



Indem ich dieß bei mir erwog, war ich aus dem Buchenwalde in denRichtsteig durch das Tannenhölzchen geschritten, das schon dem Hofenahe liegt. Wie liebliche Erinnerung umhauchte mich der Würzeduftdes Harzes; aber bald trat ich aus dem Schatten in den vollenSonnenschein hinaus; da lagen zu beiden Seiten die mit Haselbüscheneingehegten Wiesen, und nicht lange, so wanderte ich zwischen denzwo Reihen gewaltiger Eichbäume, die zum Herrensitz hinaufführen.
Ich weiß nicht, was für ein bang Gefühl mich plötzlich überkam, ohnalle Ursach, wie ich derzeit dachte; denn es war eitel Sonnenscheinumher, und vom Himmel herab klang ein gar herzlich und ermunterndLerchensingen. Und siehe, dort auf der Koppel, wo der Hofmannseinen Immenhof hat, stand ja auch noch der alte Holzbirnenbaum undflüsterte mit seinen jungen Blättern in der blauen Luft.
ich. "Aber seit wann haltetIhr solche Bluthunde auf dem Hof,
"Grüß dich Gott!" sagte ich leis, gedachte dabei aber weniger desBaumes, als vielmehr des holden Gottesgeschöpfes, in dem, wie essich nachmals fügen mußte, all Glück und Leid und auch all nagendeBuße meines Lebens beschlossen sein sollte, für jetzt und alle Zeit.Das war des edlen Herrn Gerhardus Töchterlein, des Junkers Wulfeneinzig Geschwister.
Item, es war bald nach meines lieben Vaters Tode, als ich zumersten Mal die ganze Vacanz hier verbrachte; sie war derzeit einneunjährig Dirnlein, die ihre braunen Zöpfe lustig fliegen ließ;ich zählte um ein paar Jahre weiter. So trat ich eines Morgensaus dem Thorhaus; der alte Hofmann Dieterich, der ober derEinfahrt wohnt und neben dem als einem getreuen Mann mir meinSchlafkämmerlein eingeräumt war, hatte mir einen Eschenbogenzugerichtet, mir auch die Bolzen von tüchtigem Blei dazu gegossen,und ich wollte nun auf die Raubvögel, deren genug bei demHerrenhaus umherschrien; da kam sie vom Hofe auf mich zugesprungen.
"Weißt du, Johannes", sagte sie; "ich zeig dir ein Vogelnest; dortin dem hohlen Birnbaum; aber das sind Rotschwänzchen, die darfst duja nicht schießen!"
Damit war sie schon wieder vorausgesprungen; doch eh sie noch demBaum auf zwanzig Schritte nah gekommen, sah ich sie jählings stillestehn. "Der Buhz, der Buhz!" schrie sie und schüttelte wieentsetzt ihre beiden Händlein in der Luft.
Es war aber ein großer Waldkauz, der ober dem Loche des hohlenBaumes saß und hinabschauete, ob er ein ausfliegend Vögeleinerhaschen möge. "Der Buhz, der Buhz!" schrie die Kleine wieder."Schieß, Johannes, schieß!"--Der Kauz aber, den die Freßgier taubgemacht, saß noch immer und stierete in die Höhlung. Da spannteich meinen Eschenbogen und schoß, daß das Raubthier zappelnd aufdem Boden lag; aus dem Baume aber schwang sich ein zwitscherndVöglein in die Luft.
Seit der Zeit waren Katharina und ich zwei gute Gesellen miteinander; in Wald und Garten, wo das Mägdlein war, da war auch ich.Darob aber mußte mir gar bald ein Feind erstehen; das war der Kurtvon der Risch, dessen Vater eine Stunde davon auf seinem reichenHofe saß. In Begleitung seines gelahrten Hofmeisters, mit dem HerrGerhardus gern der Unterhaltung pflag, kam er oftmals auf Besuch;und da er jünger war als Junker Wulf, so war er wohl auf mich undKatharinen angewiesen; insonders aber schien das brauneHerrentöchterlein ihm zu gefallen. Doch war das schier umsonst;sie lachte nur über seine krumme Vogelnase, die ihm, wie bei fastallen des Geschlechtes, unter buschigem Haupthaar zwischen zweimerklich runden Augen saß. Ja, wenn sie seiner nur von ferngewahrte, so reckte sie wohl ihr Köpfchen vor und rief. "Johannes,der Buhz, der Buhz!" Dann versteckten wir uns hinter den Scheunenoder rannten wohl auch spornstreichs in den Wald hinein, der sichin einem Bogen um die Felder und danach wieder dicht an die Mauerndes Gartens hinanzieht.
Darob, als der von der Risch deß inne wurde, kam es oftmalszwischen uns zum Haarraufen, wobei jedoch, da er mehr hitzig dennstark war, der Vortheil meist in meinen Händen blieb.
Als ich, um von Herrn Gerhardus Urlaub zu nehmen, vor meinerAusfahrt in die Fremde zum letzten Mal, jedoch nur kurze Tage, hierverweilte, war Katharina schon fast wie eine Jungfrau; ihr braunesHaar lag itzt in einem goldnen Netz gefangen; in ihren Augen, wennsie die Wimpern hob, war oft ein spielend Leuchten, das mich schierbeklommen machte. Auch war ein alt gebrechlich Fräulein ihr zurObhut beigegeben, so man im Hause nur "Bas' Ursel" nannte; sie ließdas Kind nicht aus den Augen und ging überall mit einer langenTricotage neben ihr.
Als ich so eines Octobernachmittags im Schatten der Gartenheckenmit beiden auf und ab wandelte, kam ein lang aufgeschossener Gesell,mit spitzenbesetztem Lederwams und Federhut ganz alamode gekleidet,den Gang zu uns herauf; und siehe da, es war der Junker Kurt, meinalter Widersacher. Ich merkte allsogleich, daß er noch immer beiseiner schönen Nachbarin zu Hofe ging; auch daß insonders dem altenFräulein solches zu gefallen schien. Das war ein "Herr Baron" aufalle Frag' und Antwort; dabei lachte sie höchst obligeant mit einerwidrig feinen Stimme und hob die Nase unmäßig in die Luft; michaber, wenn ich ja ein Wort dazwischen gab, nannte sie stetig "Er"oder kurzweg auch "Johannes", worauf der Junker dann seine rundenAugen einkniff und im Gegentheile that, als sähe er auf mich herab,obschon ich ihn um halben Kopfes Länge überragte.
Ich blickte auf Katharinen; die aber kümmerte sich nicht um mich,sondern ging sittig neben dem Junker, ihm manierlich Red undAntwort gebend; den kleinen rothen Mund aber verzog mitunter einspöttisch stolzes Lächeln, so daß ich dachte: 'Getröste dich,Johannes; der Herrensohn schnellt itzo deine Waage in die Luft!'Trotzig blieb ich zurück und ließ die andern dreie vor mirgehen. Als aber diese in das Haus getreten waren und ich davornoch an Herrn Gerhardus' Blumenbeeten stand, darüber brütend, wieich, gleich wie vormals, mit dem von der Risch ein tüchtigHaarraufen beginnen möchte, kam plötzlich Katharina wiederzurückgelaufen, riß neben mir eine Aster von den Beeten undflüsterte mir zu: "Johannes, weißt du was? Der Buhz sieht einemjungen Adler gleich; Bas' Ursel hat's gesagt!" Und fort war siewieder, eh ich mich's versah. Mir aber war auf einmal all Trotzund Zorn wie weggeblasen. Was kümmerte mich itzund der Herr Baron!Ich lachte hell und fröhlich in den güldnen Tag hinaus; denn beiden übermüthigen Worten war wieder jenes süße Augenspiel gewesen.Aber diesmal hatte es mir gerad ins Herz geleuchtet.
Bald danach ließ mich Herr Gerhardus auf sein Zimmer rufen; erzeigte mir auf einer Karte noch einmal, wie ich die weite Reisenach Amsterdam zu machen habe, übergab mir Briefe an seine Freundedort und sprach dann lange mit mir, als meines lieben seligenVaters Freund. Denn noch selbigen Abends hatte ich zur Stadt zugehen, von wo ein Bürger mich auf seinem Wagen mit nach Hamburgnehmen wollte.
Als nun der Tag hinabging, nahm ich Abschied. Unten im Zimmer saßKatharina an einem Stickrahmen; ich mußte der Griechischen Helenagedenken, wie ich sie jüngst in einem Kupferwerk gesehen; so schönerschien mir der junge Nacken, den das Mädchen eben über ihreArbeit neigte. Aber sie war nicht allein; ihr gegenüber saß Bas'Ursel und las laut aus einem französischen Geschichtenbuche. Daich näher trat, hob sie die Nase nach mir zu. "Nun, Johannes",sagte sie, "Er will mir wohl Ade sagen? So kann Er auch demFräulein gleich Seine Reverenze machen!"--Da war schon Katharinavon ihrer Arbeit aufgestanden; aber indem sie mir die Hand reichte,traten die Junker Wulf und Kurt mit großem Geräusch ins Zimmer; undsie sagte nur: "Leb wohl, Johannes!" Und so ging ich fort.
Im Thorhaus drückte ich dem alten Dieterich die Hand, der Stab undRanzen schon für mich bereit hielt; dann wanderte ich zwischen denEichbäumen auf die Waldstraße zu. Aber mir war dabei, als könneich nicht recht fort, als hätt ich einen Abschied noch zu Gute, undstand oft still und schaute hinter mich. Ich war auch nicht denRichtweg durch die Tannen, sondern, wie von selber, den vielweiteren auf der großen Fahrstraße hingewandert. Aber schon kamvor mir das Abendroth überm Wald herauf, und ich mußte eilen, wennmich die Nacht nicht überfallen sollte. "Ade, Katharina, ade!"sagte ich leise und setzte rüstig meinen Wanderstab in Gang.
Da, an der Stelle, wo der Fußsteig in die Straße mündet--instürmender Freude stund das Herz mir still--, plötzlich aus demTannendunkel war sie selber da; mit glühenden Wangen kam siehergelaufen, sie sprang über den trocknen Weggraben, daß die Fluthdes seidenbraunen Haars dem güldnen Netz entstürzete; und so fingich sie in meinen Armen auf. Mit glänzenden Augen, noch mit demOdem ringend, schaute sie mich an. "Ich--ich bin ihnenfortgelaufen!" stammelte sie endlich; und dann, ein Päckchen inmeine Hand drückend, fügte sie leis hinzu: "Von mir, Johannes! Unddu sollst es nicht verachten!" Auf einmal aber wurde ihrGesichtchen trübe; der kleine schwellende Mund wollte noch wasreden, aber da brach ein Thränenquell aus ihren Augen, undwehmüthig ihr Köpfchen schüttelnd, riß sie sich hastig los. Ichsah ihr Kleid im finstern Tannensteig verschwinden; dann in derFerne hörte ich noch die Zweige rauschen, und dann stand ich allein.Es war so still, die Blätter konnte man fallen hören. Als ichdas Päckchen aus einander faltete, da war's ihr güldnerPathenpfennig, so sie mir oft gezeigt hatte; ein Zettlein lag dabei,das las ich nun beim Schein des Abendrothes. "Damit du nicht inNoth gerathest", stund darauf geschrieben.--Da streckt ich meineArme in die leere Luft: "Ade, Katharina ade, ade!"--wohl hundertmalrief ich es in den stillen Wald hinein;--und erst mit sinkenderNacht erreichte ich die Stadt.
--Seitdem waren fast fünf Jahre dahingegangen.--Wie würd ich heutealles wiederfinden?
Und schon war ich am Thorhaus und sah drunten im Hof die altenLinden, hinter deren lichtgrünem Laub die beiden Zackengiebel desHerrenhauses itzt verborgen lagen. Als ich aber durch den Thorweggehen wollte, jagten vom Hofe her zwei fahlgraue Bullenbeißer mitStachelhalsbändern gar wild gegen mich heran; sie erhuben einerschreckliches Geheul, der eine sprang auf mich und fletscheteseine weißen Zähne dicht vor meinem Antlitz. Solch einenWillkommen hatte ich noch niemalen hier empfangen. Da, zu meinemGlück, rief aus den Kammern ober dem Thore eine rauhe, aber mir gartraute Stimme. "Hallo!" rief sie; "Tartar, Türk!" Die Hunde ließenvon mir ab, ich hörte es die Stiege herabkommen, und aus der Thür,so unter dem Thorgang war, trat der alte Dieterich.
Als ich ihn anschaute, sahe ich wohl, daß ich lang in der Fremdegewesen sei; denn sein Haar war schlohweiß geworden, und seinesonst so lustigen Augen blickten gar matt und betrübsam auf michhin. "Herr Johannes!" sagte er endlich und reichte mir seinebeiden Hände.
"Grüß Ihn Gott, Dieterich!" entgegnete ich. "Aber seit wann haltetIhr solche Bluthunde auf dem Hof, die die Gäste anfallen gleich denWölfen?"
niemand mir begegnete; nur einer Grasmücke Singen .
"Ja, Herr Johannes", sagte der Alte, "die hat der Junkerhergebracht."
"Ist denn der daheim?" Der Alte nickte.
"Nun", sagte ich, "die Hunde mögen schon vonnöthen sein; vom Kriegher ist noch viel verlaufen Volk zurückgeblieben."
"Ach, Herr Johannes!" Und der alte Mann stund immer noch, als wolleer mich nicht zum Hof hinauf lassen. "Ihr seid in schlimmer Zeitgekommen!"
Ich sah ihn an, sagte aber nur: "Freilich, Dieterich; aus mancherFensterhöhlung schaut statt des Bauern itzt der Wolf heraus; habdergleichen auch gesehen; aber es ist ja Frieden worden, und dergute Herr im Schloß wird helfen, seine Hand ist offen."
Mit diesen Worten wollte ich, obschon die Hunde mich wiederanknurreten, auf den Hof hinausgehen; aber der Greis trat mir inden Weg. "Herr Johannes", rief er, "ehe Ihr weiter gehet, höretmich an! Euer Brieflein ist zwar richtig mit der Königlichen Postvon Hamburg kommen; aber den rechten Leser hat es nicht mehr findenkönnen."
"Dieterich!" schrie ich. "Dieterich!"
"--Ja, ja, Herr Johannes! Hier ist die gute Zeit vorbei; dennunser theurer Herr Gerhardus liegt aufgebahret dort in der Kapellen,und die Gueridons brennen an seinem Sarge. Es wird nun anderswerden auf dem Hofe; aber--ich bin ein höriger Mann, mir ziemetSchweigen."
Ich wollte fragen: "Ist das Fräulein, ist Katharina noch im Hause!"Aber das Wort wollte nicht über meine Zunge.
Drüben, in einem hinteren Seitenbau des Herrenhauses, war einekleine Kapelle, die aber, wie ich wußte, seit lange nicht benutztwar. Dort also sollte ich Herrn Gerhardus suchen.
Ich fragte den alten Hofmann: "Ist die Kapelle offen?", und als eres bejahete, bat ich ihn, die Hunde anzuhalten; dann ging ich überden Hof, wo niemand mir begegnete; nur einer Grasmücke Singen kamoben aus den Lindenwipfeln.
Die Thür zur Kapellen war nur angelehnt, und leis und gar beklommentrat ich ein. Da stand der offene Sarg, und die rothe Flamme derKerzen warf ihr flackernd Licht auf das edle Antlitz des geliebtenHerrn; die Fremdheit des Todes, so darauf lag, sagte mir, daß eritzt eines andern Lands Genosse sei. Indem ich aber neben demLeichnam zum Gebete hinknien wollte, erhub sich über den Rand desSarges mir gegenüber ein junges blasses Antlitz, das aus schwarzenSchleiern fast erschrocken auf mich schaute.
einer Karte noch einmal, wie ich die weite Reisenach.
Aber nur, wie ein Hauch verweht, so blickten die braunen Augenherzlich zu mir auf, und es war fast wie ein Freudenruf. "OJohannes, seid Ihr's denn? Ach, Ihr seid zu spät gekommen!" Undüber dem Sarge hatten unsere Hände sich zum Gruß gefaßt; denn eswar Katharina, und sie war so schön geworden, daß hier im Angesichtdes Todes ein heißer Puls des Lebens mich durchfuhr. Zwar, dasspielende Licht der Augen lag itzt zurückgeschrecket in der Tiefe;aber aus dem schwarzen Häubchen drängten sich die braunen Löcklein,und der schwellende Mund war um so röther in dem blassen Antlitz.
Und fast verwirret auf den Todten schauend, sprach ich: "Wohl kamich in der Hoffnung, an seinem lebenden Bilde ihm mit meiner Kunstzu danken, ihm manche Stunde genüber zu sitzen und sein mild undlehrreich Wort zu hören. Laßt mich denn nun die bald vergehendenZüge festzuhalten suchen."
Und als sie unter Thränen, die über ihre Wangen strömten, stumm zumir hinübernickte, setzte ich mich in ein Gestühlte und begann aufeinem von den Blättchen, die ich bei mir führte, des Todten Antlitznachzubilden. Aber meine Hand zitterte; ich weiß nicht, ob alleinevor der Majestät des Todes.
Während dem vernahm ich draußen vom Hofe her eine Stimme, die ichfür die des Junker Wulf erkannte; gleich danach schrie ein Hund wienach einem Fußtritt oder Peitschenhiebe; und dann ein Lachen undeinen Fluch von einer andern Stimme, die mir gleicherweise bekanntdeuchte.
Als ich auf Katharinen blickte, sah ich sie mit schier entsetztenAugen nach dem Fenster starren; aber die Stimmen und die Schrittegingen vorüber. Da erhub sie sich, kam an meine Seite und sahe zu,wie des Vaters Antlitz unter meinem Stift entstund. Nicht lange,so kam draußen ein einzelner Schritt zurück; in demselbenAugenblick legte Katharina die Hand auf meine Schulter, und ichfühlte, wie ihr junger Körper bebte.
Sogleich auch wurde die Kapellenthür aufgerissen; und ich erkannteden Junker Wulf, obschon sein sonsten bleiches Angesicht itzt rothund aufgedunsen schien.
"Was huckst du allfort an dem Sarge!" rief er zu der Schwester."Der Junker von der Risch ist da gewesen, uns seine Condolenze zubezeigen; du hättest ihm wohl den Trunk kredenzen mögen!"
Zugleich hatte er meiner wahrgenommen und bohrete mich mit seinenkleinen Augen an. "Wulf", sagte Katharina, indem sie mit mir zuihm trat; "es ist Johannes, Wulf"
Der Junker fand nicht vonnöthen, mir die Hand zu reichen; ermusterte nur mein violenfarben Wams und meinte: "Du trägst daeinen bunten Federbalg; man wird dich 'Sieur' nun titulirenmüssen!"
"Nennt mich, wie's Euch gefällt!" sagte ich, indem wir auf den Hofhinaustreten. "Obschon mir dorten, von wo ich komme, das 'Herr'vor meinem Namen nicht gefehlet--Ihr wißt wohl, Eueres Vaters Sohnhat großes Recht an mir."
Er sah mich was verwundert an, sagte dann aber nur: "Nun wohl, somagst du zeigen, was du für meines Vaters Gold erlernet hast; undsoll dazu der Lohn für deine Arbeit dir nicht verhalten sein."
Ich meinete, was den Lohn anginge, den hätte ich längstvorausbekommen; da aber der Junker entgegnete, er werd es halten,wie sich's für einen Edelmann gezieme, so fragte ich, was fürArbeit er mir aufzutragen hätte.
"Du weißt doch", sagte er und hielt dann inne, indem er scharf aufseine Schwester blickte--"wenn eine adelige Tochter das Hausverläßt, so muß ihr Bild darin zurückbleiben."
Ich fühlte, daß bei diesen Worten Katharina, die an meiner Seiteging, gleich einer Taumelnden nach meinem Mantel haschte; aber ichentgegnete ruhig: "Der Brauch ist mir bekannt; doch, wie meinet Ihrdenn, Junker Wulf?"
"Ich meine", sagte er hart, als ob er einen Gegenspruch erwarte,"daß du das Bildniß der Tochter dieses Hauses malen sollst!"
Mich durchfuhr's fast wie ein Schrecken; weiß nicht, ob mehr überden Ton oder die Deutung dieser Worte; dachte auch, zu solchemBeginnen sei itzt kaum die rechte Zeit.
Da Katharina schwieg, aus ihren Augen aber ein flehentlicher Blickmir zuflog, so antwortete ich: "Wenn Eure edle Schwester es mirvergönnen will, so hoffe ich Eueres Vaters Protection und meinesMeisters Lehre keine Schande anzuthun. Räumet mir nur wieder meinKämmerlein ober dem Thorweg bei dem alten Dieterich, so sollgeschehen, was Ihr wünschet."
Der Junker war das zufrieden und sagte auch seiner Schwester, siemöge einen Imbiß für mich richten lassen.
Ich wollte über den Beginn meiner Arbeit noch eine Frage thun; aberich verstummte wieder, denn über den empfangenen Auftrag warplötzlich eine Entzückung in mir aufgestiegen, daß ich fürchtete,sie könne mit jedem Wort hervorbrechen. So war ich auch der zwogrimmen Köter nicht gewahr worden, die dort am Brunnen sich auf denheißen Steinen sonnten. Da wir aber näher kamen, sprangen sie aufund fuhren mit offenem Rachen gegen mich, daß Katharina einenSchrei that, der Junker aber einen schrillen Pfiff, worauf sieheulend ihm zu Füßen krochen. "Beim Höllenelemente", rief erlachend, "zwo tolle Kerle; gilt ihnen gleich, ein Sauschwanz oderFlandrisch Tuch!"
"Nun, Junker Wulf"--ich konnte der Rede mich nicht wohl enthalten--,"soll ich noch einmal Gast in Eueres Vaters Hause sein, so mögetIhr Euere Thiere bessere Sitte lehren!"
Er blitzte mich mit seinen kleinen Augen an und riß sich ein paarMal in seinen Zwickelbart. "Das ist nur so ihr Willkommensgruß,Sieur Johannes!" sagte er dann, indem er sich bückte, um dieBestien zu streicheln. "Damit jedweder wisse, daß ein anderRegiment allhier begonnen; denn--wer mir in die Quere kommt, denhetz ich in des Teufels Rachen!"
Bei den letzten Worten, die er heftig ausgestoßen, hatte er sichhoch aufgerichtet; dann pfiff er seinen Hunden und schritt über denHof dem Thore zu.
Ein Weilchen schaute ich hintendrein; dann folgte ich Katharinen,die unter dem Lindenschatten stumm und gesenkten Hauptes dieFreitreppe zu dem Herrenhaus emporstieg; ebenso schweigend gingenwir mitsammen die breiten Stufen in das Oberhaus hinauf, allwo wirin des seligen Herrn Gerhardus Zimmer traten.--Hier war noch alles,wie ich es vordem gesehen; die goldgeblümten Ledertapeten, dieKarten an der Wand, die saubern Pergamentbände auf den Regalen,über dem Arbeitstische der schöne Waldgrund von dem älterenRuisdael--und dann davor der leere Sessel. Meine Blicke bliebendaran haften; gleichwie drunten in der Kapellen der Leib desEntschlafenen, so schien auch dies Gemach mir itzt entseelet und,obschon vom Walde draußen der junge Lenz durchs Fenster leuchtete,doch gleichsam von der Stille des Todes wie erfüllet.