leiser Schauer überfuhr mich vor der so lang schonheimgegangenen Seele; und ich sprach zu mir: 'Hier, dieseist's! Wie räthselhafte Wege gehet die Natur! Ein saeculum unddrüber rinnt es heimlich wie unter einer Decke im Blute derGeschlechter fort; dann, längst vergessen, taucht es plötzlichwieder auf, den Lebenden zum Unheil. Nicht vor dem Sohn des edlenGerhardus; vor dieser hier und ihres Blutes nachgeborenem Sprößlingsoll ich Katharinen schützen.' Und wieder trat ich vor diebeiden jüngsten Bilder, an denen mein Gemüthe sich erquickte.
So weilte ich derzeit in dem stillen Saale, wo um mich nur dieSonnenstäublein spielten, unter den Schatten der Gewesenen.
Katharinen sah ich nur beim Mittagstische, das alte Fräulein undden Junker Wulf zur Seiten; aber wofern Bas' Ursel nicht in ihrenhohen Tönen redete, so war es stets ein stumm und betrübsam Mahl,so daß mir oft der Bissen im Munde quoll. Nicht die Trauer um denAbgeschiedenen war deß Ursach, sondern es lag zwischen Bruder undSchwester, als sei das Tischtuch durchgeschnitten zwischen ihnen.Katharina, nachdem sie fast die Speisen nicht berührt, entferntesich allzeit bald, mich kaum nur mit den Augen grüßend; der Junkeraber, wenn ihm die Laune stund, suchte mich dann beim Trunkefestzuhalten; hatte mich also hiegegen und, so ich nicht hinauswollte über mein gestecktes Maß, überdem wider allerart Flosculn zuwehren, welche gegen mich gespitzet wurden.
Inzwischen, nachdem der Sarg schon mehrere Tage geschlossen gewesen,geschahe die Beisetzung des Herrn Gerhardus drunten in der Kirchedes Dorfes, allwo das Erbbegräbniß ist und wo itzt seine Gebeinebei denen seiner Voreltern ruhen, mit denen der Höchste ihnendereinst eine fröhliche Urständ wolle bescheren!
Es waren aber zu solcher Trauerfestlichkeit zwar mancherlei Leuteaus der Stadt und den umliegenden Gütern gekommen, von Angehörigenaber fast wenige und auch diese nur entfernte, maßen der JunkerWulf der Letzte seines Stammes war und des Herrn Gerhardus Ehgemahlnicht hiesigen Geschlechts gewesen; darum es auch geschahe, daß inder Kürze alle wieder abgezogen sind.
Wuthmeines Bruders, die selbst das Ohr des Sterbenden erfüllet hätte,wenn!
Der Junker drängte nun selbst, daß ich mein aufgetragen Werkbegönne, wozu ich droben in dem Bildersaale an einem nach Norden zubelegenen Fenster mir schon den Platz erwählet hatte. Zwar kamBas' Ursel, die wegen ihrer Gicht die Treppen nicht hinauf konnte,und meinete, es möge am besten in ihrer Stuben oder im Gemach darangeschehen, so sei es uns beiderseits zur Unterhaltung; ich aber,solcher Gevatterschaft gar gern entrathend, hatte an der dortigenWestsonne einen rechten Malergrund dagegen, und konnte alles Redenihr nicht nützen. Vielmehr war ich am andern Morgen schon dabei,die Nebenfenster des Saales zu verhängen und die hohe Staffelei zustellen, so ich mit Hülfe Dieterichs mir selber in den letztenTagen angefertigt.
Als ich eben den Blendrahmen mit der Leinewand darauf gelegt,öffnete sich die Thür aus Herrn Gerhardus' Zimmer, und Katharinatrat herein. Aus was für Ursach, wäre schwer zu sagen; aber ichempfand, daß wir uns dießmal fast erschrocken gegenüber standen;aus der schwarzen Kleidung, die sie nicht abgeleget, schaute dasjunge Antlitz in gar süßer Verwirrung zu mir auf.
"Katharina", sagte ich, "Ihr wisset, ich soll Euer Bildniß malen;duldet Ihr's auch gern?"
Da zog ein Schleier über ihre braunen Augensterne, und sie sagteleise: "Warum doch fragt Ihr so, Johannes?"
Wie ein Thau des Glückes sank es in mein Herz. "Nein, nein,Katharina! Aber sagt, was ist, worin kann ich Euch dienen?--SetzetEuch, damit wir nicht so müßig überrascht werden, und dann sprecht!Oder vielmehr, ich weiß es schon. Ihr braucht mir's nicht zusagen!"
Aber sie setzte sich nicht, sie trat zu mir heran. "Denket Ihrnoch, Johannes, wie Ihr einst den Buhz mit Euerem Bogenniederschosset? Das thut dießmal nicht noth, obschon er wieder obdem Neste lauert; denn ich bin kein Vöglein, das sich von ihmzerreißen läßt. Aber, Johannes--ich habe einen Blutsfreund--, hilfmir wider den!"
Gerhardus'einzigen Geschwisters, und meinete, ob die.
"Ihr meinet Eueren Bruder, Katharina!"
--"Ich habe keinen andern.--Dem Manne, den ich hasse, will er michzum Weibe geben! Während unseres Vaters langem Siechbett habe ichden schändlichen Kampf mit ihm gestritten, und erst an seinem Sarghab ich's ihm abgetrotzt, daß ich in Ruhe um den Vater trauern mag;aber ich weiß, auch das wird er nicht halten."
Ich gedachte eines Stiftsfräuleins zu Preetz, Herrn Gerhardus'einzigen Geschwisters, und meinete, ob die nicht um Schutz undZuflucht anzugehen sei.
Katharina nickte. "Wollt Ihr mein Bote sein, Johannes?--Geschrieben habe ich ihr schon, aber in Wulfs Hände kam die Antwort,und auch erfahren habe ich sie nicht, nur die ausbrechende Wuthmeines Bruders, die selbst das Ohr des Sterbenden erfüllet hätte,wenn es noch offen gewesen wäre für den Schall der Welt; aber dergnädige Gott hatte das geliebte Haupt schon mit dem letztenErdenschlummer zugedecket."
Katharina hatte sich nun doch auf meine Bitte mir genüber gesetzet,und ich begann die Umrisse auf die Leinewand zu zeichnen. So kamenwir zu ruhiger Berathung; und da ich, wenn die Arbeit weitervorgeschritten, nach Hamburg mußte, um bei dem Holzschnitzer einenRahmen zu bestellen, so stelleten wir fest, daß ich alsdann denUmweg über Preetz nähme und also meine Botschaft ausrichtete.Zunächst jedoch sei emsig an dem Werk zu fördern.
Es ist gar oft ein seltsam Widerspiel im Menschenherzen. DerJunker mußte es schon wissen, daß ich zu seiner Schwester stand;gleichwohl--hieß nun sein Stolz ihn, mich gering zu schätzen, oderglaubte er mit seiner ersten Drohung mich genug geschrecket--, wasich besorget, traf nicht ein; Katharina und ich waren am ersten wiean den andern Tagen von ihm ungestöret. Einmal zwar trat er einund schalt mit Katharinen wegen ihrer Trauerkleidung, warf aberdann die Thür hinter sich, und wir hörten ihn bald auf dem Hofe einReiterstücklein pfeifen. Ein ander Mal noch hatte er den von derRisch an seiner Seite. Da Katharina eine heftige Bewegung machte,bat ich sie, auf ihrem Platz zu bleiben, und malete ruhig weiter.Seit dem Begräbnißtage, wo ich einen fremden Gruß mit ihmgetauschet, hatte der Junker Kurt sich auf dem Hofe nicht gezeigt;nun trat er näher und beschauete das Bild und redete gar schöneWorte, meinete aber auch, weshalb das Fräulein sich so sehrvermummt und nicht vielmehr ihr seidig Haar in freien Locken aufden Nacken habe wallen lassen; wie es ein Engelländischer Poet sotrefflich ausgedrücket, "rückwärts den Winden leichte Küsse werfend."Katharina aber, die bisher geschwiegen, wies auf Herrn Gerhardus'Bild und sagte: "Ihr wisset wohl nicht mehr, daß das mein Vaterwar!"
Was Junker Kurt hierauf entgegnete, ist mir nicht mehr erinnerlich;meine Person aber schien ihm ganz nicht gegenwärtig oder doch nurgleich einer Maschine, wodurch ein Bild sich auf die Leinewandmalete. Von letzterem begann er über meinen Kopf hin dieß undjenes noch zu reden; da aber Katharina nicht mehr Antwort gab, sonahm er alsbald seinen Urlaub, der Dame angenehme Kurzweilwünschend.
Bei diesem Wort jedennoch sah ich aus seinen Augen einen raschenBlick gleich einer Messerspitze nach mir zücken.
--Wir hatten nun weitere Störniß nicht zu leiden, und mit derJahreszeit rückte auch die Arbeit vor. Schon stand auf denWaldkoppeln draußen der Roggen in silbergrauem Blust, und unten imGarten brachen schon die Rosen auf; wir beide aber--ich mag es heutwohl niederschreiben--, wir hätten itzund die Zeit gern stillestehen lassen; an meine Botenreise wagten, auch nur mit einemWörtlein, weder sie noch ich zu rühren. Was wir gesprochen, wüßteich kaum zu sagen; nur daß ich von meinem Leben in der Fremde ihrerzählte und wie ich immer heim gedacht; auch daß ihr güldnerPfennig mich in Krankheit einst vor Noth bewahrt, wie sie in ihremKinderherzen es damals fürgesorget, und wie ich später danngestrebt und mich geängstet, bis ich das Kleinod aus dem Leihhausmir zurückgewonnen hatte. Dann lächelte sie glücklich; und dabeiblühete aus dem dunkeln Grund des Bildes immer süßer das holdeAntlitz auf, mir schien's, als sei es kaum mein eigenes Werk.--Mitunter war's, als schaue mich etwas heiß aus ihren Augen an; dochwollte ich es dann fassen, so floh es scheu zurück; und dennochfloß es durch den Pinsel heimlich auf die Leinewand, so daß mirselber kaum bewußt ein sinnberückend Bild entstand, wie nie zuvorund nie nachher ein solches aus meiner Hand gegangen ist.--Undendlich war's doch an der Zeit und festgesetzet, am andern Morgensollte ich meine Reise antreten.
Als Katharina mir den Brief an ihre Base eingehändigt, saß sie nocheinmal mir gegenüber. Es wurde heute mit Worten nicht gespielet;wir sprachen ernst und sorgenvoll mitsammen; indessen setzete ichnoch hie und da den Pinsel an, mitunter meine Blicke auf dieschweigende Gesellschaft an den Wänden werfend, deren ich inKatharinens Gegenwart sonst kaum gedacht hatte.
Da, unter dem Malen, fiel mein Auge auch auf jenes alteFrauenbildniß, das mir zur Seite hing und aus den weißenSchleiertüchern die stechend grauen Augen auf mich gerichtet hielt.Mich fröstelte, ich hätte nahezu den Stuhl verrücket.
Aber Katharinens süße Stimme drang mir in das Ohr: "Ihr seid jafast erbleichet; was flog Euch übers Herz, Johannes?"
Ich zeigte mit dem Pinsel auf das Bild. "Kennet Ihr die,Katharina? Diese Augen haben hier all die Tage auf uns hingesehen."
"Die da?--Vor der hab ich schon als Kind eine Furcht gehabt, undgar bei Tage bin ich oft wie blind hier durchgelaufen. Es ist dieGemahlin eines früheren Gerhardus; vor weit über hundert Jahren hatsie hier gehauset."
"Sie gleicht nicht Euerer schönen Mutter", entgegnete ich; "diesAntlitz hat wohl vermocht, einer jeden Bitte nein zu sagen."
Katharina sah gar ernst zu mir herüber. "So heißt's auch", sagtesie, "sie soll ihr einzig Kind verfluchet haben; am andern Morgenaber hat man das blasse Fräulein aus einem Gartenteich gezogen, dernachmals zugedämmet ist. Hinter den Hecken, dem Walde zu, soll esgewesen sein."
"Ich weiß, Katharina; es wachsen heut noch Schachtelhalm und Binsenaus dem Boden."
"Wisset Ihr denn auch, Johannes, daß eine unseres Geschlechtes sichnoch immer zeigen soll, sobald dem Hause Unheil droht? Man siehtsie erst hier an den Fenstern gleiten, dann draußen in demGartensumpf verschwinden."
Ohnwillens wandten meine Augen sich wieder auf die unbeweglichendes Bildes. "Und weshalb", fragte ich, "verfluchete sie ihr Kind?"
"Weshalb?"--Katharina zögerte ein Weilchen und blickte mich fastverwirret an mit allem ihrem Liebreiz. "Ich glaub, sie wollte denVetter ihrer Mutter nicht zum Ehgemahl."
--"War es denn ein gar so übler Mann?"
Ein Blick fast wie ein Flehen flog zu mir herüber, und tiefesRosenroth bedeckte ihr Antlitz. "Ich weiß nicht", sagte siebeklommen; und leiser, daß ich's kaum vernehmen mochte, setzte siehinzu: "Es heißt, sie hab einen andern lieb gehabt; der war nichtihres Standes."
Ich hatte den Pinsel sinken lassen; denn sie saß vor mir mitgesenkten Blicken; wenn nicht die kleine Hand sich leis aus ihremSchoße auf ihr Herz geleget, so wäre sie selber wie ein leblos Bildgewesen.
Und als sie nun die Wimpern von den braunen Augensternen hob, dawar kein Hehlens mehr; heiß und offen ging der Strahl zu meinemHerzen. "Katharina!" Ich war aufgesprungen. "Hätte jene Frau auchdich verflucht?"
Sie athmete tief auf "Auch mich, Johannes!"--Da lag ihr Haupt anmeiner Brust, und fest umschlossen standen wir vor dem Bild derAhnfrau, die kalt und feindlich auf uns niederschauete.