



Novelle (1876)
In unserem zu dem früher herzoglichen Schlosse gehörigen, seitMenschengedenken aber ganz vernachlässigten "Schloßgarten" warenschon in meiner Knabenzeit die einst im altfranzösischen Stileangelegten Hagebuchenhecken zu dünnen, gespenstischen Alleenausgewachsen; da sie indessen immerhin noch einige Blätter tragen,so wissen wir Hiesigen, durch Laub der Bäume nicht verwöhnt, siegleichwohl auch in dieser Form zu schätzen; und zumal von unsnachdenklichen Leuten wird immer der eine oder andre dort zutreffen sein. Wir pflegen dann unter dem dürftigen Schatten nachdem sogenannten "Berg" zu wandern, einer kleinen Anhöhe in dernordwestlichen Ecke des Gartens oberhalb dem ausgetrockneten Betteeines Fischteiches, von wo aus der weitesten Aussicht nichts imWege steht.
Die meisten mögen wohl nach Westen blicken, um sich an dem lichtenGrün der Marschen und darüberhin an der Silberflut des Meeres zuergötzen, auf welcher das Schattenspiel der langgestreckten Inselschwimmt; meine Augen wenden unwillkürlich sich nach Norden, wo,kaum eine Meile fern, der graue spitze Kirchturm aus dem höherbelegenen, aber öden Küstenlande aufsteigt; denn dort liegt einevon den Stätten meiner Jugend.
Der Pastorssohn aus jenem Dorfe besuchte mit mir die"Gelehrtenschule" meiner Vaterstadt, und unzählige Male sind wir amSonnabendnachmittage zusammen dahinaus gewandert, um dann amSonntagabend oder montags früh zu unserem Nepos oder später zuunserem Cicero nach der Stadt zurückzukehren. Es war damals aufder Mitte des Weges noch ein gut Stück ungebrochener Heide übrig,wie sie sich einst nach der einen Seite bis fast zur Stadt, nachder anderen ebenso gegen das Dorf erstreckt hatte. Hier summtenauf den Blüten des duftenden Heidekrauts die Immen und weißgrauenHummeln und rannte unter den dürren Stengeln desselben der schönegoldgrüne Laufkäfer; hier in den Duftwolken der Eriken und desharzigen Gagelstrauches schwebten Schmetterlinge, die nirgendssonst zu finden waren. Mein ungeduldig dem Elternhausezustrebender Freund hatte oft seine liebe Not, seinen träumerischenGenossen durch all die Herrlichkeiten mit sich fortzubringen;hatten wir jedoch das angebaute Feld erreicht, dann ging es auchum desto munterer vorwärts, und bald, wenn wir nur erst denlangen Sandweg hinaufwateten, erblickten wir auch schon über demdunkeln Grün einer Fliederhecke den Giebel des Pastorhauses,aus dem das Studierzimmer des Pastors mit seinen kleinen blindenFensterscheiben auf die bekannten Gäste hinabgrüßte.
Bei den Pastorsleuten, deren einziges Kind mein Freund war, hattenwir allezeit, wie wir hier zu sagen pflegen, fünf Quartier auf derElle, ganz abgesehen von der wunderbaren Naturalverpflegung. Nurdie Silberpappel, der einzig hohe und also auch einzig verlockendeBaum des Dorfes, welche ihre Zweige ein gut Stück oberhalb desbemoosten Strohdaches rauschen ließ, war gleich dem Apfelbaum desParadieses uns verboten und wurde daher nur heimlich von unserklettert; sonst war, soviel ich mich entsinne, alles erlaubt undwurde ja nach unserer Altersstufe bestens von uns ausgenutzt.
Der Hauptschauplatz unserer Taten war die große "Priesterkoppel",zu der ein Pförtchen aus dem Garten führte. Hier wußten wir mitdem den Buben angebotenen Instinkte die Nester der Lerchen und derGrauammern aufzuspüren, denen wir dann die wiederholtesten Besucheabstatteten, um nachzusehen, wie weit in den letzten zwei Stundendie Eier oder die Jungen nun gediehen seien; hier auf einertiefen und, wie ich jetzt meine, nicht weniger als jene Pappelgefährlichen Wassergrube, deren Rand mit alten Weidenstümpfen dichtumstanden war, fingen wir die flinken schwarzen Käfer, die wir"Wasserfranzosen" nannten, oder ließen wir ein andermal unsereauf einer eigens angelegten Werft erbaute Kriegsflotte ausWalnußschalen und Schachteldeckeln schwimmen. Im Spätsommergeschah es dann auch wohl, daß wir aus unserer Koppel einenRaubzug nach des Küsters Garten machten, welcher gegenüber demdes Pastorates an der anderen Seite der Wassergrube lag; dennwir hatten dort von zwei verkrüppelten Apfelbäumen unserenZehnten einzuheimsen, wofür uns freilich gelegentlich einefreundschaftliche Drohung von dem gutmütigen alten Manne zuteilwurde.--So viele Jugendfreuden wuchsen auf dieser Priesterkoppel,in deren dürrem Sandboden andere Blumen nicht gedeihen wollten; nurden scharfen Duft der goldknopfigen Rainfarren, die hier haufenweisauf allen Wällen standen, spüre ich noch heute in der Erinnerung,wenn jene Zeiten mir lebendig werden.
Doch alles dieses beschäftigte uns nur vorübergehend; meinedauernde Teilnahme dagegen erregte ein anderes, dem wir selbst inder Stadt nichts an die Seite zu setzen hatten.--Ich meine damitnicht etwa die Röhrenbauten der Lehmwespen, die überall aus denMauerfugen des Stalles hervorragten, obschon es anmutig genug war,in beschaulicher Mittagsstunde das Aus- und Einfliegen der emsigenTierchen zu beobachten; ich meine den viel größeren Bau der altenund ungewöhnlich stattlichen Dorfkirche. Bis an das Schindeldachdes hohen Turmes war sie von Grund auf aus Granitquadern aufgebautund beherrschte, auf dem höchsten Punkt des Dorfes sich erhebend,die weite Schau über Heide, Strand und Marschen.--Die meisteAnziehungskraft für mich hatte indes das Innere der Kirche; schonder ungeheure Schlüssel, der von dem Apostel Petrus selbst zustammen schien, erregte meine Phantasie. Und in der Tat erschloßer auch, wenn wir ihn glücklich dem alten Küster abgewonnen hatten,die Pforte zu manchen wunderbaren Dingen, aus denen eine längstvergangene Zeit hier wie mit finstern, dort mit kindlich frommenAugen, aber immer in geheimnisvollem Schweigen zu uns Lebendenaufblickte. Da hing mitten in die Kirche hinab ein schrecklichübermenschlicher Crucifixus, dessen hagere Glieder und verzerrtesAntlitz mit Blute überrieselt waren; dem zur Seite an einemMauerpfeiler haftete gleich einem Nest die braungeschnitzte Kanzel,an der aus Frucht- und Blattgewinden allerlei Tier- undTeufelsfratzen sich hervorzudrängen schienen. Besondere Anziehungaber übte der große geschnitzte Altarschrank im Chor der Kirche,auf dem in bemalten Figuren die Leidensgeschichte Christidargestellt war; so seltsam wilde Gesichter, wie das des Kaiphasoder die der Kriegsknechte, welche in ihren goldenen Harnischen umdes Gekreuzigten Mantel würfelten, bekam man draußen imAlltagsleben nicht zu sehen; tröstlich damit kontrastierte nur dasholde Antlitz der am Kreuze hingesunkenen Maria; ja, sie hätteleicht mein Knabenherz mit einer phantastischen Neigung bestrickenkönnen, wenn nicht ein anderes mit noch stärkerem Reize desGeheimnisvollen mich immer wieder von ihr abgezogen hätte.
Unter all diesen seltsamen oder wohl gar unheimlichen Dingen hingim Schiff der Kirche das unschuldige Bildnis eines toten Kindes,eines schönen, etwa fünfjährigen Knaben, der, auf einem mit Spitzenbesetzten Kissen ruhend, eine weiße Wasserlilie in seiner kleinenbleichen Hand hielt. Aus dem zarten Antlitz sprach neben demGrauen des Todes, wie hülfeflehend, noch eine letzte holde Spur desLebens; ein unwiderstehliches Mitleid befiel mich, wenn ich vordiesem Bilde stand.
Aber es hing nicht allein hier; dicht daneben schaute aus dunklemHolzrahmen ein finsterer, schwarzbärtiger Mann in Priesterkragenund Sammar. Mein Freund sagte mir, es sei der Vater jenes schönenKnaben; dieser selbst, so gehe noch heute die Sage, solle einst inder Wassergrube unserer Priesterkoppel seinen Tod gefunden haben.Auf dem Rahmen lasen wir die Jahreszahl 1666; das war langeher. Immer wieder zog es mich zu diesen beiden Bildern; einphantastisches Verlangen ergriff mich, von dem Leben und Sterbendes Kindes eine nähere, wenn auch noch so karge Kunde zu erhalten;selbst aus dem düsteren Antlitz des Vaters, das trotz desPriesterkragens mich fast an die Kriegsknechte des Altarschranksgemahnen wollte, suchte ich sie herauszulesen.
--Nach solchen Studien in dem Dämmerlicht der alten Kirche erschiendann das Haus der guten Pastorsleute nur um so gastlicher.Freilich war es gleichfalls hoch zu Jahren, und der Vater meinesFreundes hoffte, so lange ich denken konnte, auf einen Neubau;da aber die Küsterei an derselben Altersschwäche litt, so wurdeweder hier noch dort gebaut.--Und doch, wie freundlich warentrotzdem die Räume des alten Hauses; im Winter die kleine Stuberechts, im Sommer die größere links vom Hausflur, wo dieaus den Reformationsalmanachen herausgeschnittenen Bilder inMahagonirähmchen an der weißgetünchten Wand hingen, wo man aus demwestlichen Fenster nur eine ferne Windmühle, außerdem aber denganzen weiten Himmel vor sich hatte, der sich abends in rosenrotemSchein verklärte und dann das ganze Zimmer überglänzte! Die liebenPastorsleute, die Lehnstühle mit den roten Plüschkissen, das altetiefe Sofa, auf dem Tisch beim Abendbrot der traulich sausendeTeekessel--es war alles helle, freundliche Gegenwart. Nur einesAbends--wir waren derzeit schon Sekundaner--kam mir der Gedanke,welch eine Vergangenheit an diesen Räumen hafte, ob nichtgar jener tote Knabe einst mit frischen Wangen hier leibhaftigumhergesprungen sei, dessen Bildnis jetzt wie mit einer wehmütigholden Sage den düsteren Kirchenraum erfüllte.
Veranlassung zu solcher Nachdenklichkeit mochte geben, daß ich amNachmittage, wo wir auf meinen Antrieb wieder einmal die Kirchebesucht hatten, unten in einer dunkeln Ecke des Bildes vier mitroter Farbe geschriebene Buchstaben entdeckt hatte, die mir bisjetzt entgangen waren.
"Sie lauten C. P. A. S.", sagte ich zu dem Vater meines Freundes;"aber wir können sie nicht enträtseln."
"Nun", erwiderte dieser, "die Inschrift ist mir wohl bekannt; undnimmt man das Gerücht zu Hülfe, so möchten die beiden letztenBuchstaben wohl mit Aquis submersus, also mit 'Ertrunken' oderwörtlich 'Im Wasser versunken' zu deuten sein; nur mit demvorangehenden C. P. wäre man dann noch immer in Verlegenheit!Der junge Adjunktus unseres Küsters, der einmal die Quarta passiertist, meint zwar, es könne Casu periculoso--'Durch gefährlichenZufall'--heißen; aber die alten Herren jener Zeit dachten logischer;wenn der Knabe dabei ertrank, so war der Zufall nicht nur bloßgefährlich."
ins Land hinaufsteigt. Vor mir her flogen ab und zu ein paarWaldvöglein und letzeten ihren Durst an dem.
Ich hatte begierig zugehört. "Casu" sagte ich; "es könnte auchwohl 'Culpa' heißen?"
"Culpa?" wiederholte der Pastor. "Durch Schuld?--aber durch wessenSchuld?"
Da trat das finstere Bild des alten Predigers mir vor die Seele,und ohne viel Besinnen rief ich: "Warum nicht: Culpa patris?"
Der gute Pastor war fast erschrocken. "Ei, ei, mein junger Freund",sagte er und erhob warnend den Finger gegen mich. "Durch Schulddes Vaters?--So wollen wir trotz seines düsteren Ansehens meinenseligen Amtsbruder doch nicht beschuldigen. Auch würde erdergleichen wohl schwerlich von sich haben schreiben lassen."
Dies letztere wollte auch meinem jugendlichen Verstande einleuchten;und so blieb denn der eigentliche Sinn der Inschrift nach wie vorein Geheimnis der Vergangenheit.
Daß übrigens jene beiden Bilder sich auch in der Malerei wesentlichvor einigen alten Predigerbildnissen auszeichneten, welchegleich daneben hingen, war mir selbst schon klargeworden;daß aber Sachverständige in dem Maler einen tüchtigen Schüleraltholländischer Meister erkennen wollten, erfuhr ich freilichjetzt erst durch den Vater meines Freundes. Wie jedoch ein solcherin dieses arme Dorf verschlagen worden oder woher er gekommen undwie er geheißen habe, darüber wußte auch er mir nichts zu sagen.Die Bilder selbst enthielten weder einen Namen noch einMalerzeichen.
Die Jahre gingen hin. Während wir die Universität besuchten, starbder gute Pastor, und die Mutter meines Schulgenossen folgte späterihrem Sohne auf dessen inzwischen anderswo erreichte Pfarrstelle;ich hatte keine Veranlassung mehr, nach jenem Dorfe zu wandern.--Da,als ich selbst schon in meiner Vaterstadt wohnhaft war, geschah es,daß ich für den Sohn eines Verwandten ein Schülerquartier beiguten Bürgersleuten zu besorgen hatte. Der eigenen Jugendzeitgedenkend, schlenderte ich im Nachmittagssonnenscheine durch dieStraßen, als mir an der Ecke des Marktes über der Tür eines altenhochgegiebelten Hauses eine plattdeutsche Inschrift in die Augenfiel, die verhochdeutscht etwa lauten würde:
Gleich so wie Rauch und Staub verschwindt,Also sind auch die Menschenkind.
Die Worte mochten für jugendliche Augen wohl nicht sichtbar sein;denn ich hatte sie nie bemerkt, sooft ich auch in meiner Schulzeitmir einen Heißewecken bei dem dort wohnenden Bäcker geholt hatte.Fast unwillkürlich trat ich in das Haus; und in der Tat, es fandsich hier ein Unterkommen für den jungen Vetter. Die Stube ihreralten "Möddersch" (Mutterschwester)--so sagte mir der freundlicheMeister--, von der sie Haus und Betrieb geerbt hätten, habe seitJahren leer gestanden; schon lange hätten sie sich einen jungenGast dafür gewünscht.
Ich wurde eine Treppe hinaufgeführt, und wir betraten dann einziemlich niedriges, altertümlich ausgestattetes Zimmer, dessenbeide Fenster mit ihren kleinen Scheiben auf den geräumigenMarktplatz hinausgingen. Früher, erzählte der Meister, seien zweiuralte Linden vor der Tür gewesen; aber er habe sie schlagen lassen,da sie allzusehr ins Haus gedunkelt und auch hier die schöneAussicht ganz verdeckt hätten.
Über die Bedingungen wurden wir bald in allen Teilen einig; währendwir dann aber noch über die jetzt zu treffende Einrichtung desZimmers sprachen, war mein Blick auf ein im Schatten einesSchrankes hängendes Ölgemälde gefallen, das plötzlich meine ganzeAufmerksamkeit hinwegnahm. Es war noch wohlerhalten und stellteeinen älteren, ernst und milde blickenden Mann dar, in einerdunklen Tracht, wie in der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts siediejenigen aus den vornehmeren Ständen zu tragen pflegten, welchesich mehr mit Staatssachen oder gelehrten Dingen als mit demKriegshandwerke beschäftigten.
Der Kopf des alten Herrn, so schön und anziehend und so trefflichgemalt er immer sein mochte, hatte indessen nicht diese Erregung inmir hervorgebracht; aber der Maler hatte ihm einen blassen Knabenin den Arm gelegt, der in seiner kleinen, schlaff herabhängendenHand eine weiße Wasserlilie hielt; und diesen Knaben kannte ich jalängst. Auch hier war es wohl der Tod, der ihm die Augenzugedrückt hatte.
"Woher ist dieses Bild?" frug ich endlich, da mir plötzlichbewußt wurde, daß der vor mir stehende Meister mit seinerAuseinandersetzung innegehalten hatte.
Er sah mich verwundert an. "Das alte Bild? Das ist von unsererMöddersch", erwiderte er; "es stammt von ihrem Urgroßonkel, der einMaler gewesen und vor mehr als hundert Jahren hier gewohnt hat. Essind noch andre Siebensachen von ihm da."
Bei diesen Worten zeigte er nach einer kleinen Lade von Eichenholz,auf welcher allerlei geometrische Figuren recht zierlicheingeschnitten waren.
Als ich sie von dem Schranke, auf dem sie stand, herunternahm, fielder Deckel zurück, und es zeigten sich mir als Inhalt einige starkvergilbte Papierblätter mit sehr alten Schriftzügen.
"Darf ich die Blätter lesen?" frug ich.
"Wenn's Ihnen Pläsier macht", erwiderte der Meister, "so mögen Siedie ganze Sache mit nach Hause nehmen; es sind so alte Schriften;Wert steckt nicht darin."
Ich aber erbat mir und erhielt auch die Erlaubnis, diese wertlosenSchriften hier an Ort und Stelle lesen zu dürfen; und während ichmich dem alten Bilde gegenüber in einen mächtigen Ohrenlehnstuhlsetzte, verließ der Meister das Zimmer, zwar immer noch erstaunt,doch gleichwohl die freundliche Verheißung zurücklassend, daß seineFrau mich bald mit einer guten Tasse Kaffee regulieren werde.
Ich aber las und hatte im Lesen bald alles um mich her vergessen.
So war ich denn wieder daheim in unserm Holstenlande; am SonntageCantate war es Anno 1661!--Mein Malgeräth und sonstiges Gepäckehatte ich in der Stadt zurückgelassen und wanderte nun fröhlichfürbaß, die Straße durch den maiengrünen Buchenwald, der von derSee ins Land hinaufsteigt. Vor mir her flogen ab und zu ein paarWaldvöglein und letzeten ihren Durst an dem Wasser, so in dentiefen Radgeleisen stund; denn ein linder Regen war gefallen überNacht und noch gar früh am Vormittage, so daß die Sonne denWaldesschatten noch nicht überstiegen hatte.
Der helle Drosselschlag, der von den Lichtungen zu mir scholl, fandseinen Widerhall in meinem Herzen. Durch die Bestellungen, so meintheurer Meister van der Helst im letzten Jahre meines AmsterdamerAufenthalts mir zugewendet, war ich aller Sorge quitt geworden;einen guten Zehrpfennig und einen Wechsel auf Hamburg trug ich nochitzt in meiner Taschen; dazu war ich stattlich angethan: mein Haarfiel auf mein Mäntelchen mit feinem Grauwerk, und der LütticherDegen fehlte nicht an meiner Hüfte.
Meine Gedanken aber eilten mir voraus; immer sah ich HerrnGerhardus, meinen edlen großgünstigen Protector, wie er von derSchwelle seines Zimmers mir die Hände würd' entgegenstrecken, mitseinem milden Gruße: "So segne Gott deinen Eingang, mein Johannes!"
Er hatte einst mit meinem lieben, ach, gar zu früh in die ewigeHerrlichkeit genommenen Vater zu Jena die Rechte studiret und warauch nachmals den Künsten und Wissenschaften mit Fleiße obgelegen,so daß er dem Hochseligen Herzog Friederich bei seinem edlen,wiewohl wegen der Kriegsläufte vergeblichen Bestreben um Errichtungeiner Landesuniversität ein einsichtiger und eifriger Berathergewesen. Obschon ein adeliger Mann, war er meinem lieben Vaterdoch stets in Treuen zugethan blieben, hatte auch nach dessenseligem Hintritt sich meiner verwaiseten Jugend mehr, als zuverhoffen, angenommen und nicht allein meine sparsamen Mittelaufgebessert, sondern auch durch seine fürnehme Bekanntschaft unterdem Holländischen Adel es dahin gebracht, daß mein theuerer Meistervan der Helst mich zu seinem Schüler angenommen.
Meinte ich doch zu wissen, daß der verehrte Mann unversehrt aufseinem Herrenhofe sitze, wofür dem Allmächtigen nicht genug zudanken; denn, derweilen ich in der Fremde mich der Kunst beflissen,war daheim die Kriegsgreuel über das Land gekommen; so zwar, daßdie Truppen, die gegen den kriegswüthigen Schweden dem Könige zumBeistand hergezogen, fast ärger als die Feinde selbst gehauset, jaselbst der Diener Gottes mehrere in jämmerlichen Tod gebracht.Durch den plötzlichen Hintritt des Schwedischen Carolus war nunzwar Friede; aber die grausamen Stapfen des Krieges lagen überall;manch Bauern- oder Käthnerhaus, wo man mich als Knaben mit einemTrunke süßer Milch bewirthet, hatte ich auf meiner Morgenwanderungniedergesenget am Wege liegen sehen und manches Feld in ödemUnkraut, darauf sonst um diese Zeit der Roggen seine grünen Spitzentrieb.
Aber solches beschwerete mich heut nicht allzu sehr; ich hatte nurVerlangen, wie ich dem edlen Herrn durch meine Kunst beweisenmöchte, daß er Gab und Gunst an keinen Unwürdigen verschwendet habe;dachte auch nicht an Strolche und verlaufen Gesindel, das vomKriege her noch in den Wäldern Umtrieb halten sollte. Wohl abertückete mich ein anderes, und das war der Gedanke an den JunkerWulf. Er war mir nimmer hold gewesen, hatte wohl gar, was seinedler Vater an mir gethan, als einen Diebstahl an ihm selberangesehen; und manches Mal, wenn ich, wie öfters nach meines liebenVaters Tode, im Sommer die Vacanz auf dem Gute zubrachte, hatte ermir die schönen Tage vergället und versalzen. Ob er anitzt inseines Vaters Hause sei, war mir nicht kund geworden, hatte nurvernommen, daß er noch vor dem Friedensschlusse bei Spiel undBecher mit den Schwedischen Offiziers Verkehr gehalten, was mitrechter Holstentreue nicht zu reimen ist.